Das MHF im Sprachnebel

Geschrieben von am 21. Juni 2011 20:30

Der geschätzte Didier Rykner vom Blog La Tribune de L’Art war bei der Pressekonferenz dabei, als das Maison de l’histoire de France vorgestellt wurde (es war wohl etwas konfus) und hat den von Jean-Paul Rioux hier vorgestellten Bericht genauer gelesen.
Rykner weist auf viele missverständliche, gar unverständliche Formulierungen hin; so dass eigentlich keiner so richtig weiss, um was es in der neuen Institution eigentlich geht bzw. wohin die Reise gehen soll. Das Nebulöse steht allerdings konträr zum politisch propagierten Inhalt der Transparenz und Allgemeinverständlichkeit – da gilt es noch viel auszulegen!

Ich visualisiere indessen schon viele Blogbeiträge zur nationalen Geschichtsmuseum. Schön, dass uns Frankreich in dieser Hinsicht nie enttäuscht – das MQB und die ganzen Querellen sind ja schließlich auch schon eine Weile her….

Im Louvre spazieren gehen

Geschrieben von am 28. Juli 2009 16:30


Irgendwo hatte ich gelesen, dass es die sogenannten arts premiers im Louvre – also die im April 2000 im Pavillon des Sessions eingeweihten Räumlichkeiten nicht mehr gibt. Die 140 Werke aus Afrika, Asien, Süd- und Nordamerika und Ozeanien, die den Prolog zu dem damals in Planung befindlichen Musée du quai Branly bildeten, wären nun dorthin umgezogen. Auch Pariser Freunde waren sich unsicher, ob die Stücke überhaupt noch zu sehen sind.

Auf der Internetseite des Louvre ist nichts zu finden – denn wo sollte man hier zum Beispiel (siehe links) anfangen zu suchen? Auch mit dem Stichwort „Pavillon de Sessions“ war nichts Aktuelles auf der Seite zu finden – außer einem Link zur Startseite des Musée du quai Branly. Im zuverlässigen „l’officiel des spectacles“, dem günstigen Heft mit allen wichtigen aktuellen kulturellen Daten von Paris (das, seit ich es kenne, noch nie das Layout geändert hat), steht die Abteilung immerhin drin. Lesen Sie den Rest des Beitrags »

Menschliche Überreste können bestattet werden

Geschrieben von am 7. Juli 2009 15:13

„Der Kopf bleibt hier“, so titelte FAZ.NET 2007 einen kurzen Artikel über die mumifizierten Köpfe der Maori, die sich in französischen Museen befinden. Das Musée du quai Branly stellt die Schädel auf eine Ebene mit ägyptischen Mumien – so sei es nach Ansicht des Museums legitim, die menschlichen Überreste, die v.a. im 19. Jahrhundert nach Frankreich kamen, zu behalten. Freilich werden die Köpfe in keinem französischem Museum mehr ausgestellt; eine Diskussion wurde 2007 entfacht, als ein Museum in Rouen einen Kopf zurückgeben wollte, die damalige Kulturministerin das aber verhinderte.

Nun sollten sich das MqB und andere Museen darauf einstellen, dass die Köpfe nicht mehr lange in den Depots sind: Ende Juni hat französische Nationalversammlung einstimmig einen Gesetzentwurf verabschiedet, in dem beschlossen wird, die Köpfe aus allen französischen Sammlungen zurückzugeben, um sie in Neuseeland zu bestatten. Auf diese Weise kommt der französische Staat langjährigen Rückgabeforderungen der Maori endlich nach.

Die öffentliche Sitzung bot auch Gelegenheit für den Kulturminister Mitterand, ein Statement abzugeben: „Man baut Kultur nicht auf Handel oder Verbrechen auf. Man schafft Kultur durch Respekt und Austausch.“
Nachlesen kann man das alles in Le Monde. Hier kann man auch lesen, dass im Gesetzentwurf eine bereits bestehende Kommission wiederbelebt werden soll, die den Bestand der musealen Sammlungen genauestens überprüft. Museumskustoden und Wissenschaftlerinnen befürchten, dass damit Tür und Tor für Begehrlichkeiten geöffnet werden und die Unantastbarkeit der Sammlung bedroht ist.
Die Rückgabe von menschlichen Überresten war auch Gegenstand einer Tagung in Paris im Februar 2008 – mehr darüber hier im Museumsblog.

