Bonusmaterial zu Neuchâtel: Schokolade

Geschrieben von am 27. November 2009 13:45

Das Plakat stimmt eher nostalgisch, doch die Ausstellung ist es nur bedingt: Le monde selon Suchard im Musée d’Art et d’Histoire in Neuchâtel. Natürlich weiss man auch sofort, um was es geht – um die Schokolade von Suchard, hierzulande sofort mit der lilafarbenen Packung von Milka assoziert. Suchard wurde 1825 von Philippe Suchard in Neuchâtel gegründet und bestand – mit wechselnden Besitzern bis 1996, als der damalige Besitzer Kraft Foods die Herstellung einstellte. Lesen Sie den Rest des Beitrags »

Die Kunstmarktblase

Geschrieben von am 24. November 2009 17:43

Sehenswert: ein Film auf arte über zeitgenössische Kunst und warum sie soviel kostet(e): Die Millionenblase. Zerplatzte Träume am Kunstmarkt von dem britischen Filmemacher Ben Lewis.

Drei Jahre lang recherchierte Lewis, besuchte Auktionen, zum Beispiel von Sotheby’s, wo monochrome rosafarbene oder blaue Bilder für über 4 Millionen Dollar verkauft wurden oder Sammler, deren Wohnungen Museen ähnelten. Auch bei Künstlern ist Lewis zu Gast – etwa bei dem Deutschen Anselm Reyle, dessen so genannten Streifenbilder zu Spekulationsobjekten wurden. Interessant ist auch, dass viele der hoch gehandelten Kunstwerke, gar keine Unikate sind noch von den Künstlern selbst hergestellt werden – Damien Hirst, dessen Werke mit die teuersten waren, ist wie Reyle solch ein Beispiel dafür. Am Beispiel von Damien Hirst zeigt Lewis dann auch sehr eindrücklich, wie schnell solche Werke dann plötzlich sehr günstig werden können… Lesen Sie den Rest des Beitrags »

Auf zur museologischen Bildungsreise nach Neuchâtel

Geschrieben von am 16. November 2009 11:05

Wenn ich eine Ausstellung des Jahres wählen dürfte, dann wäre diese ganz vorne mit dabei: Parce queue. Wenn man das etwas verkürzt ausspricht, hört sich das an wie Warum? – es geht um la queue, um den Schwanz – mit all seinen Bedeutungen.

Warum gerade der Schwanz? Einiges erklärt sich dadurch, dass wir im naturwissenschaftlichen Museum, sind, genauer im Muséum d’histoire naturelle von Neuchâtel.
Ausgehend von dem Satz von Charles Darwin aus in der Evolotionstheorie „Schon wenn ich den Schwanz eines Pfaus sehe, wird mir schlecht“, wird hier die Geschichte des Schwanzes aufgerollt, in der Evolution, aber auch in der Kulturgeschichte – mit mit all den Doppeldeutigkeiten, die dem Wort zu eigen ist. Das ist so pfiffig, so spannend und kurzweilig gemacht, das man am Ende der Ausstellung – wo ein sprechendes Sperma den Abgang erleichtern soll – so richtig enttäuscht ist, dass sie schon zu Ende ist.

Doch von vorne: Wir sind in einem naturwissenschaftlichen Museum, deshalb fängt man hier von vorne an – bzw. nach einer Installation von schwanzartigen Gebilden sind wir beim Fisch angelangt, dessen Schwanzflosse in der Evolotion am Anfang steht. Kleine Fische schwimmen in Aquarien, Tafeln erläutern Grundlegendes. Schön ist hier die gestalterische Idee, darzustellen, wie die Menschen die Natur imitieren – in Form von Plastikfischen.

Danach geht es eher klassisch zu: das heisst, die Evolution der Schwänze wird mit Tierskeletten visualisiert, und erklärt, warum der Menschen keinen Schwanz bzw. nur den Rest davon aufweist. Man erfährt auch, wofür Schwänze im Tierreich eigentlich gut sind. Die vielfältigen Funktionen werden mit Gegenständen aus der menschlichen Sphäre erklärt – wie das Paddel für den Biber oder die Krücke für das Känguruh. Und man erfährt, das Schlangen – von denen man sich einige lebende Exemplare in Terrarien anschauen darf, nicht nur aus einem Schwanz bestehen und wofür Vögel den Schwanz brauchen.

