Nachts im Museum
Marc Zitzmann, von der NZZ, geht in Paris nachts ins Museum
und berichtet hier darüber.
Marc Zitzmann, von der NZZ, geht in Paris nachts ins Museum
und berichtet hier darüber.
Manche Museumsbesuche stehen unter keinem guten Stern – so wie diese Woche im Jüdischen Museum im Palais Eskeles in Wien. So würde das Kurzprotokoll zu diesem Besuch lauten:
– Schon im Atrium eine Schulklasse im Nacken, als ich mir die raumfüllende Vitrine anschaute. Geahnt, dass es zu einem Interessenskonflikt kommen könnte. Schnell zur Installation der Hologramme gegangen. Leider nicht weit gekommen, da sich die Schulklasse nun inklusive Führung in der Mitte der Installation auf Hockern niederließ; und nur von hier aus kann man sich die Hologramme, prominenter Teil der Schausammlung, ansehen.
– Ins Schaudepot gewechselt. Idee und Umsetzung wieder für gut befunden. Nehme das Angebot wahr, merke mir Inventarnummern und schlage diese im Inventarbuch nach. Die Nummern alle nicht gefunden. Der sonst hervorragende Audioguide sagt nichts dazu. Eine freundliche Aufsicht hilft weiter, weiss aber auch nicht alles.
– Nochmals zu den Hologrammen: immer noch besetzt. Die Friedrich Torberg-Ausstellung angeschaut. Im ersten Raum: Texttafeln auf Oberschenkelhöhe; hätte fast die Ausstellung verlassen. Zum Glück ist es in den anderen Räumen besser. Irgendwann mag ich aber nicht mehr lesen.
– Dritter Versuch, die Hologramme anzuschauen. Die Schulklasse ist immer noch da; nun werden die Hologramme selbst erklärt. Mich gefragt, um was es in der (gefühlten) Stunde zuvor ging. Mich sehr gewundert, warum die Führung nicht auf der freien Fläche neben den Hologrammen begonnen hat. Mißgelaunt wieder gegangen, ohne die Hologramme richtig anschauen zu können; deswegen war ich gekommen.
Das war kein guter Tag für einen Museumsbesuch (und das ist kein Plädoyer gegen Schulklassen im Museum, sondern dafür, individuelle BesucherInnen und Gruppen besser unter einen Hut zu bringen).
Zum zwanzigjährigen Geburtstag 2008 forderte das Musée d’Orsay in Paris vier Filmemacher auf, Kurzfilme über das Museum zu drehen. Dieses Projekt kam nicht zum Abschluss, dafür entstand ein Kinofilm mit dem Titel L’heure d’été – Sommerzeit. Der Regisseur Olivier Assayas hatte carte blanche und entspann eine Geschichte um die Verteilung des Erbes in einer französischen Familie. Hélène feiert ihren 75 sten Geburtstag zusammen mit Kindern und Enkelkindern in einem bourgeoisen Traum-Haus mit Garten, das aus einer anderen Epoche zu sein scheint. Die Mutter weiht den ältesten Sohn in ihre Vorstellungen ein, wie nach dem Tod mit dem Erbe umzugehen sei. Zu verteilen gibt es einiges: da wären die Art déco- Möbel von Majorelle, der Schrank von Josef Hoffmann, die Bilder von Odile Redon und natürlich die beiden Corots, nicht zu vergessen einige kostbare Vasen, Geschirr und die Stücke einer Statue von Degas, die die Kinder beim Spielen kaputt gemacht hatten.
Als die Mutter überraschend einige Monate später stirbt, müssen die drei Geschwister sich einigen, was mit dem Haus und der Sammlung passiert; beides hatte einst dem Großonkel, einem Künstler gehört; die Mutter hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Erbe über 30 Jahre lang zu pflegen. Nur der älteste Sohn, bezeichnenderweise ein Ökonom, ist daran interessiert, alles zu behalten. Er kann sich das aber nicht leisten. Nun kommt das Musée d’Orsay ins Spiel: manche Stücke hatte die Mutter dem Museum versprochen; nicht zuletzt ermöglicht der französische Staat, mit Kunst die Erbschaftssteuer zu zahlen.