Upside Down

Geschrieben von am 7. Dezember 2008 19:49

Das Musée du Quai Branly (Paris) zeigt zur Zeit die Ausstellung „Upside Down – les Arctiques“. Doug Wheeler, amerikanischer Experimentalkünstler und Szenograph der Ausstellung und Edmund Carpenter, Filmemacher und Anthropologe, ihr Kommissär wollen sie bewusst ohne Kommentare um den Besucher zu einer virtuellen Wanderung durch die Polarwelt einzuladen. Einzige Informationsquelle, eine kleine Broschüre die Objektekartelle und andere Texte ersetzen soll.

Der Raum ist in bläuliches Licht getaucht, durch die grossen gefärbten Glasfenster sieht man schemenhaft die Bäume des umliegenden Gartens, die Vitrinen von unten mit Neonröhren erleuchtet erinnern an Eisblöcke, die Beschallung lässt den Wind auf den riesigen Eisflächen erahnen. Das alles sieht auf dem Papier chic und trendy aus. In der Realität gehen die Besucher ratlos (und fröstelnd) zwischen den Glaskästen herum, wissen nicht was sie sehen. Die Objekte, Masken, kleine Skulpturen, sind berührend schön, mit einer bewunderungswürdigen Finesse ausgeführt, fremdartig… Man möchte so vieles wissen. Man möchte wissen wer die Menschen sind die diese zauberhaften kleinen Eisbären geschnitzt haben, wer diese Masken trug und warum… das magere Heftchen gibt kaum Antworten, die zum Grossteil sehr kleinen Objekte sind oft auf Kniehöhe angebracht, die zur Verfügung gestellte Lupe macht die Frustration nur noch grösser. Warum nicht wenigstens ein kurzer Film im Eingangsbereich, der erlaubt die Gegenstände zu situieren, mehr über ihre Erzeuger und Benutzer zu erfahren? Ein Film wird dort allerdings gezeigt: ein Willkommentanz bei dem die Bilder auf dem Kopf stehen…
Der Quai Branly bleibt sich treu: „Volkskunst“ soll schön zum Anschauen sein, auf den Rest pfeift man!

Auch das gehört zu einem perfekten Museumsbesuch

Geschrieben von am 18. Juli 2008 10:22

Es geht um ein heikles, aber wichtiges Thema: auch die sanitären Anlagen eines Museums sollten einem gewissen Niveau doch folgen. Neulich in Paris wollte ich vor dem Besuch der Ausstellungen zunächst einem dringenden Bedürfnis nachkommen. Also gehe ich ins Foyer und folge den Schildern. Hierzu muss die Treppen am Musik-Zylinder nehmen – die KennerInnen wissen nun natürlich, dass ich mich im Musée du quai Branly befinde. Ich gehe zwei Etagen die Treppe hinunter und komme auf einen schmalen, dunklen Gang. Hier erkenne ich die richtige Richtung an den Schlangen: vor beiden Toiletten steht jeweils eine halbe Schulklasse, hinzu kommen die anderen BesucherInnen. Ich schaue nach, wieviel Toiletten eigentlich da sind, um die Wartezeit einschätzen zu können. Vier Toiletten habe ich gezählt! Vier Damentoiletten in einem Museum, das Millionen gekostet hat! Vier! Müssen Stararchitekten nie aufs Klo? Da ich unten keine weiteren Hinweisschilder auf Toiletten gesehen hatte, begebe ich mich in die Ausstellung, in der Hoffnung, dort etwas zu finden. Der Weg ist auch ausgeschildert – doch mein Ziel wegen Sanierungsmaßnahmen geschlossen. Und die nächste Toilette befindet sich einen Stock höher, für die Treppe muss man wieder ein ganzes Stück zurückgehen… Es ist aber nochmals alles gut gegangen. Aber der Museumsbesuch erhält dadurch keinen optimalen Auftakt.

