Man spricht Deutsch

Geschrieben von am 14. September 2009 17:45

Während der kommende dgv-Kongress (“Mobilitäten”, 27.-30.9.2009 in Freiburg im Breisgau) unter anderem von den zögerlichen Versuchen volkskundlicher (im weiten Sinne) Museen, moderne Migration darzustellen berichten wird, hat das Österreichische Museum für Volkskunde ein originelles und intelligentes Projekt entwickelt.

Migranten sind dabei nicht das Objekt einer Ausstellung oder passives Publikum sondern aktive Teilnehmer. Nicht über sie sondern mit ihnen wird gearbeitet, das Museum wird für sie zum Erlebnisraum, zum Tor in eine – eventuelle – neue Heimat.
Neue, immer striktere, Einwanderungsbestimmungen verlangen heutzutage in den meisten Ländern Europas dass Kandidaten für Aufenthaltsgenehmigungen Kenntnisse über das Aufnahmeland und dessen Sprache nachweisen müssen. Und wo kann das besser geschehen als im Museum, fragte sich Katharina Richter-Kovarik, Kulturvermittlerin am ÖMV und Sprachtrainerin. Sie entwickelte in der Folge spezielle Rundgänge sowie Begleitmaterial das zusätzliche Informationen und ein Glossar bietet.
Die Teilnehmer müssen beispielsweise verschiedene Objekte in der Schausammlung finden, Fragen dazu beantworten und sie dann den anderen Gruppenmitgliedern vorstellen. “Es ist uns wichtig, alle vier sprachlichen Fähigkeiten, nämlich Sprechen, Schreiben, Lesen und Hören zu schulen”, betont Katharina Richter-Kovarik.
Senioren, eine andere Zielgruppe aktiver Museumsintegrierung, nehmen ebenfalls an den Kursen teil, um diverse Objekte des täglichen Lebens aus eigener Erfahrung zu erklären. Land und Leute, Geschichte und Sprache, Eigenes und Fremdes, all dies fliesst ein und ermöglicht ein besseres gegenseitiges Verständnis.
Das Programm wurde 2008 für den Österreichischen Staatspreis für Erwchsenenbildung im Rahmen des “Interkulturellen Jahres” nominiert und es wäre zu hoffen, dass es in Zukunft auch von anderen Museen aufgenommen wird.
Mehr dazu in der Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde LXIII/112, 2009, p.98-102 und auf der website des ÖMV

Wer hat Angst vor der "Cité de l’Immigration"?

Geschrieben von am 1. April 2009 12:43

Die Cité nationale de l’histoire de l’immigration die versucht, den Beitrag der Immigranten zur Geschichte Frankreichs zu verdeutlichen wurde am 10. Oktober 2007 dem Publikum zugänglich gemacht ohne dass jedoch jemals eine offizielle Eröffnung erfolgte.

Eine neue Gelegenheit für eine offizielle Anerkennung dieses wichtigen Museums und Dokumentarzentrums stellte die Eröffnung der Mediathek am 30. März dar. Vier Minister waren ursprünglich angesagt, doch der Präsident der Cité, Jacques Toubon, zog es vor, diesen Ankündigungen nur vorsichtig Glauben zu schenken. Er hatte recht: Kulturministerin Christine Albanel und Valérie Pécresse, Wissenschafts- und Universitätsministerin hatten schon einige Tage zuvor wichtige Agenda als Entschuldigung herangezogen. Eric Besson, Minister für Immigration und Integration sowie Erziehungsminister Xavier Darcos sagten kurzfristig ihre Teilnahme an den Eröffnungsfeierlichkeiten ab, da es vor dem Museum zu Protestaktionen kam.
Es ist einerseits kurios dass Politiker die Cité zu meiden scheinen, andererseits darf man sich auch über die Protestaktionen wundern. Sind sie angesichts der Einwanderungspolitik natürlich nicht überraschend, so sind sie aber gerade an diesem Ort nicht wirklich am Platz.
Die nach dem Soziologen und Immigrationsspezialisten Abdelmalek Sayad benannte allgemein zugängliche Mediathek bietet zur Thematik der Migration  10.000 Bücher,  8.000 Artikel, 1.000 Dokumentar- und Spielfilme sowie eine grosse Zahl von schriftlichen und sonoren Zeugnissen und Datenbanken.
Die aktuelle Ausstellung widmet sich dem Vergleich zwischen der Situation in Frankreich und in Deutschland seit 1871 (“A chacun ses étrangers? France-Allemagne de 1871 à nos jours”, bis zum 19. April), danach stehen die “banlieues” auf dem Programm (“Banlieues. Photographies de Patrick Zachmann”, 26.5.-30.9.) und gegen Ende des Jahres eine Kulturgeschichte der maghrebinischen Einwanderung (“Générations, un siècle d’histoire culturelle des Maghrébins en France”).

