Von Puppen in Ausstellungen

Geschrieben von am 28. Juni 2007 11:09

Zu den „Explainer“ in Ausstellungen kommt nun eine weitere Spielart hinzu: die Puppe. Die kennt man ja noch von volkskundlichen Museen, wo sie lebensgroß zum Beispiel in einer Bauernstube sitzt, um alles, wie es immer so schön heißt, lebendiger zu machen. Die Puppe, die ich nun meine, kommt ab 5. Juli in der Auswandererwelt BallinStadt in Hamburg zum Einsatz:

„Ich stelle es mir ganz spannend vor, nach Amerika zu reisen und dort zu leben. Hättest du auch Lust dazu?“, fragt der zehnjährige Heinz unverblümt. Er stammt aus Essen, wo er 1897 das Licht der Welt erblickte, und ist eine von insgesamt neun Puppen, die in historischem Gewand die Besucher der BallinStadt auf ihre Reise nach Amerika einstimmen. Jede Puppe hat eine eigene Lebensgeschichte und berichtet, wenn man sich ihr nähert, von ihren Gründen für die Auswanderung, ihren Hoffnungen und Plänen.“

Da frage ich mich doch, wozu man bei über 5 Millionen Auswanderern Puppen braucht, die einem – eine konstruierte – Biographie erzählen. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren und schaue mir die „interaktive Edutainmentausstellung“ beim nächsten Hamburg-Besuch an. Ich ahne allerdings schon, dass ich hier mit der Museumsbund– oder ICOM-Karte nicht weit kommen werde.

Die Brücke und kein Ende

Geschrieben von am 25. Juni 2007 14:02

Es gibt Nachrichten aus Christchurch in Neuseeland, wo das Unesco-Welterbe-Komitte tagte. Dazu schreibt die Frankfurter Rundschau online

„Das Komitee hatte im neuseeländischen Christchurch entschieden, das Dresdner Elbtal vorerst nicht von der Liste des Unesco-Welterbes zu streichen. Das Gremium bekräftigte zugleich seinen Widerstand gegen den Bau der Waldschlößchenbrücke in der bisher geplanten Form und forderte einen alternativen Entwurf.“

Dieser muss in drei Monaten vorliegen. Hier ist darüber etwas im Spiegel zu lesen und hier im Museumsblog.

Explainer anstelle von Cicerone

Geschrieben von am 25. Juni 2007 09:15

Die Eröffnung des Besucherzentrum Arche Nebra in Sachsen-Anhalt wurde letzte Woche groß gefeiert. In der Nähe des Fundortes der einzigartigen Himmelsscheibe geht es um bronzezeitliche Beobachtungen im Kosmos. Ich habe mich bei der Lektüre der Internetseite des Besucherzentrums gefragt, was es wohl mit den „Explainer“ auf sich hat, die, so heißt es hier, „an mehreren Stationen Teile der Präsentation erläutern oder auch für individuelle Fragen zur Verfügung stehen“. Löst der Explainer den früher, gerne in bildungsbürgerlichen Einrichtungen eingesetzten Cicerone à la Jacob Burckhardt ab? In der Arche Nebra handelt es sich allerdings um virtuelle Erklärer, wie ich an anderer Stelle erfahre, um aber gleich wieder verwirrt zu werden: „Statt der klassischen Präsentation von Exponaten in Vitrinen begleiten so genannte Pepper’s Ghosts mit Information, Witz und Charme den Besucher.“ Pepper’s Ghosts?
Die Himmelscheibe selbst ist übrigens ab Mai nächsten Jahres im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle/Saale zu sehen. Hier wird, so meine Prognose, die Präsentation voraussichtlich ohne Pepper’s Ghost auskommen.

Wenn der Kunstgott waltet

Geschrieben von am 21. Juni 2007 11:04

Schöne Meldung aus Kassel inmitten der Meldungen über die Schäden, die die Gewitter gestern und heute mit sich brachten:

„Bereits am Mittwochnachmittag hatte es in Nordhessen schwere Unwetter gegeben. Dabei war auch ein Kunstwerk der laufenden Documenta in Kassel zerstört worden. Das etwa acht Meter hohe, turmähnliche Gebilde „Template“ des chinesischen Künstlers Ai Weiwei in den Fuldaauen stürzte ein. Der Einsturz erfolgte dabei „auf erstaunlich ästhetische Weise“, wie Documenta-Sprecherin Catrin Seefranz sagte. Niemand sei verletzt worden. Der Künstler finde sein Kunstwerk jetzt schöner als zuvor und wolle es nicht wiederaufbauen lassen.“

„Auch der Preis hat sich soeben verdoppelt“, meinte Künstler Ai Weiwei noch. Wofür so ein Unwetter alles gut sein kann!
Gelesen hier und hier in der Frankfurter Rundschau online.

