2 x Werkzeug im Museum, hübsch arrangiert
Im Musée des vallées cévenoles von St. Jean du Gard (hier im Museumsblog mehr dazu)
und in der DIY-Ausstellung im Museum für Kommunikation Frankfurt. sehr hübsch!
Im Musée des vallées cévenoles von St. Jean du Gard (hier im Museumsblog mehr dazu)
und in der DIY-Ausstellung im Museum für Kommunikation Frankfurt. sehr hübsch!
Über das Museum Neukölln wurde hier im Museumsblog ja schon vor einiger Zeit geschrieben. Nun war ich selbst dort und habe natürlich die Dauerausstellung, aber auch die Ausstellung Drei Dinge meines Lebens angeschaut. 
Neun Objektgruppen sind im Raum in Vitrinen verteilt. Um sie zu verstehen, bedarf es audiovisueller Hilfe: mittels Großprojektion oder i-Pad erfährt man, welche Bewandtnis die Objekte haben und weshalb sie von ihren Besitzern ausgesucht wurden.
Dies hier im Bild ist ein seit Jahrzehnten in Berlin ansässiger Bayer, dem man seine Herkunft noch sehr anhört. Er erklärt, was Bild und Vase für ihn bedeuten, und offenbart zugleich Teile seines Lebens.
Gerade die Filme, in denen die Besitzer darlegen, warum sie die Objekte rausgesucht haben, sind sehr spannend. So zählt uns ein Mann lang und breit die Beschaffenheit, Herkunft und Form von Kaffeemühle, Hobel und Diaprojektor und lässt doch irgendwie offen, warum er diese Objekte ausgesucht hat und was sie für ihn bedeuten.
Ganz anders die Geschichten einer älteren Frau: der Toilettenrollenhalter steht für die Großmutter, der Aschenbecher für die Tante und deren Freundin, die Pfeife für einen toten Freund ihres Mannes. Das ist so schön erzählt, dass man hinterher die Objekte anders betrachtet. Und was will man mehr im Museum?

Von außen sieht das Musée des vallées cévenoles in St. Jean du Gard wie ein normales Heimatmuseum aus. Innen überrascht die wilde Anhäufung der Exponate. Und wie viele Exponate!
Das Heimatmuseum ist ein echtes museales Kleinod, das einen zum Staunen bringt. Ein Kleinod, weil man fast schon vergessen hatte, wie Museen aussehen, in denen eher Ding-Liebhaber als angestellte Kuratoren das Sagen haben. Restauratoren werden hier aber nicht unbedingt ihre Freude haben, stehen doch die meisten Exponate ungeschützt im vollen Tageslicht.
Schön ist auch die Verknüpfung von Text und Exponaten – hier wurde sich viel Mühe gemacht.
So sehr die Ansammlung von Stühlen, Werkzeugen, Bienekörben, Schlüsseln, Schränken, ausgestopften Tieren… begeistert – sie ermüdet aber irgendwann doch einmal.
Das bric à brac hat voraussichtlich bald ein Ende:
Das Museum ist Teil des Vorhabens des Kulturministeriums, das in den nächsten zwei Jahren knapp 80 Millionen Euro in regionale museale Institutionen stecken möchte.
Das Museum soll in der ehemaligen Spinnerei Maison rouge seinen Standort finden. Dann wird es wohl anders aussehen.
Passend zum Winter: im Musée dauphinois in Grenoble sitzt es sich auf weissen Snowboards.
Baustelle: Wien. In der Stadtzeitung Falter vom 20.10.2010 bekam die geplante, aber nun wohl geplatzte Fusion des Volkskundemuseums und des Völkerkundemuseums (hier im Museumsblog über das “Museum neu”) einen Kommentar mit der Überschrift:
Dame sticht Ober: Das Integrationsmuseum wird abgeschoben.
Matthias Dusini bedauert hier in seinem Kommentar, dass die Chance eines Museums der Kulturen, in dem der kolonialistische Blick auf den “Tiroler” und den “Neger” hätte korrigiert werden können, verspielt sei. Außerdem weist er noch weitere, befremdliche Zusammenhänge in der Wiener Museumswelt hin.
Und es geht noch mehr im Centre Pompidou Metz.