Sitzmöbel VII

Geschrieben von am 22. Juli 2008 09:29

Hier lässt es sich in der Cité national de l’histoire de l’immigration in Paris angenehm sitzen: Im ehemaligen Rezeptionssaal während der Kolonialausstellung 1931 und dem heutigen Forum.

Sitzen im Museum VI

Geschrieben von am 22. Juli 2008 09:23


So unprätentiös kann man in der Cité nationale de l’histoire de l’immigration in Paris sitzen.
In der Realität sieht man die Bank allerdings doch etwas besser als die Kamera.

Besucht die Ausstellung!

Geschrieben von am 13. Mai 2008 11:37

„Ne visitez pas l’Exposition Coloniale!“ so hieß es in einer Veröffentlichung der Surrealisten gegen die große Kolonialausstellung in Paris 1931. Nicht nur sie, sondern eine Vielzahl von Franzosen und Immigranten protestierten gegen die Ausstellung, die die Kolonien Frankreichs sowie das Mutterland als ein großes Ganzes feiern sollte – was es natürlich nie war. Über 75 Jahre später sollte man sich schon diese Ausstellung anschauen, die nun in der Cité nationale de l’histoire de l’immigration stattfindet: 1931. Les étrangers au temps de l’exposition coloniale ist eine Hommage an die damals über drei Millionen lebenden Fremden in Frankreich und der Versuch, die andere, die soziale Realität zur Zeit der Ausstellung darzustellen.
Ein Ausstellungsstück ist der Palais de la Porte dorée selbst, war er doch damals schon Teil der Kolonialschau. Die Ausstellung verspricht interessant zu werden, gehört doch der Schweizer Jacques Hainard zu den Kuratoren.

Hier findet sich ein ausführlicher, bebilderter Text von Brigitta Kuster über die Ausstellung von 1931.