Eine Art Gemischtwarenladen

Geschrieben von am 30. Oktober 2007 20:14

Bei meinem ersten Besuch hatte ich u.a. bemängelt, dass den BesucherInnen zuwenig Informationen geliefert werden und die Besucherführung quasi nicht existent ist. Nun hat das Musée du quai Branly nachgerüstet und in der Dauerausstellung Orientierungstische aufgestellt. Sie sind mit Texten und Karten versehen, auf denen, zum Teil mit Fotos, die geographische Herkunft der Objekte vermerkt ist. Ebenso ist hier nun ein Ausstellungsplan zu finden, so dass man jetzt wenigstens weiß, wo man sich in der Ausstellung befindet.
Auch dieses Mal war ich wieder verblüfft, wie sehr die als Innvovation verkaufte Präsentationsform der Dauerausstellung an die des vor zwei Jahren geschlossenen Musée national des Arts et Traditions populaires erinnert. Der Museologe Georges Henri Rivière hatte in den 1960/70er Jahren hier die populäre französische Kultur eloquent und kunstvoll in Szene gesetzt. Allerdings mit einem Unterschied: in den von ihm inszenierten Vitrinen spielten sich Geschichten ab, werden ganze Zusammenhänge aufgezeigt, während die im Musée du Quai Branly gestalteten Vitrinen auf mich eher dekorativ wirken.
Ansonsten war im Musée du Quai Branly der Pokal der Rugby-Weltmeisterschaft zu sehen, eine Fotografie der neuseeländischen Rugby-Mannschaft kontrastiert mit einer (Auftrags-) Fotografie, die die Mannschaft nochmals anders interpretiert, eine Ausstellung mit dem Titel Diaspora mit Video-Installationen und eine Ausstellung über Fünf Jahrhunderte höfische Kunst in Benin. Damit will das Museum offensichtlich gleich drei Terrains abstecken:
1. Aktualität: Frankreich war erstmals Austragungsort einer Rugby-Weltmeisterschaft und das diente dem Museum als Anlass, über das Gedränge von Kulturen* nachzudenken. Frankreich war in dieser Zeit im Rugby-Fieber, es waren sehr viel ausländische Fans in der Stadt. (Rugby-Fans sind zudem, was man hierzulande vielleicht nicht weiß, zahlungskräftige Gäste, die in Mehr-Sterne-Hotels absteigen und wahrscheinlich tagsüber sogar in Museen gehen.) Aktueller geht es also nicht!
2. Zeitgenössische Kunst: Die Ausstellung Diaspora wurde von der Filmemacherin Claire Denis kuratiert. Die ließ von KünstlerInnen, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr in Afrika leben, Auftragsarbeiten – Video, Ton und Licht-Installationen – anfertigen, die sich mit Afrika als Inspirationsquelle beschäftigen. Zudem soll auf einschlägigen Plattformen wie Youtube und flickr ein „digitaler Katalog“ enstehen (viel scheint da aber nicht zu passieren). Damit positioniert sich das Museum im Bereich zeitgenössische Kunst;
3. Tradition: Die Ausstellung über die höfische Kunst aus Benin schließlich ist vom Wiener Museum für Völkerkunde übernommen und repräsentiert eine klasssische völkerkundliche Ausstellung mit einem wissenschaftlichen Katalog. Damit kann sich das Museum seine Bedeutung für die Welt der ethnologischen Museen unter Beweis stellen. .
Jetzt liegt es an den BesucherInnen, das alles zusammenzubringen – wobei eines klar ist: das Musée du quai Branly ist trotz aller Kritik eine Adresse, um die man nicht herumkommt.

Über das Musée du quai Branly hier, hier, hier und hier im Museumsblog.

