Frankreichs Museumswelt ist weiter echauffiert

Geschrieben von am 11. Januar 2007 11:38

Le Monde veröffentlichte am 10.1.2007 Passagen aus dem Vertrag, der Ende Januar zwischen Frankreich und Abou Dhabi weiter präzisiert werden soll. Insgesamt geht es um eine Summe von um die 700 Millionen Euro, die den französischen Museen direkt zukommen soll und die nicht mit dem jährlichen Budget aufgerechnet werden soll. Das klingt ja erst einmal nicht schlecht, doch was müssen die Museen dafür leisten?
Zunächst: es geht nicht nur um den Louvre, sondern um alle französische Museen, die in das Geschäft miteinbezogen werden sollen; wie das Musée d’Orsay, Das Schloss von Versailles, oder das Centre Pompidou. Der Louvre soll dem Museum in Abu Dhabi für 20 Jahre den Namen geben; für die Nutzung der Marke „Louvre“ werden 200-400 Millionen Euro veranschlagt. Geplant ist, analog zum Louvre, in Abu Dhabi ein Universalmuseum zu entwerfen, das alle Domänen, von Archäologie über Kunsthandwerk und Kunst, alle Epochen und Länder umfassen soll. Frankreich verpflichtet sich auf zweierlei Art und Weise.
Zum einen leihen die französischen Museen Abu Dhabi Werke aus französischen Museen, bis das Museum selbst eine eigene Sammlung erworben hat. 10 Jahre sind dafür vorgesehen. 300 Arbeiten sollen in den ersten beiden Jahren ausgeliehen werden, dann soll die Anzahl der Leihgaben alle zwei Jahre reduziert werden. Die Leihgaben, für die Frankreich 200 Millionen Euro erhält, sollen drei Monate bis zwei Jahre in Abu Dhabi bleiben.
Zum anderen soll Frankreich für 70 Millionen Euro eine Kommission schaffen, die die Einrichtung des Museums in Abu Dhabi wissenschaftlich betreut, die die Verwaltung aufbaut, das Personal rekrutiert und beim Kauf der Sammlung berät. Diese Kommission konzipiert auch die vier jährlichen Ausstellungen, die Frankreich für 10 Jahre zusagt. Neben den Leihgaben gilt es also, 40 Ausstellungen aus französischen Beständen zu bestücken. Hierfür erhält Frankreich 150 Millionen Euro. Die Museen müssen den Leihgaben nicht zustimmen, heißt es. Und Abu Dhabi kann die französischen Vorschläge nicht aus „vernunftwidrigen Motiven“ ablehnen. Ob dazu auch die doch etwas anderen Vorstellungen zählen, die das muslimische Land von Religion, Frauen oder ganz konkret etwa, von Darstellungen von nackten Körpern hat?
Alles in allem klingt es danach, als ob Frankreich, sendungsbewußt wie das Land ist, seine Vorstellungen von Bildung und Kultur eben mal vom Okkzident in den Orient verschieben kann und dafür auch noch Geld bekommt. Auf der anderen Seite sehe ich doch einige Probleme auf die Museumsdirektoren zukommen. Müssen die französischen Museen künftig ihre Ausstellungsplanungen mit der Kommission für Abu Dhabi abstimmen? Was passiert, wenn Ausstellungen kollidieren und die französischen Museen den Kürzeren ziehen, weil es im Leihverkehr, so wie es ICOM eigentlich vorschlägt, nicht um Geld sondern um Austausch gehen sollte? Fragen über Fragen, sie werden weiterverfolgt.

Die Petition „Die Museen sind nicht zu verkaufen“ haben mittlerweile über 2000 Personen unterzeichnet.
Hier gibt es noch was zu hören: Serge Lemoine, der Direktor des Musée d’Orsay in Paris, war am 9.1.2007 zum Interview bei Radiosender France Inter eingeladen. Er klang nicht besonders besorgt, dass ein Monet oder Degas künftig in Abu Dhabi zu sehen sein wird und nicht in Paris – aber vielleicht war er auch noch nicht so richtig informiert. Das Interview kann man als Podcast hier herunterladen (l’invité de l’interview)

