Metz ist eine Reise wert I

Geschrieben von am 1. Juni 2010 23:07

Das Centre Pompidou in Paris war bei seiner Eröffnung 1977 angetreten, Wissen und Kunst (bzw. besser die Künste) zu verbinden und diese vor allem für alle zugänglich zu machen. Interdisziplinarität, Offenheit für alle, vor allem für alle Schichten, Offenheit aber auch für alle Formen der Kunst war hier Programm. Wie steht es damit in der neuen Außenstelle?

In Metz versucht man nun mit der Eröffnungsausstellung offensichtlich, an diese Anfänge anzuknüpfen. Die Ausstellung widmet sich nichts weniger als dem Meisterwerk.

Das Thema wird gleich viermal durchdekliniert: regionale Kunst und Patrimoine wird verknüpft mit nationaler und internationaler Kunst aller Sparten; auch das Centre Pompidou selbst als Institution der Kanonbildung thematisiert sich immer wieder selbst.

Das erste Kapitel Meisterwerke in der Geschichte in der großen Halle geht der Frage nach, wie Meisterwerke im Laufe der Zeit ‚gemacht‘ werden, wie sich der Geschmack herausbildet und wie er sich ändert.
Der chronologische Rundgang durch die Geschichte ist vorgegeben; die Räume haben Obertitel wie modern?, Meisterwerke von gestern oder widmen sich den unbekannten Meisterwerken.

Das ist ganz gut gemacht, da nicht nur Bekanntes zu sehen ist, sondern auch die anderen, eben die Vergessenen, wie die mir völlig unbekannten KünstlerInnen aus den 1930er Jahren.

Die Ausstellung erstaunt auch durch ihre Inszenierung: die Besucherin schlängelt sich durch blaue Stellwände, deren eigentliche Architektur erst aber der Blick nach oben erschließt: an der Decke sind Spiegel so angebracht, die, je nach Standpunkt, eine Übersicht über die gesamte Ausstellung oder einzelne Werke wiedergeben.

Natürlich war hier auch ein Werk der arts premiers zu sehen. Mehr beeindruckt hat mich allerdings, sozusagen einen alten Bekannten zu sehen: ein Stück aus dem ehemaligen Volkskundemuseum ATP in Paris, (heute das MuCEM):
das Werk eines anonymen Hufschmiedes.

Doch das war längst nicht alles: morgen geht der Bericht weiter.

Was ist los in Hamburg?

Geschrieben von am 31. Mai 2010 22:04

Noch während man sich über die angekündigte Schließung der Hamburger Galerie der Gegenwart wunderte und vor allem über die unterschiedlichen Begründungen, folgte der zweite Streich: Auch das Altonaer Museum müsse im Oktober schließen, um Brandschutzbestimmungen durchführen zu können. Da schlugen die Medien- und andere Wellen hoch: Direktor Hinrichsen befürchtete in einem Interview, das Haus werde danach nicht mehr geöffnet. Nach so einer Äußerung steht natürlich der Gang in die Kulturbehörde an, und danach ist fast alles wieder anders: Das Museum wird nicht komplett geschlossen, sondern nur ein bißchen, weiss das Hamburger Abendblatt.

So nebenbei kam auch bei den vielen Hamburger Pressekonferenzen heraus, dass Brandschutzmaßnahmen nicht der Grund für die Schließung der Museen seien, wie es man sich hier auf NDR-Online anschauen kann.

Alles äußerst merkwürdig. Das findet auch das Abenblatt, das in einem Leitartikel feststellt:

„Dass sich gleich zwei Museumsdirektoren innerhalb weniger Tage in einem Interview mit dieser Zeitung so offen und so fassungslos zu den Perspektiven ihrer Häuser äußern, dass sie gar der für sie zuständigen Behörde zutrauen, die Brandschutzprobleme nur vorzuschieben, lässt kaum auf ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Kultursenatorin und Museumsszene schließen. Ob es sich tatsächlich um verdeckte Sparmaßnahmen oder um Sicherheitsbedenken handelt, ist da nicht einmal mehr relevant.“

Kein nationales Geschichtsmuseum in Fontainebleau

Geschrieben von am 30. Mai 2010 18:47

Frankreich braucht ein nationales Geschichtsmuseum, befand vor einiger Zeit Präsident Sarkozy und hatte dafür ein Gutachten beauftragt, um Standorte zu prüfen.
Nun wurde ein Standort  ausgeschlossen: Das Schloss von Fontainebleau, da man sich ja nicht nur der Monarchie widmen wollte, so sagte der Kulturminister Mitterrand im Radio Europe 1.
Übrig bleiben nun: Das Hôtel des Invalides, der Grand Palais, der Palais de Chaillot, das Schloss von Fontainebleau und das Schloss von Vincennes.