Das vierte und letzte Kapitel der Ausstellung – Meisterwerke auf ewig ist das spannendste: zeitgenössische Arbeiten werden mit vergangenen Werken – Film, Skulptur, Installation, Gemälde, Fotografie… verknüpft.
Die allergrößte Überraschung war es, hier meiner Lieblingsvitrine aus dem Musée national des arts et traditions zu begegnen: gegenüber der wunderbaren Graffiti-Fotoserie von Brassaï aus den 1930er Jahren läuft sozusagen der Schäfer mit seiner Schafherde durch die Ausstellung.
Die Vitrine war ein museographisches Meisterwerk von Georges Henri Rivière aus den 1970er Jahren, der hier das Patrimoine der Transhumanz zu Geltung bringen wollte – vor allem die kunstvoll geschnitzen Halskrausen der Schafe. Wie er das gemacht hatte, ist ein echter Rivière’scher Kunstgriff – und deswegen sei hier ein Exkurs an dieser Stelle erlaubt:
Wie bringt man eine Schafherde in einer Vitrine zum Marschieren? Was muss man tun, um einen Schäfer mit seinem mantelartigen Überwurf zu sehen, die Hammel und die Schafe mit ihren Glocken zu hören, einen Esel mit Packsattel und noch einen zweiten Schäfer, der das Ende der Herde bildet?
Hier die Original-Inszenierung aus dem ATP in Paris.
Das Rezept scheint einfach zu sein: „Die Objekte haben das Wort“ – so lautet das Leitmotiv von Rivière, der sich seit den 1930er Jahren für eine rigorose Museographie entschieden hat. Für jedes Objekt suchte er die beste Präsentationsweise, damit es leicht zu sehen war. Aus dieser Zeit stammt auch die Idee, Objekte mit Nylonfäden abzuhängen. Später perfektionierte Rivière diese Praxis im Palais de Chaillot, dem ersten Standort des volkskundlichen Museums. In der Ausstellung „Schäfer in Frankreich“ von 1962 marschierte eine Schafherde erstmals im Museum.
Das Abhängen von Objekten mit durchsichtigen Fäden reicht aber nicht. Nach Rivière zeichnet sich die ideale Museumsvitrine durch einen leeren, neutralen Hintergrund aus, mit abgehängten oder auf Sockeln gestellten Objekten und mit Objektbeschriftungen im Vordergrund. Damit man nur auf die Objekte achtet, wählte er einen schwarzen Hintergrund, eine direkte Beleuchtung und eine transparente Architektur.
Dieses Prinzip hat noch einen anderen Grund: da das Objekt aus seiner natürlichen Umgebung gerissen wird, soll die Gestaltung nicht Realität vortäuschen. Die Inszenierung soll die Rekonstruktion unterstreichen, indem eine extreme Verfremdung erfolgt. Die Galerie culturelle im ATP war ein künstlicher Ort, eine Theaterbühne, auf der die Objekte die Schauspieler sind – simple Objekte aus dem alltäglichen Leben, selbst wenn sie wie Kunstwerke in Szene gesetzt werden.
Aber der Nylonfaden zeigt die Objekt auch „in Funktion“. Man sieht nicht nur hängende Gegenstände, sondern ein Bild, von dem erzählen, da jedes einen bestimmten Platz einnimmt. Das Bild ist nicht vollständig und so ist die Vorstellungskraft gefragt. Die Objekte haben das Wort, aber sie sprechen nur durch die Sprache, die sie gemeinsam bilden. Die Vitrine stellt die Transhumanz um 1960 einer großen Merino-Schafherde dar, die auf dem Weg zur Sommeralm in den maritimen Alpen ist. Die Inszenierung ist viel mehr als eine einfache Rekonstruktion: das ästhetische und poetische Bild lässt die Magie der Objekte hervortreten.

Die Vitrine von Rivière in einer Kunstausstellung als Meisterwerk zu sehen – das ist schon eine kleine Sensation, hatte doch das ATP Mühe, im Reigen der kunsthistorisch dominierten Nationalmuseen sich zu behaupten. Vielleicht läutet diese Aufwertung eine Renaissance seiner Museologie ein, die sich dann über die Kunst manifestiert? Wundern würde mich das nicht.