Der Bau hat begonnen

Geschrieben von am 9. Januar 2007 15:40

Die Neujahrskarte des MuCEM – des Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée, (ohne link, da der im Augenblick nicht funktioniert) – in Marseille verrät es: Der Bau hat begonnen. Nach unzähligen Verzögerungen hat sich das Team von Michel Colardelle durchgesetzt. Glückwunsch! Da wird sich ja auch den Architekten Rudy Ricciotti freuen, von dem hier auf dem Museumsblog schon mal die Rede war.
Für Ende März 2007 ist eine Ausstellung angekündigt, die das Konzept des MuCEM andeuten soll: Trésors du quotidien – dazu liegt seit 2005 ein reichbebilderter, gleichnamiger Band von Denis-Michel Boëll vor. Von dieser Ausstellung kann man sich hier schon einmal die Arbeitsversion der geplanten Internetseite ansehen. Ganz besonders freut es mich ja, dass die Ausstellung im espace Georges Henri Rivière stattfinden wird – dem Gründer der Vorgängerinstitution Musée national des arts et traditions populaires in Paris, dem ich u.a. viele interessante Museumseinsichten verdanke.


Museen in Frankreich expandieren

Geschrieben von am 8. Januar 2007 12:30

In Frankreichs Medien ist am Wochenende eine Polemik wieder entfacht, die seit einiger Zeit die Museumswelt beschäftigt. Manche nennen es Ausverkauf, manche reden von kulturellem Auftrag: Es geht um die Expansion des Louvre. Nach einer Außenstelle in Frankreich, in Lens, präsentiert sich der Louvre seit Oktober 2006 in der Coca-Cola-Stadt Atlanta und bekommt für Bilder, die sonst nur in Paris zu sehen waren, Millionenbeträge – auf der Internetseite von LouvreAtlanta werden die „masterpieces“ in einer Animation wie für einen Hollywood-Blockbuster angekündigt. Nun ist von einer weiteren Depandance die Rede: von einem „Louvre-Klon“ in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Dieses Land, das sich den Luxus leisten kann, mitten in der Wüste riesige Hallen zum Skifahren aufzustellen, möchte nun auch europäische Kultur zur kulturellen Attraktion (neben einer Guggenheim-Dependance, versteht sich) auf der „Insel des Glücks“ machen; also in der riesigen Anlage, wo die Reichsten der Welt künftig unter sich sein können. Mitarbeiter des Louvre und des französischen Kulturministeriums waren schon vor Ort, um Konditionen auszuhandeln. Es gibt Gerüchte, dass für den Louvre dabei ein Betrag von 500 Millionen Euro herausspringen könnte und dass Stararchitekt Jean Nouvel das Gebäude entwerfen soll. Freilich müßte sich der Louvre für einige Zeit (es ist von Jahren die Rede) von manchen seiner Meisterwerke trennen. Nicht nur das, sondern der Umstand, dass die Bilder nicht als Patrimoine, sondern als Ware behandelt werden, hat Kritiker auf den Plan gerufen. Allen voran Françoise Cachin, ehemalige Direktorin der Musées de France, die in „Le Monde“ vom 8. Dezember 2006 gemeinsam mit den renommierten Kunsthistorikern Jean Clair und Roland Recht, das „entertainment business“ auf dem Kunstmarkt anprangerte. „Die Museen sind nicht zu verkaufen“, so Titel und Tenor des Artikels, sie „verkauften dann auch ihre Seele“. Auf Regierungsseite ist man nun bemüht, das ganze Unternehmen als Bildungsauftrag darzustellen und dass der Fakt, dass französische Kultur so gefragt ist, zum Prestige von Frankreich beitrüge. Auf keinen Fall, so sagte die Direktorin der Musées de France, Francine Mariani-Ducray, wolle man französische Kulturgüter verkaufen. Der ehemalige Kulturminister Jacques Lang, der von der Zeitung „Liberation“ dazu befragt wurde, meinte dazu: „Spielen wir doch keine eingeschüchterten Jungfrauen“. Es hätte sich auch in der französischen Museumsszene doch längst durchgesetzt, mit teuren Leihgaben Ausstellungen und Museumsgebäude zu finanzieren. Die Gegner? Das sind für Lang nur wenige Personen, die sich Sammlungen kulturell und moralisch aneignen wollen und diese nur einer begrenzten Bevölkerung zugänglich machen möchten.
Dazu sei angemerkt, dass in den Vereinigten Arabischen Emirate weniger Menschen wohnen als jährlich in Paris in den Louvre gehen. Der Direktor des Louvre, Henr Loyrette, stand der Angelegenheit erst ablehnend gegenüber, hat dann aber eingelenkt, möglicherweise aus offensichtlichen politischen Gründen. Denn die ganze Angelegenheit wird erst vor dem Hintergrund so richtig schlüssig, wenn man weiss, dass die Vereinigten Arabischen Emirate in Frankreich 40 Airbus-380 bestellt haben und Frankreich mit der Lieferung in Verzug ist.

