Cocktails im Wasser

Geschrieben von am 18. Juni 2007 11:30

Wenn man sich erst mal überwunden hat, den hellen Sommertag zu verlassen und sich ins Dunkle des Ausstellungsgebäudes auf der Mathildenhöhe zu begeben, dann vergisst man sofort, dass draußen die Sonne scheint. Gleich die erste Installation des kanadischen Künstlerpaares Janet Cardiff & George Bures Miller zieht einen in den Bann: „The Killing Machine“, die auch der Ausstellung den Titel gab (+ andere Geschichten 1995-2007) ist abstoßend-faszinierend. Abstoßend, da in der Installation ein Zahnarztstuhl an prominenter Stelle steht und sofort Assoziationen auslöst; faszinierend, weil sich filigrane, an Schreibtischlampen- Gestelle erinnernde Roboterarme tänzerisch um den Stuhl bewegen, dann aber mit spitzen Metallteilen zuzuhacken scheinen. Für die Ausstellung muss man Zeit mitbringen, und den Willen, sich mit unterschiedlichen Formen der Wahrnehmung auseinanderzusetzen. Die Werke sind sehr abwechslungsreich, so erwartet einen in „The Dark Poole“ ein dunkler Raum, in dem anscheinend bis vor kurzem noch jemand hauste, der sein Bett, seine Bücher, Geschirr und allesmögliche andere Sammelsurium dagelassen hat. Licht, Töne und Stimmen, die man selbst durch einen Bewegungsmelder auslöst, verleihen den Dingen plötzlich ein Eigenleben. Eine weihevolle Stimmung empfängt dann einen im Saal des „40 Stimmen Motetts“, in dem eine englische Motette aus dem 16. Jahrhundert als Audioinstallation zu hören und irgendwie zu fühlen ist: Jede Stimme des Chores wird durch einen eigenen Lautsprecher verstärkt, so dass man das Gefühl hat, Teil des Chores zu sein. Den Abschluss der Ausstellung bildet ein Spaziergang im Wasserreservoir unterhalb des Ausstellungsgebäudes. In Gummistiefeln stapft man durch das stockfinstere Gewölbe, und angezogen durch Musik und Licht in der hintersten Ecke, stößt man auf eine Art Cocktail-Bar. Leider ist der Alkohol für die Cocktails alle, und so macht man sich dann doch wieder auf in den hellen Tag.

Die Ausstellung ist noch bis zum 26. August auf der Mathildenhöhe in Darmstadt zu sehen.
Ein Interview mit Cardiff/Miller auf hr-online.

Auf nach Dresden!

Geschrieben von am 7. Juni 2007 12:00

Die Fortsetzungsgeschichte vonDie Dresdner, die Brücke, das Weltkulturerbe, das Oberverwaltungsgericht und das Bundesverfassungsgericht“ hat ein glückliches? vorläufiges? Ende gefunden. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat nun entschieden, dass die Waldschlösschenbrücke gebaut werden muss. Bürgerwille geht vor Unesco; in Politikerkreisen wird dies entweder als Zeichen von Demokratie oder als Debakel gewertet. Die ersten Bauaufträge sind bereits vergeben. Trotzdem wird noch nach Alternativen gesucht: renommierte Architekturbüros sollen einen Kompromissvorschlag liefern, der dann auf einer Tagung der Unesco in Neuseeland vorgestellt werden soll. Trotzdem sollte man sich die Elbauen nochmals schleunigst ohne Baustelle ansehen.
Dazu in Spiegel online, in der WELT online und hier im Museumsblog.

