Musée du quai Branly, die dritte

Geschrieben von am 4. September 2006 09:54

Marc Zitzmann besuchte für die NZZ Online mehrmals das Musée du quai Branly in Paris und stellt in Hinblick auf die Architektur fest, „dass der erwartete grosse architektonische Wurf wohl leider nicht gelungen ist“. Auch was die Sammlung anbelangt, so zeigt er sich enttäuscht, da die Vorgeschichte und Vorgängerinstitutionen mit keinem Wort genannt werden: „So erscheint das Musée du quai Branly als eine Institution ohne Geschichte, eine Schöpfung ex nihilo.“ Er vermisst, dass den Nachfahren der „peuples d’origines“ nicht berücksichtigt wurden und dass man die Objekte allein aufgrund ihrer Schönheit und wegen ihres Alters ausstellt. Für sehr gelungen hält Zitzmann die Präsentation. Schade findet er es, dass viele Informationen erst im Nachhinein angebracht wurden und so den Eindruck stören: „Das 235 Millionen Euro teure Museum gleicht einem Haute-Couture-Kleid, das durch Sicherheitsnadeln zusammengehalten wird.“

Musée du quai Branly, die zweite

Geschrieben von am 2. August 2006 16:37

Auch wenn ich leider immer noch nicht in Paris war, kommen dennoch noch einige Anmerkungen zum Musée du quai Branly. Bei „Libération“ bzw. in ihrer Online-Version Liberation.fr habe ich am 20. Juli drei sehr interessante Stellungnahmen gefunden, die ich hier vorstellen möchte.

Die ehemalige Kultur- und Tourismusministerin Aninata Traore von Mali beschreibt das Museum als einen Ort, in dem die Objekte zelebriert werden, die den Völkern gehören, die heute durch Migrations-Gesetz von Sarkozy (der französische Innenminister) zurückgewiesen werden. Madame Traore schildert weiter, wie sie vor einiger Zeit von der damaligen Kulturministerin Frankreichs, Catherine Trautman, gebeten wurde, den Verkauf einer Figur der Tial, die einen belgischen Sammler gehörte, zu autorisieren; die Figur war, wie so viele andere, nach Europa „gebracht“ worden. Da Traore sich nicht daran beteiligen wollte, ein Stück reinzuwaschen, das höchstwahrscheinlich illegal aus Mali geschmuggelt worden war, schlug sie vor, Frankreich solle die Figur kaufen und dann an Mali zurückgeben. Mali wiederum würde dann die Figur an das Museum ausleihen. Traore flog ganz schnell aus dem Entscheidungsgremium heraus, mit der Begründung, „dass das Geld des französischen Steuerzahlers nicht für den Erwerb eines Stückes verwendet werden könnte, das dann nach Mali zurückgegeben würde“. Mit ihrer Ansicht erwarb sie sich bei ihrer Regierung auch keine Freunde: Mali kaufte schließlich selbst das Stück, um es dann an das Musée du Quai Branly auszuleihen.
Meine Meinung: allein die Vorstellung, dass ich etwas kaufen müsse, das mir gehört, damit wiederum ein Dritter davon profitiert, finde ich absurd. Eine unschöne Geschichte am Rande oder symptomatisch für das Musée du quai Branly?

Die Ausstellungskuratoren Sylvie Grossmann und Jean-Pierre Barou verweisen darauf, dass die im Museum gezeigten Kunstwerke noch viele andere Bedeutungsebenen besäßen, diese aber nur auf das Schöne und Dekorative beschränkten. Es geht ihnen nicht nur um die „beaux-arts“, also die schönen Künste, sondern um die „beaux savoirs“ – also um das schöne Wissen. Insbesondere verweisen sie auf die enge Verknüpfung von Wissen und Kunst, die im Musée du quai Branly gar nicht auftauche. Die enge Verwandtschaft zwischen Schönheit und Gesundheit bzw. zwischen Malerei und Gesundheit wurde bei den (wie sagt man das nun korrekt?) Urvölkern? schon längst erkannt. Seit über einem Jahrzehnt bestehe ein reger Austausch zwischen medizinischen Experten von den Navajos oder aus Tibet mit Wissenschaftlern der westlichen Welt, die deren Kenntnisse für aktuelle Problematiken sehr schätzten. Die Autoren fordern deswegen eine Museographie, die wirklich die beaux savoirs anerkennt und nicht ständig von „anderen Kulturen“ spricht.