Noch eine zweite Vitrine aus dem Hause Rivière war in Metz zu sehen: Kegel von Soldaten aus dem Algerienkrieg – dieses Mal eher eine klassische Inszenierung.
Doch zurück nach Metz:
Die Mischung der Werke aus unterschiedlichen Zeiten und Zusammenhängen macht wirklich Spaß. Ob es sich um die um die putzigen Pensionärs-Vögel von Annette Messager, einem Foto von Man Ray oder die Bibliothek von André Malraux handelt: immer geht es auch um die kreative Auseinandersetzung, wie man in seinem Bereich sich mit Kunst auseinandersetzt, etwas Neues, etwas Eigenes schafft – und das im Zeitalter der Reproduzierbarkeit. Dieser vielschichtige Diskurs auf allen nur möglichen Ebenen ist zum Ende hin – nach den drei ersten Ausstellungen – sehr anregend und macht hellwach.
Prominenter Teil der Ausstellung ist auch der Blick aus dem Fenster auf Metz – nach dem Motto von Ellsworth Kelly:
“Als ich im Oktober 1949 in Paris im Musée d’art modern war, bemerkte ich, dass mich die Fenster mehr interessierten als die ausgestellten Werke.”
Fortsetzung folgt
Die dritte Galerie im Centre Pomidou Metz packte einen von Anfang an: Der erste Blick auf und in die Ausstellung machte einfach neugierig. Ein Traum von Meisterwerken, so der Titel der dritten Schau, war eigentlich sehr funktional durchstrukturiert: zwei nebeneinanderliegende, lange Ausstellungsgalerien, die nebeneinanderliegen und mit Durchblicken neugierig auf das Gezeigte machen.
In der linken Seite werden Klassiker chronologisch präsentiert – wie zum Beispiel Stühle, die in das Kunstgedächtnis eingingen. In der rechten Seite wurden die Gebäude gezeigt, in denen diese Klassiker u.a. aufbewahrt wurden – man rollte die Museumsarchitektur der Kunstmuseen seit den 1930er Jahren auf, angefangen beim Palais du Tokyo in Paris, für die Weltausstellung 1937 gebaut, der in seinen beiden Flügeln heute das städtische Kunstmuseum und das Zentrum für zeitgenössische Kreation beherbergt
Nicht Metz setzte hier bei der Präsentation mit Modellen, Plänen, Fotografien und Filmen den vorläufigen Schlusspunkt, sondern das von Frank Gehry geplante Gebäude der Fondation Louis Vuitton im Jardin d’Acclimatation bei Paris (und hier im Museumsblog).
Das neue Museum von Gehry steht da, wo ein anderes Museum in den 1970er Furore machte: das Musée national des Arts et Traditions populaires, in den 1960er Jahren von Jacques Dubuisson erbaut, seit den 1930er Jahren freilich vom Gründungsdirektor Georges Henri Rivière imaginiert.
Und obwohl das Museum stets die arts et traditions populaires beherbergte, also Volkskunst (u.a. natürlich), finde ich es sehr richtig, dass es hier in der Reihe der Kunstmuseen aufgenommen wurde. Erstaunt hat es mich trotzdem, hatte ich doch überhaupt nicht damit gerechnet.
Sehr gefreut habe ich mich auch über einige Filmausschnitte, die man in kleinen Monitoren sehen konnte: Rivière selbst ist ebenso wie der Architekt Dubuission (links auf dem rechten Bild) als auch André Desvallées (rechts), einen der tatkräftigsten Mitstreiter, zu sehen.


Natürlich war es dann auch nur folgerichtig, dass der aktuelle Bau der Nachfolgeinstitution MuCEM in Marseille ebenfalls als Modell zu sehen war. Im November 2009 wurde der Grundstein für das neue Museumsgebäude von Rudy Ricciotti gelegt.
Die Hommage an die arts et tradotions populaires, aber vor allem an Georges Henri Rivière ging aber noch weiter.
Fortsetzung folgt!