*Auch das Außenministerium hatte gemeinsam mit anderen Institutionen, während der Weltmeisterschaft eine Aktion gestartet, bei der man „Französisch im Gedränge“ lernen sollte.

Musée du quai Branly, die vierte

Geschrieben von am 7. Februar 2007 13:04



Ich habe nun das auch hier schon viel besprochene Musée du Quai Branly in Paris besichtigt. Es hat mich sehr enttäuscht: weder Architektur, Museographie oder Präsentation ist neu oder gar innovativ. Es bietet kein Aha-Erlebnis, wie damals die Grande Galerie d’Évolution des naturhistorischen Muséum oder wie die Präsentation des Musée d’Orsay. Es wird sich dennoch durchsetzen, aber nicht, weil es richtig gut ist, sondern weil damit Prestige verbunden ist. Mein erster Eindruck (weitere werden noch folgen):
Den Besucher empfängt, wenn er den wirklich interessanten Garten durchquert hat und die üblichen Hürden (einmal anstehen für die Tickets, einmal für die Sicherheitskontrolle, einmal für den Einlass), überwunden hat, ein sehr dunkel gehaltenes Foyer. Dann begibt man sich auf eine Rampe, die auf einem geschwungenen Weg hinauf in die Ausstellung führt. Eigentlich handelt es sich eher um einen Tunnel mit einer sehr niedrigen Decke. Ab und zu werden kurze Sätze in Leuchtschrift eingeblendet, mal sieht man einen Film oder Dias. Sonst passiert nichts. Auch der Audio-Guide, (der 5 Euro kostet) gibt nur eine knappe Einführung her. Dennoch baut die Rampe eine Erwartungshaltung auf, die dann leider nicht erfüllt wird: Man strandet auf einer Art Kreuzung und weiß nicht genau, wo man hin soll. Es ist schummrig, es gibt keinen Eye-Catcher. Also schaue ich mir erst die androgyne Figur an, die da etwas verloren steht. Zwar hatte das Museum aufgrund des Protestes Objektbeschriftungen angebracht, genützt hat es jedoch nicht viel, haben die Schilder doch eine viel zu kleine Schrift und es ist viel zu dunkel, um sie überhaupt lesen zu können. Überhaupt wird es einem schwer gemacht, Objekte anzusehen: so stehen viele Objekte frei vor der Glasfassade. Zum Schutz wurde auf die Fassade eine perforierte Folie geklebt. Vor der Fassade sind allerdings ebenfalls, anders perforierte Jalousien angebracht. Es entsteht also eine Art psychadelischer Effekt, so dass man die Objekte vor lauter Augenflimmern gar nicht richtig ansehen kann. Dazu ist es schwierig, überhaupt den Weg zu finden durch den mit Vitrinen vollgestellten Ausstellungsraum; die Besucherführung ist gleich null. Ich weiß nicht, wo ich mich befinde und habe keinen Überblick, was mich erwartet. Es sind diese Sachen, die mich ärgern und die mir zeigen, dass da wenig an den Museumsbesucher gedacht wurde. Auch die Museographie halte ich für überdenkenswert – wie ich das meine, werde ich noch in anderen Posts zur Diskussion stellen.Auf ihn wirke das Museum, so ein französischer Freund und unvoreingenommener Biologe, wie ein luxuriöser Duty-Free-Shop. Nach meinem Besuch muss ich ihm Recht geben: ich habe noch nie so viele Menschen in einem Museum gelangweilt um Vitrinen wandeln, telefonieren und Zeitung lesen sehen noch habe ich so viele Unterhaltungen über Erziehungsprobleme oder geschäftliche Angelegenheiten mitangehört. Das Museum bietet dazu wirklich die ideale, dekorative Kulisse. Allerdings erinnert mich alles eher an eine Shopping Mall der Mittelklasse: im Juni 2006 eröffnet, zeigt die Ausstellung jetzt schon einige Gesprauchsspuren. So ist der Bodenbelag teilweise zerstört und elektrische Kabel ragen ungeschützt in den Raum hinein.

Das MQB im Museumsblog wurde hier, hier und hier besprochen.

