Kunst und Kommerz

Geschrieben von am 12. Januar 2007 12:52

Natürlich geht die Auseinandersetzung um den Wüstenlouvre weiter. So gab heute Kunsthistoriker Werner Spies auf Deutschlandradio Kultur seine Stellungnahme ab, die man hier nochmals anhören kann. Ich fand ja, dass er sich zunächst sehr polemisch gegenüber seinen ehemaligen Kollegin und Kollegen äußerte, die die Debatte im Dezember 2006 lanciert haben. Dann aber hat Spies, ehemaliger Direktor des Musée national d’art moderne im Centre Pompidou, doch noch den Bogen bekommen und sehr dezidiert darauf hingewiesen, dass sich diese kommerzielle Entwicklung von Kunst und Museum sich schon seit einiger Zeit abzeichnete, spätestens seit dann, als sich der Staat aus der Verantwortung zurückzog.
Wie sehr auch hierzulande Kunst und Kultur der Kommerzialisierung ausgesetzt sind, darauf weist Jörn Borchert in seinem Blog „Kulturelle Welten“ hin.

Frankreichs Museumswelt ist weiter echauffiert

Geschrieben von am 11. Januar 2007 11:38

Le Monde veröffentlichte am 10.1.2007 Passagen aus dem Vertrag, der Ende Januar zwischen Frankreich und Abou Dhabi weiter präzisiert werden soll. Insgesamt geht es um eine Summe von um die 700 Millionen Euro, die den französischen Museen direkt zukommen soll und die nicht mit dem jährlichen Budget aufgerechnet werden soll. Das klingt ja erst einmal nicht schlecht, doch was müssen die Museen dafür leisten?
Zunächst: es geht nicht nur um den Louvre, sondern um alle französische Museen, die in das Geschäft miteinbezogen werden sollen; wie das Musée d’Orsay, Das Schloss von Versailles, oder das Centre Pompidou. Der Louvre soll dem Museum in Abu Dhabi für 20 Jahre den Namen geben; für die Nutzung der Marke „Louvre“ werden 200-400 Millionen Euro veranschlagt. Geplant ist, analog zum Louvre, in Abu Dhabi ein Universalmuseum zu entwerfen, das alle Domänen, von Archäologie über Kunsthandwerk und Kunst, alle Epochen und Länder umfassen soll. Frankreich verpflichtet sich auf zweierlei Art und Weise.
Zum einen leihen die französischen Museen Abu Dhabi Werke aus französischen Museen, bis das Museum selbst eine eigene Sammlung erworben hat. 10 Jahre sind dafür vorgesehen. 300 Arbeiten sollen in den ersten beiden Jahren ausgeliehen werden, dann soll die Anzahl der Leihgaben alle zwei Jahre reduziert werden. Die Leihgaben, für die Frankreich 200 Millionen Euro erhält, sollen drei Monate bis zwei Jahre in Abu Dhabi bleiben.
Zum anderen soll Frankreich für 70 Millionen Euro eine Kommission schaffen, die die Einrichtung des Museums in Abu Dhabi wissenschaftlich betreut, die die Verwaltung aufbaut, das Personal rekrutiert und beim Kauf der Sammlung berät. Diese Kommission konzipiert auch die vier jährlichen Ausstellungen, die Frankreich für 10 Jahre zusagt. Neben den Leihgaben gilt es also, 40 Ausstellungen aus französischen Beständen zu bestücken. Hierfür erhält Frankreich 150 Millionen Euro. Die Museen müssen den Leihgaben nicht zustimmen, heißt es. Und Abu Dhabi kann die französischen Vorschläge nicht aus „vernunftwidrigen Motiven“ ablehnen. Ob dazu auch die doch etwas anderen Vorstellungen zählen, die das muslimische Land von Religion, Frauen oder ganz konkret etwa, von Darstellungen von nackten Körpern hat?
Alles in allem klingt es danach, als ob Frankreich, sendungsbewußt wie das Land ist, seine Vorstellungen von Bildung und Kultur eben mal vom Okkzident in den Orient verschieben kann und dafür auch noch Geld bekommt. Auf der anderen Seite sehe ich doch einige Probleme auf die Museumsdirektoren zukommen. Müssen die französischen Museen künftig ihre Ausstellungsplanungen mit der Kommission für Abu Dhabi abstimmen? Was passiert, wenn Ausstellungen kollidieren und die französischen Museen den Kürzeren ziehen, weil es im Leihverkehr, so wie es ICOM eigentlich vorschlägt, nicht um Geld sondern um Austausch gehen sollte? Fragen über Fragen, sie werden weiterverfolgt.