Museum international 233/234 – Le patrimoine culturel des Migrants

Geschrieben von am 21. Februar 2008 19:26

Ein Doppelheft der Zeitschrift “Museum international“, herausgegeben von der UNESCO, ist anlässlich der Eröffnung der “Cité national de l’histoire de l’immigration” in Paris, dem Thema Migration und ihre Darstellung im Museum gewidmet.
In seinem Artikel “L’historien dans la Cité: comment concilier histoire et mémoire de l’immigration?” unterstreicht der Historiker und Soziologe Gérard NOIRIEL einen der wesentlichen Grundsätze des neuen Museums: Ziel sei es, die Geschichte der Immigrationund nicht jene der Immigranten darzustellen. Sie soll den Besuchern den historischen Prozess verständlich machen, wie Personen aus allen Weltgegenden integrale Mitglieder der nationalen aktuellen Gesellschaft geworden sind. Man könne nicht einerseits Integration verlangen und gleichzeitig einen Erinnerungskult einzelner Gruppen fördern, der sich auf eine als unveränderlich angesehene “Immigrantenkultur” bezieht. NOIRIEL weiss aber auch aus eigener langjähriger Erfahrung, wie kompliziert die Umsetzung eines solchen Konzeptes sein kann, sind doch Geschichte und Erinnerung oft widersprüchlich…
Hélène LAFONT-COUTURIER, Direktorin der CNHI, beschreibt die Schwierigkeiten eines Museums das a priori ohne Sammlung entstand, “Le musée national de l’histoire de l’immigration: un musée sans collections”. Neben Archivalien haben die Konzeptoren des Museums mehrere Themenbereiche gezielt gesammelt: Dinge die man von “hier” nach “dort” mitnimmt; Wissen, know-how, Bildung und Berufserfahrung; Immaterielles “Gepäck” (Gewohnheiten, Einstellungen, Glaubensvorstellungen, Träume, Mythen); individuelle Berichte und Bilddokumente. Einen wichtigen Platz nehmen die Werke zeitgenössischer Künstler ein: neben Installationen die oft komplexe Zusammenhänge veranschaulichen können, sind hier vor allem Fotografen zu nennen, die in Bildserien festhalten was oftmals als Einzelphänomen gesehen wird. Immigranten soll es so möglich werden, eigenes Erleben in einen grösseren Kontext einzuschreiben.
“Comment concilier l’inconcliable: la place de l’ethnologue dans le musée de la Cité nationale de l’histoire de l’immigration”, wie kann man Unvereinbares vereinbaren, fragt Fabrice GROGNET und meint damit die Verbindung von Ethnologie und Geschichte im musealen Kontext. Er erwartet sich von der neuen Institution einen Dialog zwischen Vergangenheit und Aktualität in Sammlungspraxis und Ausstellungspolitik.
Die konkrete Umsetzung des Museumskonzeptes ist der Inhalt des Beitrages von Pascal PAYEUR und Lydia ELHADAD, “Repères, une exposition permanente, deux cents ans d’histoire de l’immigration”. Das Ziel, den Besucher in die Geschichte der Immigration einzubinden, kollektives Geschick and individuelles zu binden, setzen sie in einem offenen Parcours um, der eine Abfolge von emotionellen und pädagogischen Erlebnissen vorsieht, in die der Besucher förmlich “eintauchen” soll. Angeregt durch Jacques Hainards Postulat, dass eine “Ausstellung ein intensives Erlebnis einer kollektiven Erfahrung” sein sollte, stellen Bilder, Installationen, Stimmen, Lebensfragmente den Einstieg dar. Einzelschicksale verbinden sich zum kollektiven Gedächtnis. Im Mitelpunkt des Gebäudes befindet sich die “galerie des dons” wo dem Museum übergebene Objekte ausgestellt werden – wechselseitiges geben und nehmen finden sich so illustriert. Interaktive “Orientierungstische” mit touch screens geben detaillierte Informationen zu den einzelnen Phänomenen, vor allem zu ihrem historischen Hintergrund. Grossflächigen Fotos oder Videoprojektionen, die die grossen Ereignisse darstellen (Vertreibung, Krieg, Arbeiteraufstand…) stehen kleine, intime Bilder oder bescheidene Alltagsobjekte gegenüber. Ein “Salon” am Ende der Ausstellung bietet Lesematerial, interaktive Einrichtungen, Spiele, Musik und ist als Ort der Begegnung, des Austausches zwischen den Besuchern gedacht.
Ein Museum ohne Sammlung, eine Institution die sich als “Cité” bezeichnet, ein Thema das Polemiken auslöst, welches Publikum will und kann man damit ansprechen? “La cité et ses publics: images, perceptions et évolutions” ist der Titel des Artikels von Fanny SERVOLE. Sie unterstreicht die Imageschwierigkeiten die mehrere Untersuchungen und Befragungen im Vorfeld der Museumseröffnung aufgezeigt haben. Einerseits die Vorstellung, dass Museum mit Vergangenheit gleichzusetzen sei, die negative Besetzung des Themas “Immigration” im aktuellen politischen und Mediendiskurs, die Befürchtung eines spröden Zugangs (zu viel Text), die allgemein fehlende Begeisterung für Gesellschaftsmuseen (im Gegensatz zu Kunstmuseen) etc. zeigen, dass noch viel Informationsarbeit nötig sein wird! Weder regelmässige Museumsbesucher noch solche, denen schon das Wort Museum Schwellenangst einflösst, fühlen sich angesprochen. Immigranten und ihre direkten Nachfahren wollen nicht an vergangenes Leid und aktuelle Probleme erinnert werden, “echte” Franzosen befürchten auf Rassismus und Kolonialismus hingewiesen zu werden. All diese Vorurteile sind noch lange nicht abgebaut und die Besucherzahlen des Museums lassen noch zu wünschen übrig. Eine Öffnung bietet hingegen die Website, die häufig aufgerufen wird und vielleicht auf diesem Wege zur Entdeckung der CNHI beitragen wird.
Auch Deutschland findet im Themenheft Erwähnung, “La signification politique et sociale d’un musée des Migrations en Allemagne”. Aytac ERYILMAZ, Vorsitzender des 1990 gegründeten Vereins DOMiT und Ausstellungsmacher zeichnet die grossen Linien der Immigration in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg nach und stellt vor allem die Aktivitäten von DOMiT vor: Aufbau eines Archivs und einer Sammlung zur Immigrationsgeschichte seit den 50er Jahren, die Durchführung von Forschungsprojeken zu diesem Thema; Ausstellungskonzeptionen sowie die Organisation von Tagungen und workshops.