Musée du quai Branly, die dritte

Geschrieben von am 4. September 2006 09:54

Marc Zitzmann besuchte für die NZZ Online mehrmals das Musée du quai Branly in Paris und stellt in Hinblick auf die Architektur fest, „dass der erwartete grosse architektonische Wurf wohl leider nicht gelungen ist“. Auch was die Sammlung anbelangt, so zeigt er sich enttäuscht, da die Vorgeschichte und Vorgängerinstitutionen mit keinem Wort genannt werden: „So erscheint das Musée du quai Branly als eine Institution ohne Geschichte, eine Schöpfung ex nihilo.“ Er vermisst, dass den Nachfahren der „peuples d’origines“ nicht berücksichtigt wurden und dass man die Objekte allein aufgrund ihrer Schönheit und wegen ihres Alters ausstellt. Für sehr gelungen hält Zitzmann die Präsentation. Schade findet er es, dass viele Informationen erst im Nachhinein angebracht wurden und so den Eindruck stören: „Das 235 Millionen Euro teure Museum gleicht einem Haute-Couture-Kleid, das durch Sicherheitsnadeln zusammengehalten wird.“

Musée du quai Branly, die zweite

Geschrieben von am 2. August 2006 16:37

Auch wenn ich leider immer noch nicht in Paris war, kommen dennoch noch einige Anmerkungen zum Musée du quai Branly. Bei „Libération“ bzw. in ihrer Online-Version Liberation.fr habe ich am 20. Juli drei sehr interessante Stellungnahmen gefunden, die ich hier vorstellen möchte.

Die ehemalige Kultur- und Tourismusministerin Aninata Traore von Mali beschreibt das Museum als einen Ort, in dem die Objekte zelebriert werden, die den Völkern gehören, die heute durch Migrations-Gesetz von Sarkozy (der französische Innenminister) zurückgewiesen werden. Madame Traore schildert weiter, wie sie vor einiger Zeit von der damaligen Kulturministerin Frankreichs, Catherine Trautman, gebeten wurde, den Verkauf einer Figur der Tial, die einen belgischen Sammler gehörte, zu autorisieren; die Figur war, wie so viele andere, nach Europa „gebracht“ worden. Da Traore sich nicht daran beteiligen wollte, ein Stück reinzuwaschen, das höchstwahrscheinlich illegal aus Mali geschmuggelt worden war, schlug sie vor, Frankreich solle die Figur kaufen und dann an Mali zurückgeben. Mali wiederum würde dann die Figur an das Museum ausleihen. Traore flog ganz schnell aus dem Entscheidungsgremium heraus, mit der Begründung, „dass das Geld des französischen Steuerzahlers nicht für den Erwerb eines Stückes verwendet werden könnte, das dann nach Mali zurückgegeben würde“. Mit ihrer Ansicht erwarb sie sich bei ihrer Regierung auch keine Freunde: Mali kaufte schließlich selbst das Stück, um es dann an das Musée du Quai Branly auszuleihen.
Meine Meinung: allein die Vorstellung, dass ich etwas kaufen müsse, das mir gehört, damit wiederum ein Dritter davon profitiert, finde ich absurd. Eine unschöne Geschichte am Rande oder symptomatisch für das Musée du quai Branly?

Die Ausstellungskuratoren Sylvie Grossmann und Jean-Pierre Barou verweisen darauf, dass die im Museum gezeigten Kunstwerke noch viele andere Bedeutungsebenen besäßen, diese aber nur auf das Schöne und Dekorative beschränkten. Es geht ihnen nicht nur um die „beaux-arts“, also die schönen Künste, sondern um die „beaux savoirs“ – also um das schöne Wissen. Insbesondere verweisen sie auf die enge Verknüpfung von Wissen und Kunst, die im Musée du quai Branly gar nicht auftauche. Die enge Verwandtschaft zwischen Schönheit und Gesundheit bzw. zwischen Malerei und Gesundheit wurde bei den (wie sagt man das nun korrekt?) Urvölkern? schon längst erkannt. Seit über einem Jahrzehnt bestehe ein reger Austausch zwischen medizinischen Experten von den Navajos oder aus Tibet mit Wissenschaftlern der westlichen Welt, die deren Kenntnisse für aktuelle Problematiken sehr schätzten. Die Autoren fordern deswegen eine Museographie, die wirklich die beaux savoirs anerkennt und nicht ständig von „anderen Kulturen“ spricht.