Kurz mal ins Museum

Geschrieben von am 19. Juni 2007 13:07

1 minute au musée“ heisst die Reihe, in der der französische Fernsehsender tv5 monde nun auch im Internet einem das Französische nicht nur näher-, sondern auch beibringen möchte. Und dies geschieht auf eine sehr amüsante Weise: drei Phantasie-Figuren setzen sich in einer Videosequenz etwa im Louvre mit der Mona Lisa oder mit einer Skulptur im Musée d’Orsay auseinander. Die Filme dauern nicht länger als eine Minute und sind Basis für die Übungen, die jeweils auf drei verschiedenen Niveaus angesiedelt sind. Witzig und pfiffig gemacht, auch selbstironisch, erfährt man einiges über das jeweilige Werk. Alle Übungen beziehen sich auf den Film und sind ein gelungenes Beispiel dafür, wie Museen sich gewitzt in einem anderen Medium in Szene setzen können.

Cocktails im Wasser

Geschrieben von am 18. Juni 2007 11:30

Wenn man sich erst mal überwunden hat, den hellen Sommertag zu verlassen und sich ins Dunkle des Ausstellungsgebäudes auf der Mathildenhöhe zu begeben, dann vergisst man sofort, dass draußen die Sonne scheint. Gleich die erste Installation des kanadischen Künstlerpaares Janet Cardiff & George Bures Miller zieht einen in den Bann: „The Killing Machine“, die auch der Ausstellung den Titel gab (+ andere Geschichten 1995-2007) ist abstoßend-faszinierend. Abstoßend, da in der Installation ein Zahnarztstuhl an prominenter Stelle steht und sofort Assoziationen auslöst; faszinierend, weil sich filigrane, an Schreibtischlampen- Gestelle erinnernde Roboterarme tänzerisch um den Stuhl bewegen, dann aber mit spitzen Metallteilen zuzuhacken scheinen. Für die Ausstellung muss man Zeit mitbringen, und den Willen, sich mit unterschiedlichen Formen der Wahrnehmung auseinanderzusetzen. Die Werke sind sehr abwechslungsreich, so erwartet einen in „The Dark Poole“ ein dunkler Raum, in dem anscheinend bis vor kurzem noch jemand hauste, der sein Bett, seine Bücher, Geschirr und allesmögliche andere Sammelsurium dagelassen hat. Licht, Töne und Stimmen, die man selbst durch einen Bewegungsmelder auslöst, verleihen den Dingen plötzlich ein Eigenleben. Eine weihevolle Stimmung empfängt dann einen im Saal des „40 Stimmen Motetts“, in dem eine englische Motette aus dem 16. Jahrhundert als Audioinstallation zu hören und irgendwie zu fühlen ist: Jede Stimme des Chores wird durch einen eigenen Lautsprecher verstärkt, so dass man das Gefühl hat, Teil des Chores zu sein. Den Abschluss der Ausstellung bildet ein Spaziergang im Wasserreservoir unterhalb des Ausstellungsgebäudes. In Gummistiefeln stapft man durch das stockfinstere Gewölbe, und angezogen durch Musik und Licht in der hintersten Ecke, stößt man auf eine Art Cocktail-Bar. Leider ist der Alkohol für die Cocktails alle, und so macht man sich dann doch wieder auf in den hellen Tag.

Die Ausstellung ist noch bis zum 26. August auf der Mathildenhöhe in Darmstadt zu sehen.
Ein Interview mit Cardiff/Miller auf hr-online.