Weitere Artikel: La genèse politique de la Cité (Jacques Toubon); La culture maghrébine en France, à Marseille: entre visible et invisible, entre acceptation et refoulement (Emile Témime); Immigration et droits culturels, reconnaissance politique et acceptation culturelle (Catherine Wihtol de Wenden); Les immigrants portugais et la culture portugaise en France (Marie-Christine Volovitch-Tavres et Dominique Stoenesco); L’ex-palais des Colonies: le poids d’un héritage (Dominique Jarrassé); un lieu de mémoire pour une cité d’histoire (Maureen Murphy); Un creuset d’échanges (Karthika Naïr); La Cité nationale de l’histoire de l’immigration: un lieu et un réseau de partenaires (Agnès Arquez-Roth); La documentation sur l’immigration: du centre des ressources à la médiathèque (Claire Tirefort); La Cité, lieu de transmission et public scolaire (Nathalie Héraud); Le mémorial des Immigrants à Sao Paulo: domaines de recherche et défis pour le XXIsiècle (Ana Maria da Costa Leitao Vieira); Le musée danois de l’immigration à Fureso: l’histoire de l’immigration et la collecte des souvenirs (Cathrine Kyo Hermansen et Thomas Moller); Les musées dédiés aux migrations: le musée portugais de l’Emigration (Maria Beatriz Rocha-Trindade et Miguel Monteiro); Mobiliser les communautés et transmettre leurs histoires: le rôle du musée de l’immigration dans l’une des villes le plus multiculturelles du monde (Padmini Sebastian).

Außerdem interessant: Das Projekt Migration der Kulturstiftung des Bundes und das Museu da Emigração e das Comunidades in Brasilien.

Die Cité wurde schon hier hier für den Museumsblog besucht und auch auf Kulturelle Welten

Bezugspunkte schaffen im Museum

Geschrieben von am 18. Oktober 2007 10:47


Auf den ersten Blick kommt die Dauerausstellung “Repères” in der Cité nationale de l’histoire de l’immigration leicht und locker daher: die Szenographie wirkt beschwingt, da sich die Gestaltungselemente abwechseln: bunte Vitrinen, Einbauten aus Pappe und Holz, große Leinwände, Monitore, beleuchtete Tische, all das trägt dazu bei, dass man neugierig auf das doch eigentlich schwerfällige Thema Immigration wird. Nach dem Prolog – hier erfährt man auf großen Karten allgemein etwas über die weltweiten Migrantenströme durch die Jahrhunderte, begibt man sich einige Stufen hinunter in den großen, luftigen Ausstellungsraum. Die Geschichte der Immigration in Frankreich wird ab Beginn des 19. Jahrhundert erzählt. Die drei großen Blöcke – Emigrieren, in Frankreich leben und Vielfältigkeiten (also welche Kulturen werden mitgebracht) – werden auf verschiedene Weise erzählt: Zum ersten durch die ganz persönlichen Geschichten einzelner Personen, repräsentiert mit persönlichen Stücken und Interviews, die man sich auf Monitoren anschauen kann. So geht es etwa um die Lebensgeschichte eines Radiomoderatoren aus dem Kongo und seinen Weg nach Paris. Zum zweiten mit einem Blick auf die Geschichte: die beleuchteten Tische thematisieren das große Ganze mit Texten und vielen Fotos. Beispielsweise ist ein Tisch der Herausbildung von Stereotypen des Fremden gewidmet. Zum dritten interpretieren Künstler ihre Sicht auf das Weggehen, Ankommen und Bleiben. So hat zum Beispiel ein Fotograf einen afrikanischen Immigranten auf seiner Irrfahrt durch Afrika bis nach Europa begleitet, ein anderer Künstler machte eine Installation aus Stockbetten und den typischen karierten Plastiktaschen. Diese Kombination von Objekten, Dokumentation und Kunst macht die Stärke der Ausstellung aus, und liefert Anhaltspunkte – so die ungefähre Übersetzung des Ausstellungstitels. Was auch gut gefällt, dass die Ausstellung Stellung bezieht und nicht in einem Bemühen der political correctness versandet.
Ein kleines B-moll (wie man es in Frankreich sagen würde) die Texte sind nur auf französisch.
Über die Cité hier, hier und hier im Museumsblog.