Patrick Prado schließlich, Antropologe, beleuchtet die soziale Rolle des Museums und seinen Blick auf die anderen. Die Sichtweise auf die Objekte habe sich nur unwesentlich verändert, von wild über ethnisch zu „Stamm“(-eskunst) handle es sich immer um unsere Definition. Interessant auch der Hinweis, dass aus den Objekten der anderen zunächst „exotische“ Künste im Plural, dann einfach zu Kunst im Singular wurde – was ja auch der phänomenalen Aufwertung auf dem internationalen Kunstmarkt entspricht. Patrick Prado fragt sich, ob die zeitgenössische Anthropologie, die sich mit dem „Studium der Menschen hier, und jetzt und weiter weg beschäftige“ im Musée du Quai Branly repräsentiert sei. Nein, so sein klares Urteil und das sei kein Zufall: „Es sind die direkten Nachkommen derjenigen, die diese Wunderwerke hergestellt haben, die an den Stacheldrähten unserer europäischen Abwehr sterben, die zu Hunderten zwischen Lampedusa, Gibraltar und den kanarischen Inseln ertrinken, die wie Pakete mit täglichen Charterflügen ausgewiesen werden, deren Kinder aus den Schulen unserer Republik gerissen werden, wenn sie nicht unter den Fahrgestellen unserer Düsenflugzeuge erfrieren.“ Er vermisst Spuren der Nachfahren im Musée du quai Branly. Und er sagt: wenn wir sie schon alle rausschmeissen, dann sollten wir ihnen auch ihr Eigentum zurückgeben.

Mein Senf zum MQB – Musée du quai Branly

Geschrieben von am 4. Juli 2006 15:02

Das neue Museum in Paris, auf das alle so lange gewartet haben, ist eröffnet: Staatspräsident Chirac hat nun endlich auch sein eigenes. Wahrscheinlich wollte er nicht mehr nur in die Häuser von seinen Vorgängern Giscard d’Estaing, Pompidou oder Mitterrand gehen.
Warum heisst das Museum eigentlich nicht nach Chirac? Lange Zeit sollte die Institution, die Sammlungen des Musée de l’Homme und des Musée National des Arts Afrique et d’Océanie neu präsentiert, als Museum der ‚arts premiers‘ deklariert werden. Da aber während des über 10jährigen Entstehungsprozess bis heute nicht genau geklärt werden konnte, was mit dem Begriff arts premiers nun eigentlich gemeint ist, mußte am Ende mal wieder der Standort herhalten. Für ein Musée Chirac ist es wohl doch noch zu früh. Es gibt inzwischen sogar Gerüchte, dass die Institution nach dem großen französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss benannt werden soll. Das wäre nur logisch: zwar ist das Ganze eine Herzensangelegenheit von Jacques Chirac gewesen, aber Lévi-Strauss hat es erst möglich gemacht. Als Ehrenvorsitzender der für das Museumsprojekt eingesetzte Kommission hatte er das bis zuletzt umstrittene Konzept von Anfang an unterstützt. Und wenn erst ein Lévi-Strauss dafür ist, dann ist das Geld vom Präsidenten eine Lappalie. Viel gäbe es noch zu sagen, ohne dass ich schon einen Fuß hineingesetzt hätte. Doch mehr dazu nach dem nächsten Paris-Besuch!

Alle haben darüber berichtet, deswegen nur einige special links:
Spiegel online
Deutsche Welle mit Kommentaren von der Museumsbloggerin
Blog „Kulturelle Welten“ mit weiteren Hinweisen

Archiv

Noch was