Figurinen XXI

Dieser Herr steht im Münchner Stadtmuseum. Die Uniform ist des Portiers des Münchner Rathauses samt Zeremonienstab – eine Gala-Uniform um 1890.

Dieser Herr steht im Münchner Stadtmuseum. Die Uniform ist des Portiers des Münchner Rathauses samt Zeremonienstab – eine Gala-Uniform um 1890.
Wie die Kunstmuseen ihre Geschichte selbst erfinden, beschreibt der aufschlußreiche Artikel von Niklas Maak in Die gekaufte Kunstgeschichte in der FAZ. Es geht um das enge Verhältnis von Geld, Kunst und Museum. Maak beschreibt zwei Kunstsysteme, die miteinander im Wettstreit stehen – auf der einen Seite stehen die staatlichen, öffentlichen Kunsteinrichtungen, auf der anderen die reichen Sammler, die sich nicht mehr damit begnügen, die Museen zu unterstützen – mit Leihgaben oder mit Sponsoring. Der Unterschied ist, dass nun die Sammler quasi die gesamte Einrichtung übernehmen:
„Damit wird ein entscheidender Bruch vollzogen. Im Kampf darum, wie Bedeutung hergestellt wird, wie Macht entsteht, Deutungshoheiten behauptet und Eichsysteme für Qualität geprägt werden, haben sich offensichtlich die Gewichte verschoben. Wer hat die Macht im Kunstsystem? Wer entscheidet, was gezeigt wird, was als bedeutend gilt? Bisher war die Antwort auf diese Frage meistens: die staatlichen Ausstellungshallen und Museen, vielleicht noch die Biennalen – und weniger die privaten Sammler.“
Maak beschreibt, wie auf diese Weise eine „zweite Kunstwelt“ entsteht – in dem immer dieselben Namen auftauchen, Karrieren gesteuert werden – und vor allem die eigenen Kunstwerke promoten.
„Auf der Strecke bleibt bei diesen Einverleibungen die Urkompetenz des Museums als einer kulturellen Institution, in der unabhängige Experten Kunstwerke auswählen, sortieren, werten und in thematischen Ausstellungen präsentieren.“
Vielleicht ein Indiz für die Museumskrise über Gottfried Fliedl bloggt?
Naturnahes Sitzen im Naturhistorischen Museum in Wien (2010)
Hier haben einige BesucherInnen Platz:
Wie eine Schlange schlängelt sich die Sitzbank durch die Dauerausstellung des Münchner Stadtmuseums.
Geradezu euphorisch berichtet Frédéric Edelmann in Le Monde über eine Ausstellung im Pavillon d’Arsenal in Paris: Hier sind 58 Architekturmodelle aus dem Besitz des Centre Pompidou ausgestellt, die realisierte Bauprojekte in der Metropolenregion Paris zeigen. Œuvres construites, 1948-2009 – Architectures de collection, Paris Ile-de-France heißt die Ausstellung, die laut Edelmann eine „ville imaginaire“ entstehen lässt – auch gerade deswegen, weil sie die über 60 Jahre Pariser Architekturgeschichte nicht lückenlos erzählt. Vieles kennt man aus den Parisbesuchen, das CNIT in La Défense über die Tour Montparnasse aus den 1950er Jahren oder die Bauten von Jean Nouvel wie die Fondation Cartier.
Fantastisch und pfiffig ist nach Edelmann die Inszenierung, die die Modelle, Zeichnungen mit Videoinstallationen und Spiegeln kombiniert. Er verspricht uns ein großes Vergnügen in der Ausstellung – auch wenn ihm nicht alle Modelle bzw. die Realisierung gefallen.
Etwas kritischer über die Ausstellung berichtete Marc Zitzmann in der NZZ – für ihn ist „die Schau eine Spur zu oberflächlich“.
Da hilft wieder einmal nichts: selbst hinfahren! Bis Ende März haben wir dazu noch Zeit.
Das Pavillon d’Arsenal ist sowieso immer eine gute Adresse für alle, die sich für Architektur und Pariser Stadtplanung interessieren. Und: der Eintritt ist frei.
Diese Figurinen habe ich leider nicht selbst gesehen, sondern der Kollege Jörn Borchert hat sie aufgetan – in Rotterdam im Maritimen Museum, genauer gesagt auf dem Museums-Schiff Buffel. Auf Kulturelle Welten kann man alles über den Museumsbesuch erfahren.
Ich bin etwas neidisch, dass ich diese neue Spielart von Figurinen in langen Unterhosen und mit nacktem Oberkörper (noch) nicht selbst gesehen habe – sie gehören eindeutig zu den schönsten Exemplaren!