Bereits über 1400 Personen, zumeist Museumsfachleute, haben auf der Website von La Tribune de l’Art gegen den Ausverkauf des Louvre und anderen Museen protestiert.
Le Monde geht auf die Diskussionen ein und macht ein Interview mit dem Louvre-Direktor, am 8.1.2007.
Die Liberation widmete der Angelegenheit mehrere Artikel am 6.1.2007.
Le Figaro berichtete am 6.1.2007 über die Louvre-Affäre.
20-Minutes veröffentlichte am 7.1.2007 eine Zusammenfassung von AFP
Marc Zitzmann schreibt heute in der NZZ darüber.

Rudy Ricciotti

Geschrieben von am 3. Januar 2007 14:37

Ein Name, der nach einer leckeren Keksmarke klingt, der aber zu einem Architekten gehört, den es sich zu merken gilt. Von Rudy Ricciotti, 1952 in Alger geboren, der von Bandol (Südfrankreich) aus agiert, hat man 2006 schon viel gehört und von ihm wird in den nächsten Jahren viel zu sehen sein. 2006 war sein Jahr: Letzten Sommer wurde in Aix das Centre chorégraphique national de la région Provence-Côte d’Azur eröffnet; zusammen mit der italienischen Architektengruppe „5+1“ erhielt er den Zuschlag für den Kinoplast am Lido in Venedig. Und Ricciotti wurde mit dem nationalen französischen Architekturpreis ausgezeichnet. Bekannt wurde Ricciotti 1990 mit einem Stadium in Vitrolles – der Stadt in Südfrankreich, in der als erstes ein Bürgermeister der rechten Front national an die Macht kam. Ricciotti wird in den nächsten Jahren auch im Museumsbereich Zeichen setzen: Im Louvre in Paris gestaltet er mit Mario Bellini die Abteilung für islamische Kunst neu; in Rivesaltes, einem ehemaligen Internierungslager (für spanische Bürgerkriegsflüchtlinge, jüdische Flüchtlinge des Holocausts und algerische Harki-Familien) entsteht 2008 eine Gedenkstätte. Ganz besonders gespannt bin ich auf das Musée national des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée (Mucem) in Marseille. Ricciotti erhielt 2004 den Zuschlag, das Fort de St. Jean am Alten Hafen von Marseille, wo das ehemalige Pariser Volkskundemuseum seit 2005 Quartier bezogen hat, mit einem Neubau zu ergänzen. Sein Vorschlag ist ein filigran wirkender Beton- und Glaskasten, der den Charakter der Hafenumgebung aufnimmt und dessen Fassade, die an Fischgräten erinnert, vielversprechende Einblicke ins Innere gewährt. Eigentlich sollte das Museum 2008 fertig sein, aber durch vielfältige Verzögerungen (u.a. deswegen, weil das französische Kulturministerium sein Geld lieber in Paris für das Musée du qui Branly verpulverte) wird die Eröffnung für 2010 erwartet.

mehr zu Rudy Ricciotti:
Le Monde nennt ihn am 1.12007 in ihrer Internetausgabe als einen der Gewinner des Jahres 2006.
Ein Interview mit Rudy Ricciotti auf französisch über das Projekt in Marseille: „Le projet parle à la fois au ciel, à la mer, au sel et au vent.“
Ein Interview auf deutsch mit Rudy Ricciotti über den Nikolaisaal in Potsdam.

