Dallas am alten Hafen – Ein Roman in Fortsetzungen 3

Geschrieben von am 30. Januar 2009 21:40

Die Fortsetzung erfolgte schneller als erwartet:

Eben ist ein neuer Ritter an der Seite des MuCEM erschienen. In der Zeitung La Provence wird berichtet, dass Patrick Devedjian, neu ernannter Minister für den Wirtschaftsaufschwung anlässlich seines heutigen Besuchs in Marseille eine weitere Finanzspritze von mehr als 20 Millionen € angekündigt hat, die den grossen Projekten (Hafenausbau, MuCEM etc.) zu Gute kommen werde.
Wir erwarten atemlos wie’s weitergeht!

Dallas am alten Hafen – Ein Roman in Fortsetzungen

Geschrieben von am 30. Januar 2009 21:40

Im letzten Kapitel begegneten wir einer Ministerin die im Internet (mehr oder weniger) verschlüsselte Botschaften aussendet, einem geheimnisvollen Supermanager über dessen Identität wir noch nichts wissen und einem Team das ins Abseits gedrängt wird.

Im Kapitel zwei stehen unseren Helden neue Gegner ins Haus: zwei obskure Bürgerinitiativen haben gegen das Projekt Rekurs beim Verwaltungsgerichtshof eingelegt. Sie beanstanden die im Frühjahr 2008 erteilte Baugenehmigung mit der Begründung, dass das Museumsprojekt den alten Hafen seines einzigen Freizeit- und Entspannungsbereichs berauben würde…
In verschiedenen Geschäften des Nahbereichs liegen Prospekte auf, gedruckt von einem Verein der Hafengärten (!) „Association des jardins portuaires“ in dem gleichfalls in buntem Durcheinander gefordert wird: Radfahrpisten, Fussgängerzonen, einen Badestrand an der Hafenmole (wie schön zwischen Fährschiffen, Motorbooten, Segeljachten etc. vergnüglich zu plätschern!), die Bucht von Marseille unter Denkmalschutz zu stellen (Titel: eine der schönsten Buchten der Welt), Boule- und Kinderspielplatz anstelle des Museums und weitere lustige Einfälle dieser Art.
Auf der einen Seite also eine zögerliche Regierung, die alles bereits geleistete über den Haufen werfen will und obskure Obstruktionsmeier und ihnen gegenüber das MuCEM Team (bereits leicht angeschlagen), ein zornesbleicher Bürgermeister von Marseille und ein feuerspeiender Architekt der in TV und Presse Banausen und Hinterwäldler beschuldigt gegen das MuCEM und damit gegen die Kultur im allgemeinen und gegen Marseille selbst und seine Entwicklung zu sein.
Fortsetzung folgt!

DALLAS AM ALTEN HAFEN

Geschrieben von am 29. Januar 2009 12:35


Hat man erst kürzlich aufgeatmet und geglaubt das MuCEM sei endlich auf den Schienen und der Eröffnung 2013 stehe nun nichts mehr im Wege, so hat man sich getäuscht.

Trotz Krise scheint die Finanzierung gesichert – zumindest was den Bau betrifft, über die Bespielungskosten eines solchen Projektes zerbricht man sich bekanntlich oft erst im nachhinein den Kopf…
Nun war die Kulturministerin Christine Albanel in Marseille um die neuen Gebäude der Unterwasserarchäologie einzuweihen, jenes wissenschaftlichen Institutes das bisher im Fort Saint-Jean seine Büros und Lagerräume hatte. Das Marseiller MuCEM-Team erwartete folglich die Freigabe der Räumlichkeiten um nun ihre eigenen Büros hier einzurichten und so dem Ausstellungs- und späteren Baubetrieb auch räumlich nahe zu sein. Die Ministerin besichtigte das Fort Saint-Jean, den Saal G. H. Rivière (derzeitiger Ausstellungsraum) mit Blick auf die zukünftige Baustelle von Rudy Ricottis Museumsneubau. Ausser den in diesen Umständen angebrachten Höflichkeitsfloskeln kam aber nicht viel über die ministeriellen Lippen…
Gross war daher die Überraschung als durchsickerte, dass auf der Website des Kulturministeriums, wo die Ansprachen der Ministerin öffentlich abrufbar sind, einiges durchaus Bemerkenswertes zu lesen wäre. In diesem – aus welchem Grund auch immer – nicht gehaltenen Diskurs findet man folgende Aussagen: die Eröffnung des MuCEm 2013 sei ein fundamentaler Bestandteil der Festivitäten im Rahmen der Kulturhauptstadt – so weit so gut. Weiters sei das Projekt aber in zwei Pole aufzuspalten, der eine mit Schwerpunkt auf Ausstellungen, Symposien, internationaler Kulturarbeit und der zweite mit Ausrichtung auf Sammlungsbestände und eine aktive Leihgabenpolitik, Forschung und pädagogische Vermittlungarbeit (sprich: mit Schulklassen etc.). Diese Abteilung werde den zukünftigen Depots (Architekt Corinne Vezzoni) eingegliedert. In diesem Zusammenhang dankt die Ministerin auch Michel Colardelle und seiner Mannschaft für ihren Einsatz und bestätigt sie auch weiterhin in ihren Bemühungen um eben diese Arbeit an den Sammlungsbeständen!
Für die zukünftige Bespielung des Museums in Sachen Ausstellungen und kulturellen Aktivitäten die, laut Albanel, gegenüber dem ursprünglichen Projekt eine notable Erweiterung darstellten werde aber in Kürze ein neuer kompetenter Manager bestellt…
Dies ist jedoch noch nicht alles: das Fort Saint-Jean, integraler Bestandteil des Museumskonzeptes und bereits seit sechs Jahren genutzter Ausstellungsbereich, soll zu Gunsten privater Nutzungen frei gemacht werden, um so eine künftige Einnahmequelle zu schaffen.
Fortsetzung folgt!