Der Umgang mit dem Erbe wird mit prominenten SchauspielerInnen wie Juliette Binoche und Charles Berling leider etwas flach und vor allem leidenschaftslos erzählt. Es sind einige wenige Momente, die den Film sehenswert machen: Die Stücke der Statue von Degas werden in der Plastiktüte aus dem Supermarkt Leclerc aufbewahrt. Die Vase, die sich die Haushälterin nach dem Tod der Mutter heraussucht, weil sie ihrer Meinung nichts wert sei, da sie die Vase als häßlich empfindet und sie aus Bescheidenheit nichts Teures annehmen möchte – da weiss die Zuschauerin aber schon , dass diese Vase von einem bekannten Künstler stammt. Der mit Papieren überladene Schreibtisch, der so dekorativ im Atelier der Mutter stand, steht nun prominent im Museum, doch die BesucherInnen gehen achtlos daran vorbei – und die Erben fragen sich, wo er eigentlich besser gestanden hatte. Ohne eine Antwort zu finden.
Viel Neues oder gar Erhellendes zum Umgang mit Sachen liefert der Film nicht. Er bietet einige Hinweise darauf, wie wir mit Dingen umgehen, was sie uns wert sind, wie Dinge zum kulturellem Erbe werden und was mit ihnen – im Idealfall – im Museum passiert. So plätschert der Film vor sich hin, man wohnt verschieden Formen des Verlustes bei – der Verlust eines Menschen, von Dingen und eines Hauses, das für die Famile stand, die es nun nicht mehr gibt – deren Mitglieder sich aber freiwillig entschieden haben, sich von allem zu trennen.
Der Film ist dieser Tage in österreichischen Kinos angelaufen. Hier ein Interview mit dem Regisseur und hier eine Kritik im Orf

Hier ließe es sich hinlümmeln, lang ausstrecken, sogar ein Schläfchen machen – aber die Sitzbänke im Naturhistorischen Museum in Wien sind verwaist. Nicht deshalb, weil in diesem Museum an einem Sonntagmorgen keine BesucherInnen da wären. Sondern darum, weil das Museum so aufregend und packend ist, es so viel zu sehen und zu bestaunen gibt, dass die BesucherInnen gar keine Zeit haben, überhaupt einmal ans Sitzen zu denken.
Der französische Staatspräsident hat am 13.1. in Nîmes eine Rede gehalten, in der er der Kultur seine Unterstützung verspricht. In Le Monde kann man nachlesen, was der Präsident in Sachen Kultur so vorhat: er möchte nicht, wie schon befürchtet wurde, das Kulturministerium abschaffen und kürzt auch nicht dessen Etat – im Gegenteil, einige Bereiche erhalten sogar eine Aufstockung. Eine andere Maßnahme wird den Staat auch noch zusätzliches Geld kosten: wer jünger als 25 Jahre ist, soll ab April 2009 künftig umsonst in die staatlichen Museen dürfen. Sarkozy kündigte noch weitere Aktionen an, wie etwa eine Art Kunstrat, den der Regisseur Marin Karmitz leiten soll. Und er kündigt die Gründung eines französischen Geschichtsmuseum an – diese noch etwas vage Ankündigung bringen sicherlich viele Vermutungen hervor, wie und wo – als Standort im Gespräch ist etwa das Hôtel des Invalides, in dem sich neben dem Armeemuseum einige weitere Museen befinden.
Und, es geschehen noch Zeiten und Wunder, hat er etwas angekündigt, was von vielen lange erwartet wurde: Sarkozy möchte, dass das lange geplante, immer wieder verschobene Mucem, das Museum der Zivilsationen Europas und des Mittelmeeres in Marseille 2012 die Pforten öffnet. Da die Ankündigungen von Staatspräsidenten in Frankreich stets umgesetzt werden, kann man ja schon einmal die Reise nach Marseille planen.
RECOLLECTING. Raub und Restitution – so heißt die Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst MAK in Wien, die man sich unbedingt anschauen sollte. Der Titel macht es schon deutlich: es geht um das Hab und Gut, das jüdischen BürgerInnen in Österreich zur Zeit des Nationalsozialismus auf unterschiedliche Art und Weise geraubt wurde und welches ihnen oder ihren ErbInnen auch noch lange Zeit nach 1945 vorenthalten wurde. In der Ausstellung sind nicht nur hochkarätige Kunstobjekte zu sehen, sondern auch Gegenstände des Alltags, etwa ein Auto, Bücher oder Möbelstücke. Die Geschichte jedes der rund 100 Exponate wird sorgsam beleuchtet; offizielle Briefe oder Listen offenbaren, wie die Enteignung durchgesetzt wurde, wie die BesitzerInnen darauf reagierten und was mit den Gegenständen geschah – und welches Schicksal die BesitzerInnen erfahren mussten. Wertvolle Provenienzforschung wird hier transparent gemacht und zeigt aber zugleich auf, wie viele Lücken noch vorhanden sind. Nicht für alle Objekte konnten Erben ausgemacht werden. Erschreckend ist auch zu sehen, wie die Bürokratie nach 1945 nahezu reibungslos weiter funktionierte und die Ansprüche der rechtmäßigen BesitzerInnen einfach abgeschmettert wurden.