Patrick Prado schließlich, Antropologe, beleuchtet die soziale Rolle des Museums und seinen Blick auf die anderen. Die Sichtweise auf die Objekte habe sich nur unwesentlich verändert, von wild über ethnisch zu „Stamm“(-eskunst) handle es sich immer um unsere Definition. Interessant auch der Hinweis, dass aus den Objekten der anderen zunächst „exotische“ Künste im Plural, dann einfach zu Kunst im Singular wurde – was ja auch der phänomenalen Aufwertung auf dem internationalen Kunstmarkt entspricht. Patrick Prado fragt sich, ob die zeitgenössische Anthropologie, die sich mit dem „Studium der Menschen hier, und jetzt und weiter weg beschäftige“ im Musée du Quai Branly repräsentiert sei. Nein, so sein klares Urteil und das sei kein Zufall: „Es sind die direkten Nachkommen derjenigen, die diese Wunderwerke hergestellt haben, die an den Stacheldrähten unserer europäischen Abwehr sterben, die zu Hunderten zwischen Lampedusa, Gibraltar und den kanarischen Inseln ertrinken, die wie Pakete mit täglichen Charterflügen ausgewiesen werden, deren Kinder aus den Schulen unserer Republik gerissen werden, wenn sie nicht unter den Fahrgestellen unserer Düsenflugzeuge erfrieren.“ Er vermisst Spuren der Nachfahren im Musée du quai Branly. Und er sagt: wenn wir sie schon alle rausschmeissen, dann sollten wir ihnen auch ihr Eigentum zurückgeben.

„Scénographies d’architectes” – 115 Ausstellungen ausgestellt

Geschrieben von am 25. Juli 2006 09:16

Das „Centre d’information, de documentation et d’exposition d’urbanisme et d’architecture de la Ville de Paris“ zeigt in einer Ausstellung im „Pavillon d’Arsenal“ 115 Beispiele von Ausstellungsarchitekturen, die von renommierten Architekten gestaltet wurden. Die Schau versammelt schwerpunktmäßig europäische Ausstellungen der letzten zehn Jahre; die beteiligten Architekten/innen stammen aus der ganzen Welt.