Noch ein neues Museum in Paris

Geschrieben von am 5. November 2006 14:35

Am schulfreien Mittwoch sieht man am Rande des Bois de Boulogne die Au-pair-Mädchen mit den ihnen anvertrauten Kindern hinschlendern. Vor dem Eingangsportal warten bereits Busse, die Kinder aus den Vororten für einen Nachmittag im Freizeitpark Jardin d’Acclimatation herangekarrt haben: Hier im Jardin d’Acclimatation, vor den Toren von Paris, möchte die Fondation Louis Vuitton ein neues Forum für zeitgenössische Kunst schaffen. Für das Gebäude wurde der amerikanische Architekt Frank Gehry gewonnen, der mit einer Art Wolke den ersten Entwurf vorgelegt hat.

Ursprünglich war der Jardin d’Acclimatation ein Zoo: 1860 unter Napoleon III. eingeweiht, präsentierte hier eine zoologische Gesellschaft exotische Tiere wie Giraffe, Bären und Kamele. Bei Ausbruch des deutsch-französischen Krieges 1870 wurde der Zoo geschlossen. Viele Tiere wurden evakuiert, die anderen während der deutschen Belagerung im Winter 1870/71 von der hungrigen Pariser Bevölkerung aufgegessen. Um nach dem Krieg wieder die Massen anzulocken und um die verlorenen Tiere zu ersetzen, setzte Zoodirektor Albert Geoffroy Saint-Hilaire nun auf sogenannte ethnographische Ausstellungen. Konkret hieß das Menschen ausstellen; das Prinzip war schon während der Weltausstellungen salonfähig gemacht worden. Nun bewunderten Bürger neben exotischen Tieren Menschengruppen die „Wilden“ wie „Nubier“, „Lappen“, oder „Rothäute“. Es entstand ein regelrechter Menschenhandel, da findige europäische Organisatoren den Austausch zwischen den europäischen Metropolen mit ähnlichen Etablissements koordinierten.
Als das Interesse etwas erlosch, verwandelte sich der Jardin um die Jahrhundertwende in ein Gelände für die Familie, das nicht nur Amusement, sondern auch Belehrung bieten wollte, mit Vorträgen über Hygiene oder Medizin, Reiseberichte oder open-air-Kino, aber auch Karussels für Kinder. 1952 erfolgte eine weitere Umorienierung in einen Freizeitpark, mit kleinen Attraktionen wie einer kleinen Bimmelbahn. Auf Tiere wurde nun fast gänzlich verzichtet, stattdessen werden die Guignols etabliert, ein festes Kasperletheater.
1954 überließ die Stadt Paris dem Staat das Palmarium aus dem Jahre 1910, um hier das nationale volkskundliche Museum zu erbauen. Georges Henri Rivière, dessen Gründer, ließ ein damals ultramodernes Gebäude errichten, das in den 1960er Jahren eröffnet wurde und das weit über die Baumkronen des Bois de Boulogne ragt. Geplant war auch, analog zum Nordiska Museet in Stockholm, im Jardin d’Acclimatation ein Freilichtmuseum zu errichten. Das hat aber nie geklappt. Heute steht das Gebäude leer, da das gesamte Museum nach Marseille umzieht und zum Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée (MUCEM) wird. Aber das ist eine andere Geschichte.

In Paris wurde die Ankündigung von Bernard Arnault, dem Präsident der Firmengruppe von Louis Vuitton, mit Verwunderung aufgenommen, wie die Liberation schreibt. Denn angeblich soll das neue Museum die Sammlung von M. Arnault aufnehmen – aber keiner weiß Bescheid, um welche Werke es sich dabei überhaupt handelt. Er hat es aber auf jeden Fall geschafft, sich in Paris zu etablieren, anders als sein Konkurrent François Pinault, der auf der Seine Insel bei Paris in Boulogne-Bilancourt seine zeitgenössische Sammlung ausstellen wollte, aber sich nicht mit der Stadtverwaltung einigen konnte und deswegen entnervt mitsamt seiner Sammlung nach Venedig ging. (Aber dafür auf Platz 1 steht, siehe Beitrag vom 3.11.2006)

Nebenbei bemerkt, hat Lyon schon eher als die Hauptstadt auf die Wolke gesetzt: Dort entsteht das Musée des Confluences, das auf der naturwissenschaftlichen Sammlung der Stadt beruht und sich künftig mehr aktuellen kulturellen und sozialen Fragen der Gesellschaft widmen will. Das Gebäude, das aussieht wie eine asymmetrische Wolke auf Beinen, wurde von der österreichischen Architektengruppe Coop Himmelb(l)au erdacht und wird gerade erbaut. Dazu steht ein Artikel in der NZZ online.
Und hier kann man – auf französisch – über die Geschichte der Menschenausstellungen im Jardin d’Acclimatation lesen und weiterführende Literatur finden.