Stylisch: Mit dem biomorphen Gebilde von den Londoner Architekten Peter Cook und Colin Fournier im Rücken, kann die Besucherin im Kunsthaus Graz der Hör-Installation einer Straße lauschen.
Unbelichtet. Münchner Fotografen im Exil heisst die derzeitige Ausstellung im Jüdischen Museum in München. Im Mittelpunkt stehen die drei Fotografen Alfons Himmelreich (1904-1993), Efrem Ilani (1910-1999) und Jakob Rosner (1902-1950). Sie waren in den 1930er Jahren von München aus ins damalige Palästina emigriert. Sie konnten sich dort auch als Fotografen etablieren, weil ein Bedarf an fotojournalistischen Dokumentationen bestand – als Werbung für die moderne zionistische Bewegung.
Die Fotografien erzählen vom Entstehungsprozess Israels vor allem in den 1930er und 1940er Jahren und porträtieren mit Vorliebe Menschen bei der Arbeit. Auftragsarbeiten beobachten die EinwanderInnen bei landwirtschaftliche Tätigkeiten oder in der Fabrik. Ästhetisch qualitative Aufnahmen wie die Produktfotografien weisen auch vielfältige Bezüge zur europäischen Fotogeschichte auf, stehen sie doch für das Neue Sehen in der Fotografie.
Die luftige Gestaltung des Ausstellungsraumes und die Farben – viele Grautöne – schaffen eine angenehme Atmosphäre und fördern die Lust am Schauen.
In einem zweiten Raum werden weitere vergessene Fotografen und Fotografinnen aus München gewürdigt: in einem bio-bibliografischen Lexikon werden 50 FotografInnen vorgestellt, die zwischen Ende des 19. Jahrhunderts bis Ende der 1930er Jahren in München arbeiteten. 1938 mussten alle jüdischen Ateliers aufgrund der rassistischen Nazi-Gesetzgebung schließen. Vielen FotografInnen gelang die Emigration, andere wurden ermordet, und ihr fotografisches Schaffen vernichtet. Die Münchner Fotogeschichte wird in dieser Ausstellung also nochmals neu beleuchtet.
Kuratiert wurde die Ausstelllung von Tatjana Neef, die Szenographie stammt von Juliette Israël. Empfehlenswert ist auch das aufwändig gestaltete Begleitbuch, erschienen im Kehrerverlag.
Die Fotos stammen von der Internetseite des Jüdischen Museums.
Auf BR-online/Bayern 1 kann man hier ein Audio anhören und eine Rezension in der Welt lesen.
Am schönsten ist es natürlich, selbst hinzugehen – die Ausstellung läuft noch bis zum 23. Mai.
Und wer schon einmal dort ist, sollte auf keinen Fall die sehenswerte Dauerausstellung versäumen!
Es ist kalt, es riecht leicht nach Ballistol, die Holzdielen knarzen und die Augen begreifen nicht so recht, was sie da eigentlich sehen: Vier Etagen voll mit Waffen, Harnische, Handfeuerwaffen, Helme, Kanonen, Stangen, Lanzen… rund 32. 000 Objekte, laut Beschreibung.
Wir sind im Landeszeughaus der Steiermark in Graz genauer in einer original erhaltenen Rüstkammer, die in diesem Gebäude (links ein Blick auf den Hintereingang) ab Mitte des 16. Jahrhunderts zur Verteidigung der Steiermark eingerichtet worden war.
Ende des 17. Jahrhundert war die Grenze nach Osten hin befriedet, Waffen und Rüstungen wurden überflüssig.
Anstatt alles aufzulösen, verwandelte man dann einige Jahrzehnte später das Zeughaus mit den verbliebenen Restbeständen (das ist jetzt etwas abgekürzt) in ein Museum, das seit Ende des 19. Jahrhundert zum Universalmuseum Joanneum gehört.
Während die Rüstungskammer nahezu unverändert blieb, fügte man in den 1990er Jahren im Erdgeschoss eine Dauerausstellung hinzu, um die Notwendigkeit der Waffen für die Steiermark zu erklären und Situationen aus dem Alltag eines Soldaten aus dem 17. Jahrhundert zu visualiseren.
Trotz der didaktischen Einführung ist eine Mischung aus Faszination und Voyeurismus, die einem beim Durchqueren der langen Gänge mit den vielen Waffen begleitet, nicht von der Hand zu weisen. Viele der ausgestellten Objekte sind einfach schön: die kunstvoll verzierten Harnische oder die sorgfältig verarbeiteten Kuhhörner für Schießpulver eignen sich gut für eine Ästhetisierung.
Ein interessantes Kulturerbe, aber auch ein schwieriges – denn wie setzt man so etwas in Szene, ohne Gewalt zu verherrlichen?
Hier ein Video vom ORF für einen ersten Eindruck.
Das Jüdische Museum in München bietet so viele spannende Einblicke, dass man als Besucherin gar nicht zum Hinsitzen kommt – auch wenn es sich um Hocker des geschätzten Egon Eiermann handelt.