Die Petition „Die Museen sind nicht zu verkaufen“ haben mittlerweile über 2000 Personen unterzeichnet.
Hier gibt es noch was zu hören: Serge Lemoine, der Direktor des Musée d’Orsay in Paris, war am 9.1.2007 zum Interview bei Radiosender France Inter eingeladen. Er klang nicht besonders besorgt, dass ein Monet oder Degas künftig in Abu Dhabi zu sehen sein wird und nicht in Paris – aber vielleicht war er auch noch nicht so richtig informiert. Das Interview kann man als Podcast hier herunterladen (l’invité de l’interview)

Der Bau hat begonnen

Geschrieben von am 9. Januar 2007 15:40

Die Neujahrskarte des MuCEM – des Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée, (ohne link, da der im Augenblick nicht funktioniert) – in Marseille verrät es: Der Bau hat begonnen. Nach unzähligen Verzögerungen hat sich das Team von Michel Colardelle durchgesetzt. Glückwunsch! Da wird sich ja auch den Architekten Rudy Ricciotti freuen, von dem hier auf dem Museumsblog schon mal die Rede war.
Für Ende März 2007 ist eine Ausstellung angekündigt, die das Konzept des MuCEM andeuten soll: Trésors du quotidien – dazu liegt seit 2005 ein reichbebilderter, gleichnamiger Band von Denis-Michel Boëll vor. Von dieser Ausstellung kann man sich hier schon einmal die Arbeitsversion der geplanten Internetseite ansehen. Ganz besonders freut es mich ja, dass die Ausstellung im espace Georges Henri Rivière stattfinden wird – dem Gründer der Vorgängerinstitution Musée national des arts et traditions populaires in Paris, dem ich u.a. viele interessante Museumseinsichten verdanke.


Museen in Frankreich expandieren

Geschrieben von am 8. Januar 2007 12:30

In Frankreichs Medien ist am Wochenende eine Polemik wieder entfacht, die seit einiger Zeit die Museumswelt beschäftigt. Manche nennen es Ausverkauf, manche reden von kulturellem Auftrag: Es geht um die Expansion des Louvre. Nach einer Außenstelle in Frankreich, in Lens, präsentiert sich der Louvre seit Oktober 2006 in der Coca-Cola-Stadt Atlanta und bekommt für Bilder, die sonst nur in Paris zu sehen waren, Millionenbeträge – auf der Internetseite von LouvreAtlanta werden die „masterpieces“ in einer Animation wie für einen Hollywood-Blockbuster angekündigt. Nun ist von einer weiteren Depandance die Rede: von einem „Louvre-Klon“ in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Dieses Land, das sich den Luxus leisten kann, mitten in der Wüste riesige Hallen zum Skifahren aufzustellen, möchte nun auch europäische Kultur zur kulturellen Attraktion (neben einer Guggenheim-Dependance, versteht sich) auf der „Insel des Glücks“ machen; also in der riesigen Anlage, wo die Reichsten der Welt künftig unter sich sein können. Mitarbeiter des Louvre und des französischen Kulturministeriums waren schon vor Ort, um Konditionen auszuhandeln. Es gibt Gerüchte, dass für den Louvre dabei ein Betrag von 500 Millionen Euro herausspringen könnte und dass Stararchitekt Jean Nouvel das Gebäude entwerfen soll. Freilich müßte sich der Louvre für einige Zeit (es ist von Jahren die Rede) von manchen seiner Meisterwerke trennen. Nicht nur das, sondern der Umstand, dass die Bilder nicht als Patrimoine, sondern als Ware behandelt werden, hat Kritiker auf den Plan gerufen. Allen voran Françoise Cachin, ehemalige Direktorin der Musées de France, die in „Le Monde“ vom 8. Dezember 2006 gemeinsam mit den renommierten Kunsthistorikern Jean Clair und Roland Recht, das „entertainment business“ auf dem Kunstmarkt anprangerte. „Die Museen sind nicht zu verkaufen“, so Titel und Tenor des Artikels, sie „verkauften dann auch ihre Seele“. Auf Regierungsseite ist man nun bemüht, das ganze Unternehmen als Bildungsauftrag darzustellen und dass der Fakt, dass französische Kultur so gefragt ist, zum Prestige von Frankreich beitrüge. Auf keinen Fall, so sagte die Direktorin der Musées de France, Francine Mariani-Ducray, wolle man französische Kulturgüter verkaufen. Der ehemalige Kulturminister Jacques Lang, der von der Zeitung „Liberation“ dazu befragt wurde, meinte dazu: „Spielen wir doch keine eingeschüchterten Jungfrauen“. Es hätte sich auch in der französischen Museumsszene doch längst durchgesetzt, mit teuren Leihgaben Ausstellungen und Museumsgebäude zu finanzieren. Die Gegner? Das sind für Lang nur wenige Personen, die sich Sammlungen kulturell und moralisch aneignen wollen und diese nur einer begrenzten Bevölkerung zugänglich machen möchten.
Dazu sei angemerkt, dass in den Vereinigten Arabischen Emirate weniger Menschen wohnen als jährlich in Paris in den Louvre gehen. Der Direktor des Louvre, Henr Loyrette, stand der Angelegenheit erst ablehnend gegenüber, hat dann aber eingelenkt, möglicherweise aus offensichtlichen politischen Gründen. Denn die ganze Angelegenheit wird erst vor dem Hintergrund so richtig schlüssig, wenn man weiss, dass die Vereinigten Arabischen Emirate in Frankreich 40 Airbus-380 bestellt haben und Frankreich mit der Lieferung in Verzug ist.