Immigrations-Museum in Frankreich auf den Weg gebracht

Geschrieben von am 25. Oktober 2006 10:57

Seit einiger Zeit entsteht in Paris die Cité nationale de l’Histoire de l’Immigration – pikanterweise im Palais de la Porte Dorée, einem Gebäude, das einst zur Kolonialausstellung 1931 gebaut wurde. Es war erst Kolonialmuseum, dann Kunst- und Zivilisationsmuseum für Afrika, Asien, Ozeanien, Nord- und Südamerika; die Sammlung wurde dann vom Musée du Quai Branly übernommen. Nun wird der Palais behutsam umgebaut. Anfang Oktober wurde die Baustelle mit einer Rede des Kulturministers eingeweiht; ebenso wurde die Internetseite neu gestaltet. In 172 Tagen, so zeigt heute der Countdown auf der Internetseite an (April 2007), soll die Dauerausstellung eröffnet werden.
Die Cité ist bereits sehr aktiv und macht mit diversen Veranstaltungen – Tagungen, Theater, Ausstellungen an anderen Orten – auf sich aufmekrsam. Um nicht nur die Geschichte aufzuarbeiten, sondern auch die Gegenwart mitzugestalten, hat sie ein Netzwerk gegründet, um Organisationen, Projekten etc., die sich mit Immigration und Integration beschäftigen, ein Forum zu geben.
In Deutschland hat das Projekt übrigens im gemeinnützigen Verein DOMIT (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland) zwar ein Pendant, nicht aber die politische und finanzielle Unterstützung wie in Frankreich. Langfristig ist ein Migrationsmuseum geplant, ein Zentrum der Geschichte, Kunst und Kultur der Migration.
Vielleicht können ja einige Kulturpolitiker mal einen Betriebsausflug nach Paris machen, um sich vor Ort von der Notwendigkeit des Anliegens auch für Deutschland zu informieren.

Musée du quai Branly, die dritte

Geschrieben von am 4. September 2006 09:54

Marc Zitzmann besuchte für die NZZ Online mehrmals das Musée du quai Branly in Paris und stellt in Hinblick auf die Architektur fest, „dass der erwartete grosse architektonische Wurf wohl leider nicht gelungen ist“. Auch was die Sammlung anbelangt, so zeigt er sich enttäuscht, da die Vorgeschichte und Vorgängerinstitutionen mit keinem Wort genannt werden: „So erscheint das Musée du quai Branly als eine Institution ohne Geschichte, eine Schöpfung ex nihilo.“ Er vermisst, dass den Nachfahren der „peuples d’origines“ nicht berücksichtigt wurden und dass man die Objekte allein aufgrund ihrer Schönheit und wegen ihres Alters ausstellt. Für sehr gelungen hält Zitzmann die Präsentation. Schade findet er es, dass viele Informationen erst im Nachhinein angebracht wurden und so den Eindruck stören: „Das 235 Millionen Euro teure Museum gleicht einem Haute-Couture-Kleid, das durch Sicherheitsnadeln zusammengehalten wird.“