Kein Hof für die Immigration

Geschrieben von am 12. Oktober 2007 10:08

Skandal um die Cité nationale de l’Histoire de l’Immigration – zur Eröffnung am 10. Oktober fand kein offizieller Festakt statt. Staatspräsident Sarkozy hatte keine Zeit, ebensowenig der Minister für “Immigration und nationale Identität”; die Kulturministerin schaute abends mal kurz vorbei, so war in Le Monde nachzulesen. Einst ein Projekt der Linken, hat das Projekt eines Immigrationsmuseum nun nach knapp 30 Jahren einen Ort gefunden; Chirac – er hätte wohl gerne eingeweiht – spielte dabei eine entscheidende Rolle. Aber die Wellen schlagen gerade hoch, was Immigration in Frankreich betrifft, da ein neues, restriktives Einwanderungsgesetz durchgepeitscht werden soll. Schom im Juni gab es einen Eklat, als acht HistorikerInnen aus dem wissenschaftlichen Beirat der Cité zurücktraten. Nicht, weil sie das Museumsprojekt nicht weiter unterstützen wollten, sondern weil sie gegen das Sarkozy eingerichteten Ministerium für “Immigration und nationale Identität” protestieren wollten.
Aber wir können hingehen: Bis zum Sonntag ist der Eintritt frei und es viele Aktionen sind geplant. Zu sehen gibt es neben dem Gebäude die Ausstellung “Repères“. Am Samstag verlagert Radio France das Studio in die Cité.
Die FAZ berichtet in der Printausgabe heute ausführlich darüber.

Cité nationale de l’histoire de l’immigration
293, avenue Daumesnil, 75012 Paris (Métro Porte Dorée)
Dienstag- Freitag von 10-17.30 Uhr geöffnet, Sa und So 10-19 Uhr.

Die Cité öffnet das Tor

Geschrieben von am 17. September 2007 10:06


Am 10. Oktober wird offiziell eröffnet, doch anläßlich der Journées du Patrimoine konnte das Publikum die zukünftige Cité national de l’Histoire de l’Immigration im Pariser Osten schon einmal besichtigen. Viel zu sehen gab es nicht – an der Dauerausstellung wird wohl noch gearbeitet und am Gebäude selbst, das unter Denkmalschutz steht, kann nicht viel verändert werden. “Baustelle” war dann auch das Thema des Rundganges, den man mit einem Audioguide machen konnte. Der Hörparcours wurde aus einer Radioreportage zusammengestellt, die eine Journalistin über die Arbeiter der Cité gemacht hat und die man hier anhören kann. Männer aus allen möglichen Ländern der Welt erzählen über ihre Arbeit und ihr Verhältnis zu Frankreich. In Verbindung mit dem Gang durch das Gebäude war das sehr eindrucksvoll. Das Gebäude ist Ausstellungsgegenstand genug: 1931 zur Kolonialausstellung gebaut, muten heute die Fresken, die einen eurozentrischen Blick auf die damaligen Kolonien zeigen, schon etwas merkwürdig an. Hinzu kommt eine kleine Foto-Ausstellung, die den Umbau thematisiert. Höhepunkt für viele (kleine) BesucherInnen bleibt weiterhin das Aquarium, das nun mit neuen Tafeln und Farben etwas frischer wirkt.
Der Herr in Schwarz auf dem unteren Foto ist übrigens Loïc Julienne, einer der beiden Architekten, die das Gebäude umgebaut haben.
Der Museumsblog hat hier schon einmal über die Cité berichtet.

BallinStadt Hamburg

Geschrieben von am 21. August 2007 16:03

Schicker Trödel – Der Ballinstadt fehlt es an Inhalt und Glaubwürdigkeit
Schick stehen sie da, die neuen Klinkerbauten der BallinStadt. Beeindrucken soll dieses „Vorzeigeprojekt“ und eine erfolgreiche deutsch-amerikanische Geschichte erzählen: Kaum zu glauben, dass zwischen 1850 und 1934 an die 5 Mio. Menschen über Hamburg nach Amerika emigriert sind. Albert Ballin hatte nicht zuletzt als Generaldirektor der Hapag, der Hamburger Amerika Linie mit seinen modernen Passagierdampfern, ein starkes Interesse an steigenden Auswandererzahlen. Doch jene brachten nicht nur Geld, sondern auch gefährliche Seuchen in die Stadt. 1892 starben – auch angesichts miserabler hygienischer Verhältnisse in Hamburg – fast 10.000 Menschen an der asiatischen Cholera. So stand Ballin unter Zugzwang, wollte er seine wertvolle Kundschaft nicht gänzlich an Bremen verlieren.