Etliche der präsentierten Ausstellungen sind dem Thema „Architektur“ gewidmet, oft handelt es sich um monographische Präsentationen nach dem Motto „Rem Kolhaas zeigt Rem Kolhaas“, doch gibt es auch viele Beispiele gelungener Ausstellungsgestaltungen zu den unterschiedlichsten kulturhistorischen Themen zu sehen.
Dominique Perrault, der als Gestalter für diese Meta-Präsentation verantwortlich zeigt, hat sein Material einem strengen, egalitären Zeigemodus unterworfen: Für jedes Fallbeispiel steht ein Leuchtkasten von ca. 160 x 100 cm zur Verfügung. So hängen im Ausstellungsraum im Obergeschoss des Arsenal etwa 60 solcher Kästen von der Decke, die jeweils auf der Vorder- bzw. Rückseite eine Ausstellung präsentieren: ein kurzer Text, der die Aufgabe umreißt, zwei, drei Fotos und ein Grundriss, mehr geht nicht. Nur in einigen, wenigen Fällen wird noch ein Modell der Ausstellung gezeigt.
Die Qualität dieser Ausstellung liegt sicher nicht darin, dass sie zu jedem der gezeigten Ausstellungsbeispiele auf die besonderen Herausforderungen der inhaltlichen oder didaktischen Konzeption eingeht, oder besonders raffinierte Lösungen für einzelne konservatorische Probleme darstellt. Nein, ihre Qualität liegt in der Masse und in der Vielfalt, die sie aufzeigt. Was ist der aktuelle künstlerische Stand in der Disziplin der Ausstellungsgestalter? Welche innovativen Materialien verwendet Zaha Hadid? Wie geht Coop Himmelblau mit Videopräsentationen im Raum um? Wie integrieren zeitgenössische Architekten die Typographie in ihre Entwürfe? Diese Ausstellung ist so etwas wie ein begehbares Musterbuch, ein breiter Fächer frischer szenographischer Ideen.
„Rezepte“ für meine nächsten Ausstellungsgestaltungen finde ich hier nicht, schon gar keine allgemein-verbindlichen Handlungsanweisungen für szenographische Aufgaben. Dafür Inspiration und „Appettitanreger“ in Hülle und Fülle“.
Apropos Musterbuch: Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Er stellt alle gezeigten Ausstellungsbeispiele mit den Bildern und den äußerst knappen Texten der Leuchtkästen vor, liefert also keine wesentliche inhaltliche Vertiefung der Ausstellung
Das Buch – es ist etwa 3,5 cm dick, farbig, gut gedruckt, aber Typo und Bindung sind leider etwas unergonomisch – kostet 38 Euro und kann über die Arsenal-Homepage bestellt werden.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 22. 10. 2006; Öffnungszeiten, etc auf der Internetseite.
Allen, die in diesem heißen Sommer noch nach Paris fahren, empfehle ich, nach dem Ausstellungsbesuch ein Eis bei Berthillon auf der nahegelegenen kleinen Seineinsel zu genießen;-)

Thomas Rößler Dipl. Des.
Historisches Museum Saar
Schlossplatz 15
66119 Saarbrücken

Mein Senf zum MQB – Musée du quai Branly

Geschrieben von am 4. Juli 2006 15:02

Das neue Museum in Paris, auf das alle so lange gewartet haben, ist eröffnet: Staatspräsident Chirac hat nun endlich auch sein eigenes. Wahrscheinlich wollte er nicht mehr nur in die Häuser von seinen Vorgängern Giscard d’Estaing, Pompidou oder Mitterrand gehen.
Warum heisst das Museum eigentlich nicht nach Chirac? Lange Zeit sollte die Institution, die Sammlungen des Musée de l’Homme und des Musée National des Arts Afrique et d’Océanie neu präsentiert, als Museum der ‚arts premiers‘ deklariert werden. Da aber während des über 10jährigen Entstehungsprozess bis heute nicht genau geklärt werden konnte, was mit dem Begriff arts premiers nun eigentlich gemeint ist, mußte am Ende mal wieder der Standort herhalten. Für ein Musée Chirac ist es wohl doch noch zu früh. Es gibt inzwischen sogar Gerüchte, dass die Institution nach dem großen französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss benannt werden soll. Das wäre nur logisch: zwar ist das Ganze eine Herzensangelegenheit von Jacques Chirac gewesen, aber Lévi-Strauss hat es erst möglich gemacht. Als Ehrenvorsitzender der für das Museumsprojekt eingesetzte Kommission hatte er das bis zuletzt umstrittene Konzept von Anfang an unterstützt. Und wenn erst ein Lévi-Strauss dafür ist, dann ist das Geld vom Präsidenten eine Lappalie. Viel gäbe es noch zu sagen, ohne dass ich schon einen Fuß hineingesetzt hätte. Doch mehr dazu nach dem nächsten Paris-Besuch!

Alle haben darüber berichtet, deswegen nur einige special links:
Spiegel online
Deutsche Welle mit Kommentaren von der Museumsbloggerin
Blog „Kulturelle Welten“ mit weiteren Hinweisen

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