Bereits über 1400 Personen, zumeist Museumsfachleute, haben auf der Website von La Tribune de l’Art gegen den Ausverkauf des Louvre und anderen Museen protestiert.
Le Monde geht auf die Diskussionen ein und macht ein Interview mit dem Louvre-Direktor, am 8.1.2007.
Die Liberation widmete der Angelegenheit mehrere Artikel am 6.1.2007.
Le Figaro berichtete am 6.1.2007 über die Louvre-Affäre.
20-Minutes veröffentlichte am 7.1.2007 eine Zusammenfassung von AFP
Marc Zitzmann schreibt heute in der NZZ darüber.

Gärten statt Guggenheim!

Geschrieben von am 5. Januar 2007 10:56

An alle, die mal wieder Ausstellungstourismus betreiben und zu Scharen nach Bonn strömen, um die Ausstellung mit den „Meisterwerken“ der Guggenheim-Sammlung im Gedränge anzusehen: Tun Sie es nicht. Fahren Sie stattdessen nach Frankfurt am Main, um die außergewöhnliche Ausstellung „Gärten. Ordnung, Inspiration, Glück“ im Städel-Museum von zu bestaunen. Die Ausstellung besticht durch ihre Fülle an Material. Wirklich sehr interessante Ansichten von einer gebändigten Natur sind hier zu sehen, grandiose Arbeiten von Künstlern wie von Max Liebermann oder Pierre Bonnard, aber auch von Olga Boznanska, von der ich zugegebenermaßen noch nie etwas gesehen hatte. Das Herbarium von Alexander von Humboldt fehlt ebensowenig wie der Palmenwedel, aufbewahrt von Johann Wolfgang Goethe. Schön sind die Gegenüberstellungen von Gegenwart und Vergangenheit, wenn etwa Lucian Freud 2003 eine Ecke seines Garten malt und das Bild neben dem ZeitungsleserCarl Spitzweg hängt; oder die Blumen-Dias von Peter Fischli und David Weiss die filigranen Tulpenaquarellen von Georg Flegel begleiten. Ganz schön mutige Gestaltung für ein Kunstmuseum: Blaue und gelbe Wände lassen manche Gemälde erst so richtig strahlen. Hier und da wächst eine kleine Blume aus der Wand. Ein Manko gibt es für mich dennoch: Die Ausstellung hält nicht ganz, was sie verspricht. So lässt der Untertitel „Ordnung – Inspiration – Glück“ auf eine Ausstellungsgliederung schließen, die es aber dann gar nicht in der Form gibt. Zwar begleiten Zitate wie von Voltaire „Il faut cultiver son jardin“ in die Ausstellung, aber damit hat es sich auch, was Texte und vor allem das Herstellen von Zusammenhängen anbelangt. Daran konnte auch nicht das kleine, hervorragende Heftchen helfen, dass man jetzt in Kunstausstellungen mit auf den Weg bekommt. Mir fehlten Interpretationen, das explizite Herstellen von Zusammenhängen, Raum- und Thementexte. Einen Genuß bietet die Ausstellung aber auf alle Fälle.

Stimmen zur Ausstellung:
FAZ.NET vom 27. November 2006 ist restlos begeistert.
Echo-Online: Keine ausgerichteten Rabatten, sondern ein kunterbuntes Staudenbeet

Museen zum Reinhören

Geschrieben von am 4. Januar 2007 12:22

Auf Deutschlandradio Kultur ist ab morgen, Freitag, 5. Januar eine Serie über kleine Regionalmuseen zu hören, die doch Großes zu bieten haben. Die Sendereihe wurde zusammen mit dem Deutschen Museumsbund konzipiert. „Ziel der Sendereihe ist es, auf das vielfältige Spektrum der kleineren Museen in Deutschland und ihrer oft unerwarteten Schätze hinzuweisen und zu einem Besuch anzuregen,“ so heißt es in der Presseerklärung von Deutschlandradio Kultur. Wer also schon immer einmal wissen wollte, wieviele Bilderbogen sich in Neuruppin befinden oder was sich hinter dem „Boxenstop“ von Tübingen eigentlich verbirgt – in den nächsten Wochen immer Freitags um 10.50 Deutschlandradio Kultur einschalten.
Frequenzen und Programm