Ergänzt werden die Geschichten der Gegenstände und ihrer BesitzerInnen durch zeitgenössische künstlerische Positionen, die nochmals einen völlig anderen Blick erlauben.
Eine höchst aufwühlende, notwendige und auch sehr gut gemachte Ausstellung. Bis zum 15.02.2009ist sie noch in der MAK-Ausstellungshalle zu sehen.
Eine Ausstellung mit demselben Titel, Raub und Restitution, läuft gerade im Jüdischen Museum in Berlin.

Noch im letzten Jahr hat das Borusseum in Dortmund geöffnet, ein Fußballmuseum über den BVB Dortmund, also in erster Linie ein Vereinsmuseum. Es ist das Museum über Fußball und die Dortmunder Fans. Fußball ist in Dortmund eine Herzensangelegenheit und die Ausstellung versucht dieser Verbindung, die mit der Vereinsgründung 1910 beginnt, auch einen emotionalen Raum zu geben. Ausstellungsinseln zu einzelnen Etappen gliedern den Raum; es geht natürlich um die Geschichte des Vereins, aber auch um Stadtgeschichte, um die Stadien, die NS-Zeit, um Fankultur, Spieler und Trainer. So wurde beispielsweise die Gründungskneipe am Borsigplatz rekonstuiert: hier wird die Schlachtplatte präsentiert, die den Gegnern nach dem Spiel kredenzt wurde, aber auch der Streit mit der Kirche und die Sympathie des Vereins für die Arbeiterbewegung thematisiert. Die Umsetzung klingt sehr schlüssig und gelungen – auf alle Fälle habe ich den Eindruck, dass auch andere hier Spaß haben werden.
Na, wenn das mal keine Weihnachtsnachricht ist: bis zum 8. Februar können in Dresden sächsische Hartz IV-EmpfängerInnen und Angehörige umsonst in die Staatlichen Museen gehen. So oft, wie sie wollen und in jede Ausstellung, die Kundenkarte der ARGE dient als Eintrittskarte. Schöne Aktion, könnte und sollte länger dauern.
Hier kann man nachlesen, warum der ehemalige Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin gegen den freien Eintritt ist, hier, weshalb Hanno Rauterberg dafür ist und Gottfried Fliedl erinnert uns in seinem Glossar: „Die Einhebung einer Eintrittsgebühr ist – neben der Regelung der Öffnungszeiten -, das wichtigste Instrument der Museen zu Herstellung sozialer Distinktion.“


Die Kisten im Völkerkundemuseum in Wien sind ausgepackt – seit 19. November bietet das Haus Einblicke, wie ein Völkerkundemuseum in der Gegenwart ausstellen kann. Einblicke in die Sammlung vermittelt der neue Teil der Schausammlung. In 21 Vitrinen wird religiöse Kunst aus Süd-, Südostasien und Himalayaländer gezeigt; jede Vitrine steht für sich und bindet neben den Objekten, Texte, Fotografien oder andere Medien mit ein. Ganz deutlich beziehen die Kuratoren damit gegen das ästethisierende Prinzip Musée du quai Branly Stellung:
So heißt es auf der Internetseite zur Ausstellung:
„Obwohl die gezeigten Objekte dem Bereich „religiöse außereuropäische Kunst“ zugeordnet werden können, steht in ihrer Darstellung im Museum für Völkerkunde nicht die Ästhetisierung fremdkultureller Objekte und deren Verwandlung in Werke „nicht- europäischer Kunst“ im Vordergrund, sondern ein Verständnis der durch sie repräsentierten Inhalte und kulturellen Zusammenhänge.“
Ich habe selten bei einer Ausstellunsgeröffnung so viele interessierte BesucherInnen gesehen. Warum es mehrfach lohnt, sich diese neue Präsentation der Schausammlung anzusehen, sind die anderen Ausstellungen, die noch weitere Einblicke in die außereuropäischen Kulturen in Vergangenheit und Gegenwart bieten: Das ist die Ausstellung „Zeitreise Tibet“ mit Fotografien von Barbara Krobath; die Ausstellung „Kunstvoller Widerstand“ mit zeitgenössischer Kunst aus Sri Lanka und die monographische Ausstellung sowie die objekt-monographische Ausstellung Straps & Bands – die Privatsammlung eines Arztes, die nun zum Museum gehört.
Das Museum in der Presse:
Im Kurier, im Orf-Magazin und bei APA Zukunftswissen

Aufrecht sitzen im Pergamonmuseum in Berlin, dafür mit Ansicht.