Die nächste Ausstellungssektionen beschäftigen sich mehr mit den kulturellen Bedeutung des Schwanzes. Im comic-artigen Wohnzimmer mit aufgemaltem Fenster und Bildern kann man es sich mit Katze und Hund gemütlich machen, die Hauptdarsteller in verschiedenen Filmen sind. In verschiedenen kleineren Installationen geht es dann um die vielen Bedeutungsebenen von Schwanz – in der Kunst, im Märchen, in der Sprache oder in der Erotik. Es geht darum, weshalb der Mensch Tieren wie Hund oder Schwein den Schwanz abschneidet, zuweilen auch isst – sehr schön ist hier die Inszenierung des Ochsenschwanzes.
Es dreht sich auch darum, weshalb der Schwanz in Mythen so angstbesetzt ist. Dafür stehen der Drache oder der Schwanz des Teufels. Hinter vielen Gucklöchern sieht man die Erotik-Abteilung eines Züricher Antiquariats.
Und auch diese tierische Kuriosität wird einem in Erinnerung bleiben: Ratten, die sich mit dem Schwanz wärmen – und doch dabei gestorben sind.

Die Ausstellung ist interaktiv im besten Sinne – man muss sich schon mal bücken, um durch ein Guckloch den illuminierten Schwanz eines Zebras anschauen zu können oder man kann raten, was man da eigentlich vor sich hat. An anderer Stelle richtet die Besucherin selbst den Scheinwerfer auf die Vögel, klettert in Kuben und befindet sich dann in einer Comicwelt.

Eine wirklich hinreißende Ausstellung, ein sehr origineller Beitrag zum Darwin-Jahr!
Leider, leider gibt es keinen Katalog. Da hilft nur eines: selbst hingehen.
Wer im Museumsblog auch schon die Beiträge über die Ausstellungen Helvetia-Park und Retour d’Angola im Musée d’Ethnographie gelesen hat, weiss, dass diese Reise ein museologischer Höhepunkt sein wird. Bis Ende Februar 2010 bekommt man die drei Ausstellungen auf einen Streich. Die Ausstellung ist zweisprachig, auch die kleine, gerade im Umbau begriffene Dauerausstellung lohnt sich.

Die Ausstellung rezensiert in der NZZ.

Alles neu

Geschrieben von am 13. November 2009 16:02

Das Ashmolean Museum in Oxford hat mir beim Besuch so gefallen, weil es so anrührend verstaubt wirkte.

Inzwischen wurde das Museum umgebaut und ist seit dem 7. November wieder neu eröffnet, ergänzt um ein neues Gebäude von Architekt Rick Mather. Alles wurde komplett umstrukturiert, die Ausstellungsfläche um 100% vergrößert, wie es auf der Internetseite heisst: 39 Galerien in 5 Abteilungen, das klingt nach einem längeren Museumsbesuch. Auch wird die Sammlung nicht mehr klasssisch nach Sparten gezeigt, sondern nach dem Prinzip Crossing Cultures Crossing Time. Wir zitieren von der Internetseite:

„Crossing Cultures Crossing Time (CCCT) is an approach based on the idea that civilisations that have shaped our modern societies developed as part of an interrelated world culture, rather than in isolation. It assumes, too, that every object has a story to tell, but these stories can best be uncovered by making appropriate comparisons and connections, tracing the journey of ideas and influences through the centuries and across continents.“

Alles ist um die wichtige Frage zentriert:
„What, in short, should a modern museum be like?“

Da kann man also gespannt sein, wie Zeiten und Kulturen miteinander verknüpft werden, wie Objekte neu zu Geltung kommen – vor allem auch vor dem Hintergrund, dass das Ashmoelan als eines der ältesten Museen der Welt immer auch einen Vorbildcharakter hatte.
Vorbildlich finde ich schon einmal, dass auf der Internetseite auch offengelegt wird, was das alles gekostet hat: 61 Millionen Pfund, getragen vom Heritage Lottery Fund.
Ich frage mich natürlich auch ganz persönlich, ob das schöne Sitzmöbel vom letzten Besuch noch zu finden ist.

Figurinen XIV

Geschrieben von am 9. November 2009 15:05

Was für ein Idyll: Mutti rastet im Schnee, während sich der Nachwuchs sonnt. Und was macht eigentlich Vati? Das Familien-Diorama ist zu sehen im Skimuseum des Freilichtmuseums Sverresborg, Trøndelag Volksmuseum in Trondheim in Norwegen.

Die Sammlung in Szene setzen

Geschrieben von am 5. November 2009 09:47

Besucht man das Musée d’Ethnographie in Neuchâtel, dann weiss man, dass man sozusagen eine sichere Bank betritt (als diese noch sicher waren): Gute Ausstellungen sind hier garantiert.
Das betrifft nicht nur die hier schon vorgestellte Ausstellung Helvetia-Park, sondern auch die Präsentation der ständigen Sammlungen. Retour d’Angola, die seit Dezember 2007 laufende Ausstellung, ist allein deswegen sehenswert, da sie sich mit einer zentralen Frage in ethnographischen Museen auseinandersetzt: wie gehen wir mit unserer Sammlung um?