Künstlern über die Schulter sehen

Geschrieben von am 14. Juni 2007 09:52

Tate Shots heißt die Reihe auf der Internetseite von Tate Online, in der jeden Monat eine Auswahl von mehreren Kurzfilmen gezeigt werden. Der Schwerpunkt liegt auf moderne und zeitgenössische Kunst; Ziel ist es wohl, auf laufende Ausstellungen neugierig zu machen. Das klappt auch. So präsentiert eine Kuratorin die derzeit laufende Fotoausstellung in Tate Modern „How we are“. Oder man schaut sich im Archiv den Film „Meet the Artists“ an, in dem wir Thomas Hirschhorn sehen, der mit einem entzückenden Schweizer Akzent auf Englisch davon erzählt, wie es ist, ein Künstler zu sein.

Kunst suchen

Geschrieben von am 11. Juni 2007 14:54

Sehenswert: die Skulpturen im Kurpark von Bad Homburg v.d.H., die sechste Ausstellung in der Reihe Blickachsen. Manchmal hängen sie im Baum, verstecken sich im Gras oder sind so gut integriert, dass sie gar nicht auffallen, wenn nicht ein kleines Täfelchen davorstände. Leider stehen auf den Tafeln nur ganz wenig Informationen (allerdings ist eine Telefonnummer angegeben – ob man da mehr erführe?), so dass es sich empfiehlt, den sehr nützlichen und schön gemachten Mini-Katalog (als Pdf) herunterzuladen. Auch einen Plan empfiehlt sich auf der Wanderung in dem von Herrn Lenné anglegten Park mitzunehmen, ist er doch viel größer als erwartet. Schön ist er, mit oder ohne Skulpturen, die bis Mitte Oktober stehen, allemal.

Erfolgreich getagt

Geschrieben von am 8. Juni 2007 19:09

Der Deutsche Museumsbund hat in Frankfurt getagt und wie ich finde, passend zum Titel „Was macht Museen erfolgreich?“, recht erfolgreich. Die Mischung der Vorträge war gelungen, auch wenn leider am ersten Tag viel zuwenig Zeit für die Diskussion übrig blieb. Gut gefallen hat mir der Vortrag von Ulrich Raulff, Direktor des Literaturarchivs in Marbach, der „Brühwürfelartig“ seine Gedanken zu Literaturmuseen vorbrachte. Fasziniert war ich vom Beitrag von Martin Düspohl, Leiter des Kreuzbergmuseums in Berlin, der versuchte, dem Publikum die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen näherzubringen, mit denen in Berlin die Bezirksmuseen verwaltet werden. Wie man angesichts der völlig absurden „Produktstatistik“, in der Nutzen des Museums in „Stück-Kosten“ abgerechnet wird, dennoch ein ansprechendes Programm zustande bringt, ist mir ein Rätsel. Auf alle Fälle steht das Museum beim nächsten Berlinbesuch ganz oben auf der Liste! Was ein Museum erfolgreich macht, konnte natürlich nicht befriedigend geklärt werden. Trotz betriebswirtschaftlicher Kennzahlen, die immer mehr eingesetzt werden, scheinen aber eher qualitative Merkmale das Maß der Dinge zu sein. Interessant war auch der Hinweis von Volker Mosbrugger, Direktor des Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum: „Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist ein Museum dann erfolgreich, wenn es überlebt.“ Dass das Senckenberg sehr gut überlebt, davon konnten sich die TagungsteilnehmerInnen nicht zuletzt am gigantischen „Frankfurter Buffet“ überzeugen, das das Museum am zweiten Abend auftischte.

Das Kreuzbergmuseum wird übrigens am 15. Juni in der Reihe Profil von Deutschlandradio Kultur vorgestellt.

Auf nach Dresden!

Geschrieben von am 7. Juni 2007 12:00

Die Fortsetzungsgeschichte vonDie Dresdner, die Brücke, das Weltkulturerbe, das Oberverwaltungsgericht und das Bundesverfassungsgericht“ hat ein glückliches? vorläufiges? Ende gefunden. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat nun entschieden, dass die Waldschlösschenbrücke gebaut werden muss. Bürgerwille geht vor Unesco; in Politikerkreisen wird dies entweder als Zeichen von Demokratie oder als Debakel gewertet. Die ersten Bauaufträge sind bereits vergeben. Trotzdem wird noch nach Alternativen gesucht: renommierte Architekturbüros sollen einen Kompromissvorschlag liefern, der dann auf einer Tagung der Unesco in Neuseeland vorgestellt werden soll. Trotzdem sollte man sich die Elbauen nochmals schleunigst ohne Baustelle ansehen.
Dazu in Spiegel online, in der WELT online und hier im Museumsblog.

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