Fontainebleau hatte bereits mit der Absage gerechnet und widmet sich derzeit anderen Dingen: Man möchte das Schloss mehr bekannt machen – mit einer aufgepeppten Internetseite, mit Veranstaltungen und vielen mehr. Dafür macht man im nahem Paris sogar Werbung – in der Metro, das erste Mal in der Geschichte des Museums. Eine Revolution, wie Le Parisien befand.
Die Suche nach dem richtigen Ort für das nationale Museum geht weiter.

Sitzen im Museum XXI

Geschrieben von am 27. Mai 2010 19:30

Wenig spektakulär sehen die Sitzgelegenheiten im Centre Pompidou Metz aus.
Die Hocker sind aber bequemer, als sie aussehen: sie sind aus Kunststoff. Und es sitzt hier keiner, da sich alle die Ausstellungen ansehen. Dazu bald mehr.

Fundstücke aus Marseille

Geschrieben von am 26. Mai 2010 22:17

Das MuCem ist ja, auch Dank unserer Korrespondentin in Marseille, ein Dauerbrenner im Museumsblog. Nun gibt es wieder eine Anekdote aus der unendlichen Geschichte bis zur Eröffnung zu erzählen:

Während der Bauarbeiten wurden nun menschliche Knochen gefunden. Eigentlich hatte man an dieser Stelle von Marseille keine archäologischen Funde erwartet, weiss die Lokalzeitung La Provence zu berichten. Der zuständige Architekt, Rudy Ricciotti, fand es eine spannende Vorstellung, dass dort, wo das zivilsiationsgeschichtliche Museum stehen soll, frühe Spuren der menschlichen Zivilisation zu finden sind.
Der Fund hatte aber auch einen Baustop zur Folge; hier sahen schon manche Kommentatoren des Artikels der Lokalzeitung eine erneute Verschwörung gegen das Projekt…

Nun ist aber wieder Entwarnung angesagt: Der Landesarchäologe hat festgestellt, dass die menschlichen Überreste nur zufällig dort hingelangten und nichts auf eine menschliche Ansiedlung hinweist. Es darf uneingeschränkt weiter gebaut werden, und der Fund kann ins Archiv der realen und mythenbehafteten Bauverzögerungen abgelegt werden.

Und wir können uns also weiterhin auf die Marseille-Reise im Jahr 2013 freuen!

Pfingstausflug

Geschrieben von am 21. Mai 2010 22:50

Gerne ist man geneigt, die Pappelallee, den Teich oder die hübschen Häuschen für „echt“ zu halten – sie sind es schon, aber sie stehen oder liegen alle im wunderschönen Landschaftspark Fürstenlager Auerbach, einem Stadtteil von Bensheim.
Ende des 18. Jahrhunderts angelegt, findet man im engen Tal alles, was für solch einen Park wichtig ist: exotische Bäume, Freundschaftstempel, Volièren, Brunnen, Aussichtspunkte, sich windende Wege und vieles mehr.

Etwas Besonderers ist hier das Dorf, dass in einem solchen Park natürlich nicht fehlen durfte, das in der Regel aber nicht dauerhaft bewohnbar war. Hier boten die Häuser im Sommer den Angehörigen der Besitzerfamilien, später den Staatsbediensteten, Unterkunft. Im sogenannten Fremdenbau ist eine kleine Ausstellung untergebracht, die die Geschichte des Parks und seinen Bewohnern kurz erzählt.

Die Ausstellung gibt auch einen Einblick in die biedermeierliche Wohnkultur zur Zeit der Großherzoglichen Familie aus Hessen-Darmstadt, die den Park begründeten. Zum Teil wirkt das Ganze wie ein Bild.