Die Ausstellung würdigt Théodore Delachaux (1879-1949), Schweizer Künstler und Sammler, zwischen 1921 und 1945 Konservator und Forscher am MEN. Delachaux organisierte und begleitete zwischen 1932 und 1933 die Forschungsreise nach Angola, um Objekte für das Museum zu sammeln.
Die Ausstellung möchte aber noch mehr: sie nimmt die ethnographischen Methoden der Zeit unter die Lupe, das Forschen, das Sammeln, verfolgt den Weg, wie Gegenstände zu Museumsobjekte werden und was mit Objekten im Museum passiert – in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Die Ausstellung thematisiert das in vier Stationen: Vorbedingungen, Aufbruch, das Terrain und das Zurückkommen und der Umgang mit den Objekten.

Im ersten Raum „Das Entstehen des Blickes“, von dem auch das Bild (vom MEN) stammt, geht es um Delachaux und seine vielfältigen Talente als Maler und Zeichner – etwa von Plankton schon – mit 10 Jahren schon publizierte Delachaux ein erstes Buch mit seinen naturwissenschaftlichen Zeichnungen. Die Karriere als Maler und Kunstlehrer, gleichzeitig als Konservator am Museum wird thematisiert. Fast in Gänze gezeigt wird seine Spielzeug-Sammlung, die er schon als Kind anlegte. Die Präsentation ist sehr interessant: auf den ersten Blick wirkt der Raum wie eine anheimelnde Wunderkammer, eine Gelehrten-Stube. Doch die Vitrineninstallation hat so gar nichts Anheimelndes, sondern etwas Seziererisches und verweist auch schon auf die Perspektive des Forschers. Delachaux hatte auch klare museologisch Vorstellungen: zwei Vitrinen wurden nach seinen Vorgaben rekonstruiert.
Im Raum „Im Abschiedsfieber“ wird mächtig inszeniert: Listen von Delachaux mit Gegenständen, die mitgenommen werden müssen, Briefwechsel und Notizen sind übergroß auf Fahnen appliziert. Damit soll das Programm der Expedition nach Angola nachvollzogen werden. Im Mittelpunkt stand hier vor allem: Lücken füllen.
Im nächsten Raum ist man schon vor Ort – Im Terrain. Das Terrain wird vor allem mit Fotografien inszeniert. Delachaux setzte schon sehr früh auf die Fotografie. In Angola fertigte er und sein Kollegen Thiébaud über 2500 Fotos an, die nun auf zwei Ebenen gezeigt werden – auf einer eher künstlerischen und auf der dokumentarischen.
Im letzten Raum „Das große Auspacken“ sind wir wieder zurück im Museum und schauen uns sozusagen an, was wir alles mitgebracht haben. Das beginnt mit dem Schock: wie und wo bringt man überhaupt die über 3500 gesammelten Objekte unter? Vor allem geht es darum, wie die mitgebrachten Objekte eingeordnet, beschrieben, restauriert und klassifiziert werden – damals wie heute. Eine Installation im Raum widmet sich den Meisterwerken – denen, die bereits vom Kunstmarkt akkzeptiert sind und hohe Preise erzielen (könnten) und denen, die möglicherweise noch Wertsteigerungen erfahren werden.

Die Ausstellung endet mit Fragen – die symptomatisch für viele Sammlungen stehen können – wie: Sind jetzt die Lücken im Museum wirklich gefüllt? Haben die Objekten noch eine Verbindung zu den Ursprungs-Populationen? Sollen wir sie wieder zurückgeben? Wie wird sich der Marktwert entwickeln und was hat das mit dem Museum zu tun?
Im Zentrum steht eine Antwort, die Delachaux häufig in Angola hörte: Das kann ich nicht verkaufen, das gehört mir nicht – quasi die Quintessenz für museale Sammlungen. Die letzte Frage lautet deshalb konsequenterweise: Rückkehr nach Angola?

Es ist eine sehr sympathische Ausstellung, weil sie sich ganz unaufgeregt mit zentralen Fragen im Museum beschäftigt und zugleich sehr beispielhaft argumentiert. Die Ausstellung ist abwechslungsreich inszeniert, ohne überinszeniert zu wirken.

Die Ausstellung begleitet eine Broschüre der Reihe Texpo, ein Begleitbuch wird demnächst erscheinen.

