Das Museums-Weissbuch

Man stelle sich vor, die MuseumskuratorInnen Deutschlands würden auflisten, was sie so alles an ihrem Beruf und an der Institution stört, für die sie arbeiten – das haben nun die Kustoden in Frankreich getan.

Die Vereinigung mit Präsident Christian Vital stellte Anfang Februar das ganz schön dicke Buch vor, das man sich hier auch herunterladen kann.
Im Buch wird ein kritischer Rückblick über die letzten Jahrzehnte gegeben. So geht es etwa um den Druck, rentable Ausstellungen machen zu müssen und sich nicht um die Sammlungen kümmern zu können oder die zunehmende Kommerzialisierung der Museen, die die Museumsobjekte zunehmend als Ware behandeln. Vor allem wird eine Schere zwischen den großen Museen in den Städten und den kleinen Museen auf dem Land konstatiert: Hier Geld, mächtige Sponsoren und viele Besucher, dort bescheidene Mittel, die nicht dazu beitragen, das Museum attraktiver machen. Auch wird bemängelt, dass in den Museen zunehmend nicht mehr Kustoden das Sagen haben, sondern andere, die eher aus dem Management kommen. Nach Geschmack des MuseoGraphie-Blogs fehlt etwas der Blick auf mögliche Chancen des Museums.

Hier steht etwas in Le Monde darüber und hier auf Localtis.

Kategorie: Frankreich

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Bisher 3 Kommentare

  1. Ich bin immer wieder begeistert von Deinen Ausgrabungen zur französischen Museumsszene. Ich freue mich sehr, dass Deine Argus-Augen ihre Sehkraft nicht verlieren.

    Was das Weißbuch angeht, so macht es sicher Sinn, viele Kustoden einmal dazu aufzufordern, Kritik zu üben. Wenn dabei allerdings heraus kommt, dass früher alles besser war und man darauf verzichtet, zukunftsorientierte Fantasien zu entwickeln, dann hat dieses Weißbuch sicher einen großen Teil seines potentiellen Nutzens verspielt.

    Ich denke, dass die Museen – nicht nur die in Frankreich – in einer Misere sind, weil ihnen die gesellschaftliche Akzeptanz allmählich verloren geht. Das ist sicher auch darauf zurückzuführen, dass die meisten Kustoden sich mehr den Dogmen ihrer Wissenschaften verpflichtet fühlen, als den Wünschen der Menschen, die ihre Museen besuchen. In einer kapitalistisch orientierten Gesellschaft, in der wir heute nun mal leben, führt das dann eben dazu, dass man den Wert einer Einrichtung in Dollars bemisst. In 500 Jahren kann das ja anders sein. Heute ist es so. Und wer sich dagegen wehrt, liegt nicht falsch, ist aber weltfremd. Und wenn die Kustoden den Zug der Zeit verschlafen haben, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn die Kulturmanager an ihnen vorbeirauschen. Das ist doof – aber gerecht.

    B) Ich finde es gut, dass Kultur stetem Wandel unterworfen ist. Denn Kultur ohne Wandel ist keine Kultur! Hätte sich die Kultur nicht dauernd gewandelt, würden wir heute noch in Höhlen und Zelten hausen und hätten auch keine Museen. (Mal ganz abgesehen davon, dass unser beider Studium dann auch reichlich inhaltsleer gewesen wäre, weil es vieler seiner Inhalte beraubt gewesen wäre.)

    C) Insofern finde ich es durchaus begrüßenswert, dass auch Museen zu einem Bewusstseinswandel gezwungen werden. Weg vom bildungsbürgerlichen Dünkel des 19. Jahrhunderts hin zu einer Gesellschaft, die nicht allein darauf ausgerichtet ist, das zu tun, was die „besseren Leute“ für wertvoll halten. Alle Mitglieder einer Gesellschaft sollten ihren Anteil an der Weiterentwicklung der Kultur haben.
    Denn es ist ihre Kultur! Nicht nur die der Professoren, Doktoren – und der Geldsäcke. 😉

    Gut, dass es Deinen Blog gibt!

  2. Nina Gorgus sagt:

    Lieber Jörn, danke für das Kompliment – das kann ich natürlich an die kulturellen Welten zurück geben! Nina

  3. HeWa sagt:

    Vielen Dank für den Hinweis auf das Weißbuch Nina und den Kommentar dazu Jörg.

    Es ist bestimmt richtig, alles fließt, auch die Bedeutung der Museen ändert sich. Und jeder Kustos ist gut beraten, sich damit auseinanderzusetzen. Also ein Weißbuch ohne Perspektive ist nur halb gut.
    Aber weil sich alles ändert muß der Verweiß auf das Wertvolle im Bestehenden oder im Vergangenen nicht falsch oder doof sein. Zu oft hat sich das, was neu ist oder als neu propagiert wurde, als schnell überlebter Irrtum erwiesen. Auf jeden Fall ist etwas neues nicht nur weil es neu ist gleich alternativlos richtig. Museen sind per se konservativ und das ist auch nicht verkehrt.

    Und so doof kann es nicht sein, wenn es Bereiche gibt, die sich einem anderen als einem kapitalistischen (was immer das sein mag) Verwertungzusammenhang zugehörig fühlen. Sonst bemessen wir den Wert der Museen und ihrer Aufgaben (Sammeln, Bewahren, Ordnen, Ausstellen) nur noch an den zahlenden Besuchern. Gut, das es einen Konsens darüber gibt, Museen und andere kulturelle Aufgaben als gesellschaftlichen Auftrag zu begreifen, der sich nicht (nur) finanziell lohnen muß. (Übrigens glaube ich, daß die Wahl in Hamburg auch entschieden wurde, weil die bisherige Regierungsmehrheit diesen Konsens aufkündigen wollte, jedenfalls den Ansatz unternommen hatte.)

    Ich glaube es gibt diesen Konsens und er wird nicht nur von einer Bildungselite getragen. Leben wir wirklich noch in einer Welt, in der wir zwischen den besseren Leuten und dem Rest unterscheiden können und nimmt noch jemand diese Unterscheidung vor?

    Ansonsten verdient dieser Blog selbstverständlich alle Komplimente!

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