Direkt am südlichen Hafenrand, auf der Veddel, ließ er folgend eine großzügige Anlage errichten, ausgestattet mit reichlich Grün, mit Kirchen und Musikpavillon, ja selbst mit jüdischer Synagoge und modernsten, auch koscheren Küchen. Auf der Weltausstellung in Paris prämiert und 1901 eröffnet waren die Auswandererhallen ein attraktives Pauschalangebot für Ausreisende aus Europa, die hier auf ihr Schiff warten und betreut die Ausreiseformalitäten erledigen konnten. Bereits 1906 musste die Anlage erweitert werden, es waren in jenem Jahr über 100.000 Gäste zu verbuchen. Eine kommerzielle Erfolgsgeschichte also.

Soweit die guten Nachrichten. Nun die schlechten: fast hundert Jahre danach möchte Hamburg an diesen Erfolg anknüpfen. Also investiert man 12 Mio. Euro – zu drei Vierteln die Stadt, ein Viertel die Sponsoren – , und baut auf dem mittlerweile brachen Gelände drei der Schlafbaracken originalgetreu wieder auf. Eine auf Freizeiteinrichtungen spezialisierte Firma, die Leisure Work Group, soll darin eine interaktive Erlebnisausstellung konzipieren und kommerziell vertreiben. Untertitel: „Port of Dreams – Auswandererwelt Hamburg“. So flach der Titel, so flach der Inhalt. Laut Betreiber können die Besucher sämtliche Phasen der Emigration nacherleben: „vom Aufbruch und Überfahrt bis zur Ankunft in New York und dem endgültigen Verbleib der Auswanderer.“ Nach dem schicken Foyer mit der ausführlichen Sponsorenpräsentation – der „Bereich Familienforschung“ ist wie andere Computertechnik größtenteils zusammengebrochen – wird man im zweiten Gebäude auf die Reise geschickt.

Doch die zahllosen alten Überseekoffer, die lieblos gekleideten Holzpuppen und die schief und krumm an den Wänden angeklebten Kopien historischer Dokumente vermitteln eher den Eindruck eines aufgelassenen Trödelladens als den einer Edutainmentausstellung. Mühsam sucht man sich Informationen zusammen, indem man sich an die Holzpuppen schmiegt, die relativ beliebige und vorhersehbare Geschichten erzählen und ein akustisches Chaos erzeugen. Man streift an den überall angeklebten Zetteln und Plakaten vorbei, die schwer zu interpretieren und zuzuordnen sind. Man steht irgendwann genervt vor Goldrahmen oder Koffern, die parallel banale Filmausschnitte auf Screens abspielen. Auch Installationen wie Ballins Arbeitsplatz, ein Schiffsbug mit Kino, eine New Yorker Einkaufsstraße oder ein deutscher Buchladen bleiben blutleer und nichtssagend. Ebenso einfältig sind die „Traumblasen“ mit Symbolgehalt am Eingang, die auf den Schiffsrumpf gepinselten Hoffnungen der Migranten, und die „Eingemachten Erinnerungen“ auf bunten Zetteln, die uns am Ende der 2. Halle präsentiert werden und die alle an modernes „brainstorming“ erinnern.

Im dritten und letzten Gebäude, dem historischen Pavillon, wird die Anlage abschließend ausführlich vorgestellt und ein thematischer Bezug zu Gegenwart und Umfeld geknüpft. Dieser sicher von der Stadt formulierte Anspruch soll mittels hochkopierten Statistiken mit Migrationszahlen und einer bunten Fotowand mit Kindern auf der Veddel – die in einem Video dann zynischerweise u n s die besten Wünsche in ihrer Landessprache zusprechen, dabei hätten sie sie selbst sicher nötiger – eingelöst werden. Doch so kann man das komplexe Problem von Flucht, Vertreibung und Suche nach menschenwürdiger Existenz im Zeitalter der Globalisierung nicht abhandeln.

Selten begegnet einem in dieser Ausstellung ein Gefühl von Bedeutung und Glaubwürdigkeit, alles wirkt seicht und gefällig, bleibt oberflächliches Event. Nur wer hartnäckig ist und an einzelnen Stellen genauer sucht – eine Fundgrube ist Ballins Schreibtisch –, entdeckt interessante historische Belege wie den Klagebrief eines jüdischen Auswanderers an Ballin, der über Misshandlungen in den Kontrollstationen berichtet, oder das einzige überlieferte Filmdokument des „Überseeheims“ von 1926. Nicht schick, aber zumindest spannend finden sicher viele das mechanische Pferd vor dem Gemüsekarren, das ständig seine Mähne schüttelt und dann den Schwanz erhebt – wird es wohl…?

Der Museumsblog hat hier und hier schon einmal darüber berichtet.

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