Viele nackte Frauenkörper, wenig über Hexen

Die Presse, glaubt man den Zitaten auf der Internetseite der Ausstellung, ist sehr angetan von “ Hexenlust und Sündenfall. Die seltsamen Phantasien des Hans Baldung Grien„, eine Schau, die noch bis 13. Mai im Frankfurter Städel-Museum zu sehen ist. Das Lieblings-Sujet von Grien waren Frauenkörper, die der Schüler von Albrecht Dürer in allen erdenklichen sinnlich-obszönen Posen meist in Form von Holzschnitten auf getöntes Papier umsetzte. Die Werke sind wirklich großartig und man kommt doch sehr ins Staunen und Grübeln. Die Ausstellung selbst unterstützt nur bedingt die Fragen, die sich einem aufdrängen, obwohl ich selten eine Kunstausstellung gesehen habe, die soviel Text an die Wände angebracht hatte. Mein Problem mit den Texten war es, dass sie erstens sprachlich ungeschickt formuliert bzw. eher einem bildungsbürgerlichen Duktus entsprachen als einem lesbaren Ausstellungstext. Zum zweiten bewegten sich die Texte auf einer rein kunstgeschichtlichen Ebene – gerade bei diesen Bildern hätte ich mir aber den gesellschaftlichen Bezug gewünscht. Manchmal gelingt es, etwa wenn auf zeitgenössische Maler hingewiesen wird oder gar gezeigt werden. Wieso Grien aber ausgrechnet sich in dieser Form dem Frauenkörper widmet, ist mir nicht klar geworden – außer, dass es bei der Liebhabern der Kunst-und Naturalienkammern angesagt war. Und warum werden die Hexenverfolgungen nicht thematisiert? Gerade da tut sich doch ein ungeheures Spannungsfeld auf, da wir uns im 16. Jahrhundert befinden, in dem v.a. Frauen als Hexen stigmatisiert und umgebracht wurden. Und wenn die Vorlieben des Hans Baldung Grien in der Kunstgeschichte ein noch nicht gelöstes Rätsel sind, wie ich hinterher las, – wieso wurde dies nicht auch in einem der viele Texte thematisiert?
Das Ärgerlichste an der Austellung war etwas, worüber sich das Museum sicher sehr freut: es war viel zu voll. Störend waren nicht die vielen Einzelbesucherinnen, sondern gleich zwei Führungen, die sich in der engen Kabinettausstellung auf die Füße traten und damit auch dem Individualbesucher nicht gönnten, sich in Ruhe ein Bild anzuschauen oder gar einen Text zu lesen. Und obwohl in ein Mikrophon gesprochen wurde, herrschte ein extrem lauter Gesprächspegel. Samt Handy-Geklingle reichte das aus, sich wie auf einem Bahnhof zu fühlen.

Über die Ausstellung: Beitrag mit vielen Bildern auf hr-online oder ein Artikel auf Welt-online. Wer sich für Hexen interessiert: 2002 haben das DHM in Berlin und das Historische Museum der Stadt Luxemburg die Ausstellung „Hexenwahn. Ängste der Neuzeit“ ausgerichtet.

Kategorie: Frankfurt am Main

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