Hamburg: Neues Industriedenkmal mit Museum und Naturlehrpfad

„Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe“ am 18. September 2011 festlich eröffnet

 

Seit Jahren dümpeln Hamburgs Museen vor sich hin. Der Kampf um Kulturetats und Wertschätzungsdebatten haben den Regierungswechsel in der Hansestadt befördert. Doch nun oblag es der amtierenden Stadtentwicklungssenatorin Jutta Blankau (SPD), ein neun Millionen Euro schweres Projekt zu eröffnen, das ihre Vorgänger von CDU und GAL maßgeblich unterstützt hatten und das einen – für Hamburger Verhältnisse – einzigartigen Masterplan realisierte. Denn anstatt das ehemalige Wasserwerk Kaltehofe, 1893 als erste Anlage zur Aufbereitung von Trinkwasser errichtet und erst 1990 aufgegeben, zu bebauen wie unweit das Areal der Hafencity, wurde 2003 vom Bezirk Mitte ein Agenda 21-Prozess unter Leitung der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald e.V. (SDW) initiiert. Das klang zunächst nach „Öko-Kram“ (Bezirksamtsleiter Schreiber), stellte sich jedoch als hilfreiches Instrument heraus, um alle Interessensgruppen bei der Erarbeitung eines Nutzungskonzeptes zu berücksichtigen. Vertreten in der Lenkungsgruppe waren neben HAMBURG WASSER als Eigentümer, Behörden und Politik auch Bürgervereine, Naturschutzverbände und Stadtteilinitiativen.

In nur 12 Monaten konnte der über Jahre erarbeitete Masterplan schließlich umgesetzt werden. Entstanden ist die „Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe“, ein ungewöhnliches Mischkonzept aus Industriedenkmal, Museum und Naturlehrpfad. Empfangen wird der Besucher von der kernsanierten Villa im Schweizer Stil, dem ehemaligen Laborgebäude, das nun Ausstellungsflächen, Museumsshop, Tagungsräume und ein Café beherbergt. Hier wird anhand authentischen Materials und historischer Fotografien die Geschichte der Hamburger Wasserversorgung resp. des Wasserwerks Kaltehofe erzählt.  „Design“ und Machart sind  relativ typisch im Stil des in Hamburg nicht unbekannten Ausstellungsbüros Studio Andreas Heller – kühl, aber seriös. Hinter der schönen Fassade der Villa steht ein nüchterner Betonkubus im Wasserbecken, der eine mögliche Café-Terrassen-Aussicht auf die  Billwerder Bucht blockiert und der nur durch einen unterirdischen Gang zugänglich ist. Dort wurde das eigentliche „Wasserkunstmuseum“ eingerichtet, das die Baugeschichte der wichtigsten Brunnenanlagen und Wasserspiele Hamburgs in seiner Vielfalt erzählen soll. In der als Bildhauerwerkstatt inszenierten und mit Tropfgeräuschen beschallten „Grotte“ sind hier jedoch ausschließlich klassizistisch inspirierte Werke vertreten, die mehr oder weniger pathetisch antike Stilmerkmale und Motive aufgreifen und die an die Tradition höfischer Gartenplastik anschließen. Dabei sind gerade in Hamburg in den letzten hundert Jahren auch zahllose Brunnen und Kaskaden eines moderneren Kunstverständnisses entstanden.

Befriedigender dann die Außenanlagen mit integriertem Naturlehrpfad. Nicht die ganze, Ende des 19. Jahrhunderts entlang der Norderelbe künstlich angelegte Elbinsel Kaltehofe mit seinen 22 Filterbecken und 36 Schiebehäuschen ist öffentlich zugänglich, sondern nur ca. ein Viertel der Fläche. Diese lässt jedoch genügend Einblick in die lange praktizierte Technik der Wasseraufbereitung von Elb-, später Grundwasser und informiert den Besucher gleichzeitig über die gegenwärtigen Nutzer: Seit die Anlage 1990 wegen Industrieverschmutzungen geschlossen wurde, haben sich zahlreiche Tier- und Pflanzenarten in den langsam verlandeten Wasserflächen angesiedelt, ist ein ökologisch wertvoller Naturpark entstanden. Dass dieser nun erhalten werden konnte und für den vernachlässigten Stadtteil Rothenburgsort ein imagefördernder Natur- und Kulturerlebnis-Ort entstanden ist, kann dem mutigen, bürgerlichem Engagement jenseits kaufmännischem Renditedenken nicht hoch genug angerechnet werden. Auf jeden Fall ein Ausflug wert! (Infos siehe hier bei der Seite von Wasserkunst.

Text und Fotos: Charlotte Brinkmann, Hamburg Wasser, Constantin Heller

Kategorie: Architektur, Hamburg, Kunst, Landschaftspark

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Bisher 2 Kommentare

  1. Fliedl Gottfried sagt:

    Ich frage mich, wie dieses Projekt in die krisenhafte Entwicklung der Hamburger Museen gehört? Offenbar gar nicht. Das Projekt ressortiert nicht in der Kultur sondern in der Stadtentwicklung. Und es scheint keine übergreifenden Konzepte zu geben, wo etwas ausgesagt wird über wünschbare Entwicklungen, Synergien, Ziele. 9 Millionen für sieses Projekt, 70.000.- Euro für den Jahresetat des Altonaer Museums. Millionen für die Auswandererstadt und das Maritime Museum, drohende Schließung von Museen der Stiftung. Aber das alles ist offenbar falsch gefragt, die Ressorts planen Parallelaktionen. Seh ich das einigermaßen richtig? Danke für den Beitrag.

  2. Charlotte Brinkmann sagt:

    Vielen Dank für Ihren Kommentar. Tatsächlich wurde das Projekt nicht aus dem Kulturetat finanziert, sondern von dem Bauherr und Grundeigentümer (Hamburger Wasserwerke GmbH) und von der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, die dafür Mittel von etwa 4 Mio. Euro aus dem Konjunkturprogramm II des Bundes erhalten hat. Aber wie schon bei Ballin-Stadt (Auswanderermuseum) und Maritimes Museum sind nach dieser öffentlichen Finanzierung der Umbaumaßnahmen und Infrastruktur privatwirtschaftliche Unternehmen als Betreiber gesucht worden, so dass der Kulturhaushalt (nicht weiter) belastet wird. Im Falle „Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe“ steht dahinter, und das lässt sich mit etwas Recherche herausfinden (warum wird es auf der Internetseite von Kaltehofe verschwiegen?) Paysage House Kulturprojekte GmbH von Andreas Heller, der sich ja schon verantwortlich für Entwurf, Architektur und Ausstellungskonzept zeichnet. Es ist die gleiche Gesellschaft, die auch das erfolgreiche „Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven“ betreibt, das mit seinem Konzept des Museums als „szenografisches Event“ voll im Trend liegt. „Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe“ ist in mehrfacher Hinsicht (natur- und kulturgeschichtlich) an sich schon ein authentischer Ort mit hohem Freizeitwert, da wäre m.A. der Neubau des Beton-Ausstellungskubus mit einer aufwändigen (und teuren) Ausstellung zu Brunnenplastik gar nicht nötig gewesen, ganz abgesehen von der realisierten inhaltlchen Qualität. Der Sachverstand an den öffentlichen Museen dagegen kann nicht tätig werden, da permanent unterfinanziert….

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