Aber auch ein etwas befremdliches Bild: was ist das für ein Gerät auf dem Holzklosett, so haben wir uns dort gefragt.

Zuhause nochmals betrachtet, bin ich eher etwas über den Engel irritiert – stammt die Mode, ihn überall hinzupappen, etwa schon aus jener Zeit?

Insgesamt ist es ein schönes Erlebnis, durch die Anlage zu schlendern und die Ausblicke zu genießen – ein echter Pfingstausflug eben.

Am Sonntag geht’s nach Neukölln,

Geschrieben von am 13. Mai 2010 17:50


wenn ich in Berlin wohnen würde. Denn dann eröffnet im Gutshof Britz das Museum Neukölln, das mit 99 Objekten den Berliner Stadtteil erklären möchte.

Die 99 Objekte kann man sich auch in Ermangelung einer Berlin-Reise schon im Internet ansehen. Neukölln bildet den Auftakt einer Serie von neugeordneteten stadtgeschichtlichen Museen in Deutschland – wir können also zu Recht gespannt sein.

Schon mal schauen in Metz

Geschrieben von am 26. April 2010 22:38

Am 12. Mai eröffnet die Außenstelle vom Centre Pompidou in Metz. Monsieur Frédéric Edelmann von Le Monde war schon einmal da. Sein erster Ratschlag: bloß nicht ums Gebäude gehen – von hinten sieht es aus wie eine Waschmaschine (und das erinnert Edelmann natürlich an die Öl-Raffinerie, mit der damals das Centre Pompidou verglichen wurde). Entworfen haben es der japanische Architekt Shigeru Ban und der französische Architekt Luc Arsène-Henry. Unklar äußert sich Edelmann darüber, ob das Gebäude eher einem Pavillon einer Weltausstellung, einer Seilbahnstation oder dem Haus der „Schtroumpfs“ ähnelt – es klingt auf alle Fälle futuristisch – und sieht auf der Internetseite auch so aus:

Wer mag, kann sich übrigens die 3 Jahre Bauzeit als Viedeoclip ansehen – ein schönes Kranballett!

Edelmann ist sich sicher: dieses Haus wird viele zufriedenstellen, weil es multifunktional ist, viele kulturelle Bedürfnisse bedient. Nicht zuletzt wird es auch deshalb Begeisterung hervorrufen, weil die Ausstellungen von Paris aus bedient werden. In der Eröffnungsausstellung Chefs-d’oeuvre? werden über 500 Werke aus dem Mutterhaus zu sehen sein. Vom 12. – 16. Mai wird Eröffnung gefeiert – Metz ist sicher eine Reise wert.

Die Macht des Rund – Große Landesausstellung zum Fußball in Stuttgart

Geschrieben von am 23. April 2010 00:49

Gefühle, wo man schwer beschreiben kann“ – mit diesem Un-Satz betitelte das renommierte Haus der Geschichte Baden-Württemberg ihre aktuelle Ausstellung in Stuttgart, die begleitend zur Fußball-WM dem Mythos „Fußball im Südwesten“ ein Denkmal setzen könnte. Denn frei nach dem bekannten Slogan „Wir können alles – außer Hochdeutsch“ geht man offensiv mit dem Zitat – so protokolliert nach dem Sieg der EM 1996 – des Ausnahmestürmers und späteren Bundestrainers Jürgen Klinsmann um und versammelt zahlreiche Objekte, Namen und Geschichten um das runde Leder in einer großen Landesausstellung bis zum 11. Juli im Kunstgebäude am Stuttgarter Schlossplatz.

Ich hatte das Glück, an den Eröffnungstagen Ende März noch einen eher beschaulichen Zuschauerstrom mitzuerleben, aber beeindruckend war schon da, welche Gefühle und Geschichten die Ausstellung bei den Besuchern freizusetzen scheint. Tatsächlich handelt es sich hier um eine dramaturgisch durchdachte Schau, der es gelingt, sowohl das Thema passend zu inszenieren, verschiedenste Besuchergruppen zu involvieren und gleichzeitig ein spannendes und reflektiertes Begleitprogramm anzubieten.