Wie ein Museum auch an Objekte kommt

Geschrieben von am 28. Januar 2009 11:10

Zum zwanzigjährigen Geburtstag 2008 forderte das Musée d’Orsay in Paris vier Filmemacher auf, Kurzfilme über das Museum zu drehen. Dieses Projekt kam nicht zum Abschluss, dafür entstand ein Kinofilm mit dem Titel L’heure d’été – Sommerzeit. Der Regisseur Olivier Assayas hatte carte blanche und entspann eine Geschichte um die Verteilung des Erbes in einer französischen Familie. Hélène feiert ihren 75 sten Geburtstag zusammen mit Kindern und Enkelkindern in einem bourgeoisen Traum-Haus mit Garten, das aus einer anderen Epoche zu sein scheint. Die Mutter weiht den ältesten Sohn in ihre Vorstellungen ein, wie nach dem Tod mit dem Erbe umzugehen sei. Zu verteilen gibt es einiges: da wären die Art déco- Möbel von Majorelle, der Schrank von Josef Hoffmann, die Bilder von Odile Redon und natürlich die beiden Corots, nicht zu vergessen einige kostbare Vasen, Geschirr und die Stücke einer Statue von Degas, die die Kinder beim Spielen kaputt gemacht hatten.

Als die Mutter überraschend einige Monate später stirbt, müssen die drei Geschwister sich einigen, was mit dem Haus und der Sammlung passiert; beides hatte einst dem Großonkel, einem Künstler gehört; die Mutter hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Erbe über 30 Jahre lang zu pflegen. Nur der älteste Sohn, bezeichnenderweise ein Ökonom, ist daran interessiert, alles zu behalten. Er kann sich das aber nicht leisten. Nun kommt das Musée d’Orsay ins Spiel: manche Stücke hatte die Mutter dem Museum versprochen; nicht zuletzt ermöglicht der französische Staat, mit Kunst die Erbschaftssteuer zu zahlen.

Der Umgang mit dem Erbe wird mit prominenten SchauspielerInnen wie Juliette Binoche und Charles Berling leider etwas flach und vor allem leidenschaftslos erzählt. Es sind einige wenige Momente, die den Film sehenswert machen: Die Stücke der Statue von Degas werden in der Plastiktüte aus dem Supermarkt Leclerc aufbewahrt. Die Vase, die sich die Haushälterin nach dem Tod der Mutter heraussucht, weil sie ihrer Meinung nichts wert sei, da sie die Vase als häßlich empfindet und sie aus Bescheidenheit nichts Teures annehmen möchte – da weiss die Zuschauerin aber schon , dass diese Vase von einem bekannten Künstler stammt. Der mit Papieren überladene Schreibtisch, der so dekorativ im Atelier der Mutter stand, steht nun prominent im Museum, doch die BesucherInnen gehen achtlos daran vorbei – und die Erben fragen sich, wo er eigentlich besser gestanden hatte. Ohne eine Antwort zu finden.

Viel Neues oder gar Erhellendes zum Umgang mit Sachen liefert der Film nicht. Er bietet einige Hinweise darauf, wie wir mit Dingen umgehen, was sie uns wert sind, wie Dinge zum kulturellem Erbe werden und was mit ihnen – im Idealfall – im Museum passiert. So plätschert der Film vor sich hin, man wohnt verschieden Formen des Verlustes bei – der Verlust eines Menschen, von Dingen und eines Hauses, das für die Famile stand, die es nun nicht mehr gibt – deren Mitglieder sich aber freiwillig entschieden haben, sich von allem zu trennen.

Der Film ist dieser Tage in österreichischen Kinos angelaufen. Hier ein Interview mit dem Regisseur und hier eine Kritik im Orf

Sitzen im Museum XII

Geschrieben von am 25. Januar 2009 16:47


Hier ließe es sich hinlümmeln, lang ausstrecken, sogar ein Schläfchen machen – aber die Sitzbänke im Naturhistorischen Museum in Wien sind verwaist. Nicht deshalb, weil in diesem Museum an einem Sonntagmorgen keine BesucherInnen da wären. Sondern darum, weil das Museum so aufregend und packend ist, es so viel zu sehen und zu bestaunen gibt, dass die BesucherInnen gar keine Zeit haben, überhaupt einmal ans Sitzen zu denken.

