Im MuCEM ausgestellt

Als cité culturelle möchte das MuCEM viele Orte zugleich sein. Dieses Prinzip gilt auch für die Ausstellungen: nicht eine große monolithische Dauerausstellung, sondern diverse Formate für unterschiedliche Zielgruppen und Geschmäcker. Ich habe mit der Dauerausstellung (wobei die Dauer 3-5 Jahre heisst) im neuen Gebäude J4 begonnen.

Die Galerie de la Méditerranée  ist hier das Herzstück.  Sie umfasst  1.500 qm des Erdgeschosses.  Zunächst quert man einen Raum mit einer Grossprojektion, um dann in eine großen, weiss und braun gehaltenen Ausstellungsraum einzutreten. Ich habe den Raum wie eine Ausstellungslandschaft wahrgenommen, mit vielen freistehenden Großobjekten, leicht und beschwingt. Das Thema der Dauerausstellung ist das, dass sei hier nochmals gesagt, das Mittelmeer – diese Verschiebung vom ganzen Europa zum Mittelmeer war eine politisch gewollte. Dennoch kommt natürlich Europa auch vor, sogar ein Stück der Berliner Mauer fand ihren Platz!

Das Mittelmeer umranden viele Nationen, mit komplett unterschiedlichen Traditionen, Wertevorstellungen, und Kulturen. Wie wird das nun hier zusammengeschnürt? Vier Aspekte, Besonderheiten wie es heisst, stehen im Zentrum: Die Landwirtschaft und die Erfindung der Götter, die gleich dreimal heilige Stadt Jerusalem, die Bürgertum und Bürgerrechte und schließt mit Der Entdeckung unbekannter Welten ab.

Am längsten habe ich mich im ersten Teil aufgehalten – ihn fand ich gestalterisch am gelungensten; auch konnte man durch die Anordnung der Objekte sich so richtig schön vertiefen. Mir hat vor allem gut die Zusammenstellung der Objekte gefallen und die luftige Präsentation. Man begibt sich auf einen Rundgang durch die Zeit und durch den Raum: die Objekte decken einen Zeitraum vom Neolithikum bis in die Gegenwart ab und stammen von Frankreich über Algerien, Griechenland bis hin nach Bulgarien. Die Objektauswahl war sehr überzeugend; Großobjekte wie die hydraulische Maschine aus Ägytpen aus dem 20. Jahrhundert, die große (Vorrats-) Amphore aus dem 2.-3. Jahrhundert oder die Hütte der Sarakatsan, griech. Schäfer, sind Blickfänger. Natürlich fehlt auch der Eselskarren aus Sizilien nicht! Es lassen sich durchaus auch „klassische“ angeordnete Vitrinen finden. Gut gefallen hat mir etwa auch die Installation der Brote (wie Lebkuchen etc), und ihren diversen Formen.. Die anderen drei Ausstellungsteile sind etwas dichter präsentiert; in den Räumen wird viel mit Vorhängen gearbeitet, da die filigrane Betonmauer von Rudy Ricciotti zuviel Licht durchlässt, sich immer wieder in den Vitrinen spiegelt.

Ein besonderes Prinzip ist die Einbindung von zeitgenössischer Kunst in den Parcours. Hier ist etwa den Water Meter Tree von Sigalit Landau  zu nennen, die sich so schön in die Objektreihe eingliedert oder die Installation von Suchtmitteln, der Jardin d’addictions von Christophe Bérdaguer und Marie Péjus . Sehr gut hat mir auch die Videoinstallation von Cristina Lucas La Liberté raisonnée gefallen: Das wohlbekannte Delacorix-Gemälde  Die Freiheit führt das Volk  wird nachinszeniert bzw. neu interpretiert. Passend dazu steht direkt daneben eine Guillotine von 1872!
Gut fand ich auch den Einsatz der Medien: Fast immer lautlos lieferten die zum Teil riesigen Projektionen, eitlose Bilder, gaben Einblick in Praktiken oder gaben Zeitzeuginnen eine große Bühne.

Ein starker musealer Auftakt, kuratiert von Zeev Gourarier und gestalterisch umgesetzt von Adeline Rispal.

Kategorie: Ethnologie, europäische Kulturhauptstadt, Marseille, Mucem

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