Rudy Ricciotti

Geschrieben von am 3. Januar 2007 14:37

Ein Name, der nach einer leckeren Keksmarke klingt, der aber zu einem Architekten gehört, den es sich zu merken gilt. Von Rudy Ricciotti, 1952 in Alger geboren, der von Bandol (Südfrankreich) aus agiert, hat man 2006 schon viel gehört und von ihm wird in den nächsten Jahren viel zu sehen sein. 2006 war sein Jahr: Letzten Sommer wurde in Aix das Centre chorégraphique national de la région Provence-Côte d’Azur eröffnet; zusammen mit der italienischen Architektengruppe „5+1“ erhielt er den Zuschlag für den Kinoplast am Lido in Venedig. Und Ricciotti wurde mit dem nationalen französischen Architekturpreis ausgezeichnet. Bekannt wurde Ricciotti 1990 mit einem Stadium in Vitrolles – der Stadt in Südfrankreich, in der als erstes ein Bürgermeister der rechten Front national an die Macht kam. Ricciotti wird in den nächsten Jahren auch im Museumsbereich Zeichen setzen: Im Louvre in Paris gestaltet er mit Mario Bellini die Abteilung für islamische Kunst neu; in Rivesaltes, einem ehemaligen Internierungslager (für spanische Bürgerkriegsflüchtlinge, jüdische Flüchtlinge des Holocausts und algerische Harki-Familien) entsteht 2008 eine Gedenkstätte. Ganz besonders gespannt bin ich auf das Musée national des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée (Mucem) in Marseille. Ricciotti erhielt 2004 den Zuschlag, das Fort de St. Jean am Alten Hafen von Marseille, wo das ehemalige Pariser Volkskundemuseum seit 2005 Quartier bezogen hat, mit einem Neubau zu ergänzen. Sein Vorschlag ist ein filigran wirkender Beton- und Glaskasten, der den Charakter der Hafenumgebung aufnimmt und dessen Fassade, die an Fischgräten erinnert, vielversprechende Einblicke ins Innere gewährt. Eigentlich sollte das Museum 2008 fertig sein, aber durch vielfältige Verzögerungen (u.a. deswegen, weil das französische Kulturministerium sein Geld lieber in Paris für das Musée du qui Branly verpulverte) wird die Eröffnung für 2010 erwartet.

mehr zu Rudy Ricciotti:
Le Monde nennt ihn am 1.12007 in ihrer Internetausgabe als einen der Gewinner des Jahres 2006.
Ein Interview mit Rudy Ricciotti auf französisch über das Projekt in Marseille: „Le projet parle à la fois au ciel, à la mer, au sel et au vent.“
Ein Interview auf deutsch mit Rudy Ricciotti über den Nikolaisaal in Potsdam.

Schönes Neues Jahr – auch für die Museen!

Geschrieben von am 2. Januar 2007 12:02

Im Dezember 2006 hat das Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz zusammen mit dem Deutschen Museumsbund die statistische Gesamterhebung der Museen der Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 2005 veröffentlicht. Für die Erhebung wurden 6.155 Museen in Deutschland befragt und 85% der befragten Institutionen schickten den ausgefüllten Fragebogen zurück. Und das klingt doch ganz gut: die Museen verzeichneten 101.406.806 Eintritte; was im Vergleich zu 2004 einen ganz leichten Rückgang von 1,8% bedeutet. Hinzu kommen die Eintritte in Ausstellungshäuser, die keine eigene Sammlungen besitzen, aber Ausstellungen mit „musealen Charakter“ zeigen: Hier kommen 6.924.337 Eintritte zusammen. Insgesamt gingen also etwas über 108 Millionen Menschen 2005 in Museen oder Ausstellungen; 2004 waren es um die 109 Millionen. Auch wenn die Zahl einigermaßen stabil geblieben ist und seit 1990 die Zahl der Museumsbesuche ansteigt, so wurde deutlich, dass Besuche in Kunstmuseen bzw. Ausstellungen zunehmen, während Naturkundemuseen, volks-und heimatkundliche Museen einen leichten Rückgang hinnehmen mußten. Wir sind gespannt auf die Zahlen von 2006!

Statistische Gesamterhebung an den Museen der Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 2005. Including an English Summary, Berlin 2006 (96 S.). ISSN 0931-7961, Heft 60.
(Als PDF zum download oder als Broschüre hier zu finden.)

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