Rosige Zeiten für die Kultur in Frankreich

Geschrieben von am 15. Januar 2009 17:26

Der französische Staatspräsident hat am 13.1. in Nîmes eine Rede gehalten, in der er der Kultur seine Unterstützung verspricht. In Le Monde kann man nachlesen, was der Präsident in Sachen Kultur so vorhat: er möchte nicht, wie schon befürchtet wurde, das Kulturministerium abschaffen und kürzt auch nicht dessen Etat – im Gegenteil, einige Bereiche erhalten sogar eine Aufstockung. Eine andere Maßnahme wird den Staat auch noch zusätzliches Geld kosten: wer jünger als 25 Jahre ist, soll ab April 2009 künftig umsonst in die staatlichen Museen dürfen. Sarkozy kündigte noch weitere Aktionen an, wie etwa eine Art Kunstrat, den der Regisseur Marin Karmitz leiten soll. Und er kündigt die Gründung eines französischen Geschichtsmuseum an – diese noch etwas vage Ankündigung bringen sicherlich viele Vermutungen hervor, wie und wo – als Standort im Gespräch ist etwa das Hôtel des Invalides, in dem sich neben dem Armeemuseum einige weitere Museen befinden.

Und, es geschehen noch Zeiten und Wunder, hat er etwas angekündigt, was von vielen lange erwartet wurde: Sarkozy möchte, dass das lange geplante, immer wieder verschobene Mucem, das Museum der Zivilsationen Europas und des Mittelmeeres in Marseille 2012 die Pforten öffnet. Da die Ankündigungen von Staatspräsidenten in Frankreich stets umgesetzt werden, kann man ja schon einmal die Reise nach Marseille planen.

Warum man sich diese Ausstellung anschauen sollte

Geschrieben von am 9. Januar 2009 12:12

RECOLLECTING. Raub und Restitution – so heißt die Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst MAK in Wien, die man sich unbedingt anschauen sollte. Der Titel macht es schon deutlich: es geht um das Hab und Gut, das jüdischen BürgerInnen in Österreich zur Zeit des Nationalsozialismus auf unterschiedliche Art und Weise geraubt wurde und welches ihnen oder ihren ErbInnen auch noch lange Zeit nach 1945 vorenthalten wurde. In der Ausstellung sind nicht nur hochkarätige Kunstobjekte zu sehen, sondern auch Gegenstände des Alltags, etwa ein Auto, Bücher oder Möbelstücke. Die Geschichte jedes der rund 100 Exponate wird sorgsam beleuchtet; offizielle Briefe oder Listen offenbaren, wie die Enteignung durchgesetzt wurde, wie die BesitzerInnen darauf reagierten und was mit den Gegenständen geschah – und welches Schicksal die BesitzerInnen erfahren mussten. Wertvolle Provenienzforschung wird hier transparent gemacht und zeigt aber zugleich auf, wie viele Lücken noch vorhanden sind. Nicht für alle Objekte konnten Erben ausgemacht werden. Erschreckend ist auch zu sehen, wie die Bürokratie nach 1945 nahezu reibungslos weiter funktionierte und die Ansprüche der rechtmäßigen BesitzerInnen einfach abgeschmettert wurden.
Ergänzt werden die Geschichten der Gegenstände und ihrer BesitzerInnen durch zeitgenössische künstlerische Positionen, die nochmals einen völlig anderen Blick erlauben.
Eine höchst aufwühlende, notwendige und auch sehr gut gemachte Ausstellung. Bis zum 15.02.2009ist sie noch in der MAK-Ausstellungshalle zu sehen.

Eine Ausstellung mit demselben Titel, Raub und Restitution, läuft gerade im Jüdischen Museum in Berlin.

Fußballgeschichten

Geschrieben von am 7. Januar 2009 16:56


Noch im letzten Jahr hat das Borusseum in Dortmund geöffnet, ein Fußballmuseum über den BVB Dortmund, also in erster Linie ein Vereinsmuseum. Es ist das Museum über Fußball und die Dortmunder Fans. Fußball ist in Dortmund eine Herzensangelegenheit und die Ausstellung versucht dieser Verbindung, die mit der Vereinsgründung 1910 beginnt, auch einen emotionalen Raum zu geben. Ausstellungsinseln zu einzelnen Etappen gliedern den Raum; es geht natürlich um die Geschichte des Vereins, aber auch um Stadtgeschichte, um die Stadien, die NS-Zeit, um Fankultur, Spieler und Trainer. So wurde beispielsweise die Gründungskneipe am Borsigplatz rekonstuiert: hier wird die Schlachtplatte präsentiert, die den Gegnern nach dem Spiel kredenzt wurde, aber auch der Streit mit der Kirche und die Sympathie des Vereins für die Arbeiterbewegung thematisiert. Die Umsetzung klingt sehr schlüssig und gelungen – auf alle Fälle habe ich den Eindruck, dass auch andere hier Spaß haben werden.

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