Die Zitadelle von Bitche

Geschrieben von am 7. August 2006 12:12

Mächtig drohend steht die Zitadelle über Bitche, einem kleinen Städtchen an der deutsch-französischen Grenze in der Nähe von Zweibrücken im Département Moselle. Heute ist die Festung ein Museum: die Besucher erwartet ein Rundgang zu Architektur und Geschichte in 12 Stationen (Schilder), ein kleines Museum zur Kriegssituation 1870 und ein unterirdischer Filmparcours. Das Wichtigste bei der Besichtigung ist der Kopfhörer, der mit Infrarot funktioniert und für die zahlreichen deutschen Besucher natürlich auch auf deutsch läuft. Im Film, der den Besucher in kleinen Häppchen dosiert ins Innere der Anlage führt, geht es um die 230-tägige Belagerung der Bayrischen Truppen während des Krieges 1870/71 zwischen Frankreich und den deutschen Landen. Der Filmparcours wurde im Mai 2006 neu gestaltet und ist sehr aufwändig zum Teil in den Räumlichkeiten, in denen der Zuschauer steht, produziert. Als Erzähler und Chronist fungiert ein junger Mann, der als französischer Soldat vom Alltagsleben in der Festung und vor allem vom Kriegsgeschehen berichtet. Die Szenen in der Festung wurden selbst in Farbe gedreht, dazu kommen Einblendungen in schwarzweiss aus deutschen und französischen „Wochenschauen“, mit Flimmern und Knistern. Das ist so gut inszeniert, dass einige Besucher es gar nicht merken werden, dass es sich um nachgestellte Szenen (wie Bismarck am Schreibtisch, Königin Eugénie beim Spazierengehen) und nicht um Originalaufnahmen handelt.
Leider kam es den Machern des wirklich ausgezeichneten Filmes machmal mehr auf die Effekte an als auf historische Genauigkeit. So war alles etwas reißerisch: im Film wurde vergewaltigt, drastisch ein Bein amputiert, ein Baby geboren (auf wundersame Weise ohne Nabelschnur), vom blutigen Kriegsgetümmel ganz zu schweigen. Ich hatte manchmal gar keine Lust, hinzuschauen; es wäre interessant zu erfahren, was Eltern mit kleinen Kindern darüber denken (vielleicht ist das ein Tipp für Herrn Borchert vom Kulturelle Welten-Blog , einmal mit seinem persönlichen Museumsberater hinzugehen). Es wurde vieles nur angedeutet und nicht zu Ende geführt: Zum Beispiel wurde erzäht, dass das Wasser knapp wurde und man dringend für Nachschub sorgen mußte. Woher das Wasser dann kam, hat man nicht erfahren. Oder dass alle Tiere geschlachtet werden sollten – nachher zog der Kommandant mit seiner Truppe, der nach über 230 Tagen und den im Film geschilderten Leiden seltsamerweise wie geschniegelt wirkte, mit Pferden ab. Und man hat den genius loci zu wenig genutzt. Nur ab und an gab es ein paar kurze Erklärungen zu den Räumlichkeiten, in denen man sich gerade befand – und die waren schon sehr beeindruckend. Wieder nach oben geklettert, ging es im Museum, einen Raum von ca. 100 qm, mit dem Krieg weiter. Hier wurde ein Gedicht von Rimbaud vom „schlafenden Soldaten“, der anscheinend friedlich schlafend im Gras liegt, aber zwei Löcher im Kopf hat, inszeniert. Auf der einen Seite liegt der französische Soldat in einem Glassarg mitsamt Ausrüstung, auf der anderen Seite sein bayrisches Pendant – erstmals sind also museale Objekte zu sehen. Dazwischen sind ein paar Gewehre und ein paar aufgeblasene Fotos mit Kriegsszenen präsentiert, die wohl für die Front stehen. Auch hier werden Kriegsszenarien audiovisuell übermittelt. Zum Lesen der Texte, etwa der zur Geschichte der Zitadelle in einer Nische, muss man den Kopfhörer abnehmen – und verpasst hinterher wieder den Einstieg. Diese Dauerberieselung – auch beim Herumlaufen in der Festung – fand ich extrem störend. Ich hätte es besser gefunden, wenn ich selbst das Audio-Angebot etwa durch die Eingabe von Zahlen hätte bestimmen können. Als meine beiden Begleiterinnen und ich später rekapitulierten, was wir nun eigentlich erfahren hatten, war das erschreckend wenig. Der Tag fand dennoch einen unerwartet schönen und friedlichen Höhepunkt durch die Besichtigung des Jardin de la Paix, der im stolzen Eintrittspreis von 9 Euro enthalten war. In der 2002 eingeweihten Gartenanlage zwischen Festung und Stadt durften sich städtische Gartenkünstler austoben. Das Ergebis sind kleine, künstlerische Installationen zu Themen, die Pflanzen in einer mir bislang unbekannten Art und Weise präsentierten. Besser als die Bundesgartenschau in München, so lautete sogar das Urteil einer meiner Begleiterinnen.