Eis und gelbe Seiten

Geschrieben von am 3. November 2009 10:42

Aufeinandergeschichtete Eiswürfelbehälter empfangen uns am Eingang des Raumes. Gleich darauf erkennen wir das Skelett eines Elches, einen Turm aus gelben Seiten und heimelig flimmern Flammen in aufgetürmten Monitoren – kein Zweifel – wir befinden uns in einer anderen Zeit. In welcher, ist jetzt nicht so wichtig; es geht um früher, als die Menschen noch um Feuer saßen, ihre eigenen Werkzeuge machten und ein komplett anderes Leben lebten. Wir befinden uns im Archäologischem Museum in Hamburg/Helms-Museum in Harburg, in dem seit Mai 2009 die neue Dauerausstellung des Archäologischen Museums gezeigt wird.

Im Erdgeschoss geht es um Archäologisches, im ersten Stock dann mehr um Hamburgensien. Durchbrüche in der Decke schaffen Verbindungen zwischen den Ebenen.
Gegenstände aus unserem Alltag der Gegenwart dienen der Ausstellung als Leitmotiv, als eine Art Türöffner, um sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Das reicht vom Feuer bis zur Glühbirne, vom Hünengrab über Leichenwagen zum Friedhof. Konnte man die Eiswürfelbehälter noch als gelungene Installation schätzen, muten die anderen Inszenierungen zuweilen wie ein dreidimensionales Videospiel an – man drückt und klickt sich durch die Ausstellung, klettert über Pappmaschée(?)-Felsen, stösst ab und zu auch auf Exponate unter Glas, die aus der früheren Zeit stammen, die man hier so anschaulich darstellen möchte (beim Besuch im Sommer 2009 fehlten allerdings noch immer die Objektbeschriftungen).

Unten beschäftigt man sich also mit Dingen wie sich fortbewegen, essen, wohnen und sterben, während man oben eher mit der Gegenwart bzw. jüngeren Vergangenheit mit Schwerpunkt auf Hamburg konfrontiert wird. Als Clou wohl gedacht ist ein überdimensionierter, dreidimensionaler U-Bahnfahrplan von Hamburg, den man sich erlaufen kann. An manchen Stationen ist ein Objekt aufgestellt, das damit in Verbindung steht. Dazu kann man sich eine Erläuterung anhören. Hören sich mehrere Besucherinnen verschiedene Stationen gleichzeitig an, erfüllt den Raum eine unglaubliche Kakophonie.

Im Hamburger Abendblatt heisst es über die Eröffnung: „Alles ist im neuen Museum stark auf die Zielgruppe der Kinder zugeschnitten. Sie sollen die Erlebnislandschaft begehen, die Objekte anfassen, einschalten und entdecken können.“ Dafür hat sich das Museum Experten geholt – die Spiele-Firma Ravensburger. Das Museum als Spiel für große und kleine Kinder, wie es immer so schön heisst?

Nachdem ich in der letzten Zeit schon einige (kulturhistorische) Ausstellungen gesehen habe, die so stark pädagogisch heruntergebrochen waren, dass man sie auch noch verstand, wenn man flüchtig Texte las und an Objekten und Inszenierungen vorbeischlenderte, frage ich mich so langsam, was man als erwachsene Besucherin im Museum eigentlich noch soll.

Das richtet sich auf keinen Fall gegen Interaktives in Museen oder Ausstellungen – das kann auch auf einer sehr gelungene Weise umgesetzt werden, wie etwa die Ausstellung Helvetia-Park im Musée d’Ethnographie in Neuchâtel zeigt. Ich gehe aber auch ins Museum oder in Ausstellungen, um etwas zu erfahren, Dinge zu sehen, die ich mir nicht vorstellen konnte, oder um Dinge anders zu sehen – schlichtweg, um mich mit Fragen zu beschäftigen, die ich mir vorher nicht so gestellt habe – ich suche eine intellektuelle Herausforderung.

In dieser Ausstellung werde ich unterfordert – wie jede erwachsene Besucherin und wahrscheinlich auch größere Kinder. Denn was nehme ich von diesem Besuch mit: Ein Becher sah vor zig-Jahren irgendwie auch schon wie ein Becher aus und das Leben war nicht einfach. Man hat im Prinzip dasselbe gemacht wie heute, nur mit anderen Mitteln. Buddelt man in Hamburg im Boden, findet man etwas Interessantes. Brauche ich für solche Aussagen gleich ein ganzes Museum bzw. eine Ausstellung?
Eine archäologische Erlebniswelt für die ganze Familie, so heisst es im Untertitel auf der Internetseite der Familie. Aber eine Familie besteht nicht nur aus (kleinen) Kindern.

Zur Eröffnung im Hamburger Abendblatt und in der taz.
Im Blog von Frank Lamers erfährt man aus den Kommentaren, dass es einen Urheberrechtstreit um die Konzeption der Ausstellung gab.

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