Im ersten Stock setzte sich dann die Reflexion über Meisterwerke fort. Hier hieß das Motto Meisterwerke und ihre Geschichten. Dieses Kapitel bereitete mir etwas Schwierigkeiten, da Werke wie Inszenierung auf mich zu beliebig wirkten; vielleicht auch, weil der rigide Rundgangcharakter dann doch plötzlich fehlte. So schaute ich lieber aus dem Fenster – nach hinten raus, könnte man sagen.
Die Fortsetzung folgt!
Das Centre Pompidou in Paris war bei seiner Eröffnung 1977 angetreten, Wissen und Kunst (bzw. besser die Künste) zu verbinden und diese vor allem für alle zugänglich zu machen. Interdisziplinarität, Offenheit für alle, vor allem für alle Schichten, Offenheit aber auch für alle Formen der Kunst war hier Programm. Wie steht es damit in der neuen Außenstelle?
In Metz versucht man nun mit der Eröffnungsausstellung offensichtlich, an diese Anfänge anzuknüpfen. Die Ausstellung widmet sich nichts weniger als dem Meisterwerk.
Das Thema wird gleich viermal durchdekliniert: regionale Kunst und Patrimoine wird verknüpft mit nationaler und internationaler Kunst aller Sparten; auch das Centre Pompidou selbst als Institution der Kanonbildung thematisiert sich immer wieder selbst.
Das erste Kapitel Meisterwerke in der Geschichte in der großen Halle geht der Frage nach, wie Meisterwerke im Laufe der Zeit ‘gemacht’ werden, wie sich der Geschmack herausbildet und wie er sich ändert.
Der chronologische Rundgang durch die Geschichte ist vorgegeben; die Räume haben Obertitel wie modern?, Meisterwerke von gestern oder widmen sich den unbekannten Meisterwerken.
Das ist ganz gut gemacht, da nicht nur Bekanntes zu sehen ist, sondern auch die anderen, eben die Vergessenen, wie die mir völlig unbekannten KünstlerInnen aus den 1930er Jahren.
Die Ausstellung erstaunt auch durch ihre Inszenierung: die Besucherin schlängelt sich durch blaue Stellwände, deren eigentliche Architektur erst aber der Blick nach oben erschließt: an der Decke sind Spiegel so angebracht, die, je nach Standpunkt, eine Übersicht über die gesamte Ausstellung oder einzelne Werke wiedergeben.
Natürlich war hier auch ein Werk der arts premiers zu sehen. Mehr beeindruckt hat mich allerdings, sozusagen einen alten Bekannten zu sehen: ein Stück aus dem ehemaligen Volkskundemuseum ATP in Paris, (heute das MuCEM):
das Werk eines anonymen Hufschmiedes.
Doch das war längst nicht alles: morgen geht der Bericht weiter.
Noch während man sich über die angekündigte Schließung der Hamburger Galerie der Gegenwart wunderte und vor allem über die unterschiedlichen Begründungen, folgte der zweite Streich: Auch das Altonaer Museum müsse im Oktober schließen, um Brandschutzbestimmungen durchführen zu können. Da schlugen die Medien- und andere Wellen hoch: Direktor Hinrichsen befürchtete in einem Interview, das Haus werde danach nicht mehr geöffnet. Nach so einer Äußerung steht natürlich der Gang in die Kulturbehörde an, und danach ist fast alles wieder anders: Das Museum wird nicht komplett geschlossen, sondern nur ein bißchen, weiss das Hamburger Abendblatt.
So nebenbei kam auch bei den vielen Hamburger Pressekonferenzen heraus, dass Brandschutzmaßnahmen nicht der Grund für die Schließung der Museen seien, wie es man sich hier auf NDR-Online anschauen kann.
Alles äußerst merkwürdig. Das findet auch das Abenblatt, das in einem Leitartikel feststellt:
“Dass sich gleich zwei Museumsdirektoren innerhalb weniger Tage in einem Interview mit dieser Zeitung so offen und so fassungslos zu den Perspektiven ihrer Häuser äußern, dass sie gar der für sie zuständigen Behörde zutrauen, die Brandschutzprobleme nur vorzuschieben, lässt kaum auf ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Kultursenatorin und Museumsszene schließen. Ob es sich tatsächlich um verdeckte Sparmaßnahmen oder um Sicherheitsbedenken handelt, ist da nicht einmal mehr relevant.”