Musée du quai Branly, die zweite

Geschrieben von am 2. August 2006 16:37

Auch wenn ich leider immer noch nicht in Paris war, kommen dennoch noch einige Anmerkungen zum Musée du quai Branly. Bei „Libération“ bzw. in ihrer Online-Version Liberation.fr habe ich am 20. Juli drei sehr interessante Stellungnahmen gefunden, die ich hier vorstellen möchte.

Die ehemalige Kultur- und Tourismusministerin Aninata Traore von Mali beschreibt das Museum als einen Ort, in dem die Objekte zelebriert werden, die den Völkern gehören, die heute durch Migrations-Gesetz von Sarkozy (der französische Innenminister) zurückgewiesen werden. Madame Traore schildert weiter, wie sie vor einiger Zeit von der damaligen Kulturministerin Frankreichs, Catherine Trautman, gebeten wurde, den Verkauf einer Figur der Tial, die einen belgischen Sammler gehörte, zu autorisieren; die Figur war, wie so viele andere, nach Europa „gebracht“ worden. Da Traore sich nicht daran beteiligen wollte, ein Stück reinzuwaschen, das höchstwahrscheinlich illegal aus Mali geschmuggelt worden war, schlug sie vor, Frankreich solle die Figur kaufen und dann an Mali zurückgeben. Mali wiederum würde dann die Figur an das Museum ausleihen. Traore flog ganz schnell aus dem Entscheidungsgremium heraus, mit der Begründung, „dass das Geld des französischen Steuerzahlers nicht für den Erwerb eines Stückes verwendet werden könnte, das dann nach Mali zurückgegeben würde“. Mit ihrer Ansicht erwarb sie sich bei ihrer Regierung auch keine Freunde: Mali kaufte schließlich selbst das Stück, um es dann an das Musée du Quai Branly auszuleihen.
Meine Meinung: allein die Vorstellung, dass ich etwas kaufen müsse, das mir gehört, damit wiederum ein Dritter davon profitiert, finde ich absurd. Eine unschöne Geschichte am Rande oder symptomatisch für das Musée du quai Branly?

Die Ausstellungskuratoren Sylvie Grossmann und Jean-Pierre Barou verweisen darauf, dass die im Museum gezeigten Kunstwerke noch viele andere Bedeutungsebenen besäßen, diese aber nur auf das Schöne und Dekorative beschränkten. Es geht ihnen nicht nur um die „beaux-arts“, also die schönen Künste, sondern um die „beaux savoirs“ – also um das schöne Wissen. Insbesondere verweisen sie auf die enge Verknüpfung von Wissen und Kunst, die im Musée du quai Branly gar nicht auftauche. Die enge Verwandtschaft zwischen Schönheit und Gesundheit bzw. zwischen Malerei und Gesundheit wurde bei den (wie sagt man das nun korrekt?) Urvölkern? schon längst erkannt. Seit über einem Jahrzehnt bestehe ein reger Austausch zwischen medizinischen Experten von den Navajos oder aus Tibet mit Wissenschaftlern der westlichen Welt, die deren Kenntnisse für aktuelle Problematiken sehr schätzten. Die Autoren fordern deswegen eine Museographie, die wirklich die beaux savoirs anerkennt und nicht ständig von „anderen Kulturen“ spricht.

Patrick Prado schließlich, Antropologe, beleuchtet die soziale Rolle des Museums und seinen Blick auf die anderen. Die Sichtweise auf die Objekte habe sich nur unwesentlich verändert, von wild über ethnisch zu „Stamm“(-eskunst) handle es sich immer um unsere Definition. Interessant auch der Hinweis, dass aus den Objekten der anderen zunächst „exotische“ Künste im Plural, dann einfach zu Kunst im Singular wurde – was ja auch der phänomenalen Aufwertung auf dem internationalen Kunstmarkt entspricht. Patrick Prado fragt sich, ob die zeitgenössische Anthropologie, die sich mit dem „Studium der Menschen hier, und jetzt und weiter weg beschäftige“ im Musée du Quai Branly repräsentiert sei. Nein, so sein klares Urteil und das sei kein Zufall: „Es sind die direkten Nachkommen derjenigen, die diese Wunderwerke hergestellt haben, die an den Stacheldrähten unserer europäischen Abwehr sterben, die zu Hunderten zwischen Lampedusa, Gibraltar und den kanarischen Inseln ertrinken, die wie Pakete mit täglichen Charterflügen ausgewiesen werden, deren Kinder aus den Schulen unserer Republik gerissen werden, wenn sie nicht unter den Fahrgestellen unserer Düsenflugzeuge erfrieren.“ Er vermisst Spuren der Nachfahren im Musée du quai Branly. Und er sagt: wenn wir sie schon alle rausschmeissen, dann sollten wir ihnen auch ihr Eigentum zurückgeben.