Schon gleich im Entree („Der Auftakt“) wird der Besucher durch eine große Videoprojektion in das Thema katapultiert: überbordende Gefühle im Stadion, temporeiches Spiel und männliche Aggressivität schieben uns in den nächsten, ruhigeren Raum, den Kuppelsaal. Dort wird nur ein einziges Exponat gezeigt, inszeniert wie eine königliche Krone oder ein heiliger Fetisch: der goldene FIFA-Pokal (der einzige von zehn in Privatbesitz). Der rote Teppich und die Fotocollagen an den Wänden (Szenen mit baden-württembergischen Fußball-Helden) verwandeln den Raum in eine „Kathedrale des Fußballs“ und offenbaren ihn als moderne Ersatz-Religion, die den einzelnen in ritualisierte Handlungen und emotionale Gemeinschaftserlebnisse einbindet.

Im anschließenden „Vereinsheim“ wird´s gemütlicher, hier kann man sich mit kleinen Speisen und Getränken stärken, genüsslich beisammen sitzen und die zahlreichen Vereins-Wimpel und -Fotografien „aus’m Ländle“ studieren. Hier erhält der Volkssport seine populäre und historische Verankerung, während man sich im nächsten Raum, dem grün unterlegten Aktionsbereich selbst spielerisch betätigen kann: entweder „in echt“ im „Soccer-Court“ (Außenbereich), am Tisch (Tischkicker oder Tipp-Kick) oder am Monitor zur Sportreportage. Dabei zeigt sich schnell, dass hier – beim Bemalen der Tipp-Kick-Figuren oder bei der Suche nach einem Kick-Partner – das Sozialverhalten geschlechts-, generations- und länderübergreifend am besten funktioniert.

Manch einer schafft es dann vor lauter Schwelgen in nostalgischen Erinnerungen gar nicht mehr bis in den größten Ausstellungsraum, in dem mittels einer riesigen Rundvitrine und zahlreichen Einzelvitrinen viele Objekte, Filme und O-Töne die Geschichte des Fußballs im Südwesten erzählen. Hier lebt der Mythos auf, hier wird die von Klinsmann 1997 getretene Werbetonne zur Ikone – oder bleibt eine Werbetonne mit Loch, je nach Standpunkt. Schlussendlich hängt es vom „Glauben“ des Besuchers ab, ob er mit Aahs oder Oohs durch die Ausstellung schlendert oder ob er sich nüchtern-distanziert betrachtet, wie durch diesen Sport regionale Identität, politische Geschichte oder einfach nur eine Menge Geld geschaffen wird.



Krieg im Museum

Geschrieben von am 19. April 2010 23:15

In Frankreich käme niemand auf die Idee, an einem 11.11. an Karneval zu denken. In Frankreich gedenkt man stattdessen der Toten des Ersten Weltkrieges: am 11. November wurde der Waffenstillstand zwischen Frankreich und Deutschland unterzeichnet.

Nächstes Jahr soll in Meaux, im Zentrum der beiden Marneschlachten, ein Kriegsmuseum eröffnet werden. Dieser Tage wurde vom Kulturminister der Grundstein gelegt. Im Zentrum steht die Sammlung, die der renommierte Historikers Jean-Pierre Verney zusammengetragen hat und dessen Anti-Kriegs Buch Elender Krieg letztes Jahr auch auf Deutsch erschien.

Wie das Museum aussehen könnte, wurde hier schon einmal im November 2008 vorgestellt – eine vorläufige Ausstellung, die ein Jahr lang in Meaux zu sehen war.

In Kisten wartet die Sammlung darauf, ausgepackt zu werden, und erinnert doch stark an ein Figurinen-Museum. Der  Bürgermeister von Meaux, Jean-Pierre Copé kündigte damals aber auch ein modernes, lebendiges Museum, in dem z.B. ein Stück Schlachtfeld virtuell inszeniert werden soll.*

Wir sind gespannt, doch erinnerten die ersten Bilder leider eher an das etwas dröge Pariser Armeemuseum als an die wirklich beispielhafte Inszenierung (weil aus verschiednene Sichten) im Historial von Péronne.

*Warum der Bürgermeister Jean-Pierre Copé bei der Eröffnung der vorläufigen Ausstellung als Eröffnungstermin des Museums den 11.11.11 um 11 Uhr 11 nennt (und damit einige Lacher erntet), ist doch einigermaßen merkwürdig.

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