„Scénographies d’architectes” – 115 Ausstellungen ausgestellt

Geschrieben von am 25. Juli 2006 09:16

Das „Centre d’information, de documentation et d’exposition d’urbanisme et d’architecture de la Ville de Paris“ zeigt in einer Ausstellung im „Pavillon d’Arsenal“ 115 Beispiele von Ausstellungsarchitekturen, die von renommierten Architekten gestaltet wurden. Die Schau versammelt schwerpunktmäßig europäische Ausstellungen der letzten zehn Jahre; die beteiligten Architekten/innen stammen aus der ganzen Welt.

Etliche der präsentierten Ausstellungen sind dem Thema „Architektur“ gewidmet, oft handelt es sich um monographische Präsentationen nach dem Motto „Rem Kolhaas zeigt Rem Kolhaas“, doch gibt es auch viele Beispiele gelungener Ausstellungsgestaltungen zu den unterschiedlichsten kulturhistorischen Themen zu sehen.
Dominique Perrault, der als Gestalter für diese Meta-Präsentation verantwortlich zeigt, hat sein Material einem strengen, egalitären Zeigemodus unterworfen: Für jedes Fallbeispiel steht ein Leuchtkasten von ca. 160 x 100 cm zur Verfügung. So hängen im Ausstellungsraum im Obergeschoss des Arsenal etwa 60 solcher Kästen von der Decke, die jeweils auf der Vorder- bzw. Rückseite eine Ausstellung präsentieren: ein kurzer Text, der die Aufgabe umreißt, zwei, drei Fotos und ein Grundriss, mehr geht nicht. Nur in einigen, wenigen Fällen wird noch ein Modell der Ausstellung gezeigt.
Die Qualität dieser Ausstellung liegt sicher nicht darin, dass sie zu jedem der gezeigten Ausstellungsbeispiele auf die besonderen Herausforderungen der inhaltlichen oder didaktischen Konzeption eingeht, oder besonders raffinierte Lösungen für einzelne konservatorische Probleme darstellt. Nein, ihre Qualität liegt in der Masse und in der Vielfalt, die sie aufzeigt. Was ist der aktuelle künstlerische Stand in der Disziplin der Ausstellungsgestalter? Welche innovativen Materialien verwendet Zaha Hadid? Wie geht Coop Himmelblau mit Videopräsentationen im Raum um? Wie integrieren zeitgenössische Architekten die Typographie in ihre Entwürfe? Diese Ausstellung ist so etwas wie ein begehbares Musterbuch, ein breiter Fächer frischer szenographischer Ideen.
„Rezepte“ für meine nächsten Ausstellungsgestaltungen finde ich hier nicht, schon gar keine allgemein-verbindlichen Handlungsanweisungen für szenographische Aufgaben. Dafür Inspiration und „Appettitanreger“ in Hülle und Fülle“.
Apropos Musterbuch: Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Er stellt alle gezeigten Ausstellungsbeispiele mit den Bildern und den äußerst knappen Texten der Leuchtkästen vor, liefert also keine wesentliche inhaltliche Vertiefung der Ausstellung
Das Buch – es ist etwa 3,5 cm dick, farbig, gut gedruckt, aber Typo und Bindung sind leider etwas unergonomisch – kostet 38 Euro und kann über die Arsenal-Homepage bestellt werden.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 22. 10. 2006; Öffnungszeiten, etc auf der Internetseite.
Allen, die in diesem heißen Sommer noch nach Paris fahren, empfehle ich, nach dem Ausstellungsbesuch ein Eis bei Berthillon auf der nahegelegenen kleinen Seineinsel zu genießen;-)

Thomas Rößler Dipl. Des.
Historisches Museum Saar
Schlossplatz 15
66119 Saarbrücken

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