Bei den ausgestopften Tieren zu Besuch

Geschrieben von am 11. Mai 2007 14:43

Der Grund, weshalb ich so gerne in naturwissenschaftliche Museen gehe, liegt ganz einfach daran, dass mein erster Museumsbesuch, an den mich erinnere, dem Naturkundemuseum im Schloss Rosenstein in Stuttgart galt.
Barcelonas Museo de ciències naturals zu besuchen, ist weniger Pflicht denn Kür, zudem es in einem Backstein-Palast untergebracht ist, der von der Weltausstellung 1888 stammt. Im großen Saal im ersten Stock bietet das Museum keine Überraschung: solide präsentiert sind die wirbellosen Tiere, ausgestopften Säugetiere und Präperate in mit Holz umfassten Glasvitrinen. Alles schon oft gesehen und deshalb auch sehr vertraut. Doch der Eindruck, dass hier die Zeit stehen geblieben sei, täuscht. Im Erdgeschoss präsentiert das Museum eine multimedial-inszenierte Ausstellung zum Ursprung der Welt, die von sehr aufregenden Tönen begleitet ist und mich in ihren Bann zieht. Leider war es zu dunkel, um hier zu fotografieren. Dieses Nebeneinander von alt und neu fand ich sehr interessant, insbesondere da das Skelett eines Bartwales wie ein doppeltes Relikt der vergangenen Zeit über der Ausstellung schwebte.

Lust auf Kunst

Geschrieben von am 8. Mai 2007 18:43

Hervorragende Ausstellungen, die Lust machen, sich mit zeitgenössischen Kunstformen auseinanderzusetzen, bietet das CaixaForum in Barcelona. In der Nähe des Weltausstellungsgeländes von 1929, der heutigen Messe, befindet sich das Forum in einem Fabrikbau aus der Jahrhundertwende. Man kann sich die ständige Sammlung ansehen (u.a. Joseph Beuys, Thomas Hirschhorn und Sophie Calle) oder sehr schöne Ausstellungen. Bis 14. Mai ist etwa noch die Ausstellung über die Modekünstlerin Agatha Ruiz de la Prada zu sehen (Fotos). Sehr schön gehängt ist die großartige Retrospektive des großen amerikanischen Fotografens Lee Friedländer. In jeder Ausstellung gibt es ein „Familienlabor“, in dem nicht nur die Kinder abgestellt, sondern sich alle mit dem Thema auf eine andere Art und Weise beschäftigen können. Gefallen haben mir hier auch die vielen Kindergruppen, die sich mit sichtbarer Begeisterung mit den Werken beschäftigten. Der Eintritt ist frei; das Forum ist eine Stiftung der großen katalanischen Sparkasse LaCaixa, die sich neben den Geldgeschäften sozial und kulturell engagiert. Anders als auf der Internetseite sind im Forum selbst alle Informationen auch auf Englisch vorhanden.

Garten im Museum

Geschrieben von am 27. April 2007 10:58

Ein weiteres Museum sollte beim nächsten London-Besuch unbedingt auf der Liste stehen: das Museum of Garden History. Nicht nur Gartenliebhaber kommen hier auf ihre Kosten, sondern auch diejenigen, die ein lauschiges Plätzchen für ein ausgezeichnetes Mittagessen oder zum Kaffeetrinken suchen.

Das Museum gibt es seit 25 Jahren, ist aber an einen historischen Ort untergebracht. Es befindet sich in einer ehemaligen Pfarrkirche von Lambeth, die auf 900 Jahre Geschichte zurückblicken kann, als sie 1972 aufgegeben und dem Verfall anheimgegeben wurde. Eine Initiative formierte sich, um den Abriss zu verhindern. Ein Museum mit dieser Thematik zu gründen, lag nahe: auf dem angrenzenden Kirchgarten sind Vater und Sohn John Tradescant begraben, die in Lambeth ihr Haus hatten. Beide waren sie (Hof-)Gärtner, beide brachten von ihren Reisen in der ganzen Welt Pflanzen und Dinge mit, die in ihrem Kuriositätenkabinett ab 1638 besichtigt werden konnte und die den Grundstock für das Ashmolean-Museum in Oxford legten. Auch Herr Ashmole selbst, der die Sammlung nach dem Tod des Sohnes kaufte, um sie der Universität von Oxford zu schenken, liegt hier neben einem anderen Botaniker, den wir allerdings mehr aus anderen Zusammenhängen kennen, begraben: Kapitän William Bligh (der von der Bounty).

Bei diesem Museumsbesuch hat einfach alles gestimmt: der sehr freundliche Empfang, der uns Besuchern charmant 6 Pfund entlockte, obwohl der Eintritt eigentlich frei ist. Die Ausstellung, auch wenn sie nicht aktuellen museographischen Kriterien entspricht, macht Spass, da man Engagement, die Liebe zum Objekt und zum Detail bemerkt. Es geht etwa um die „Plant hunters“ (was für ein schöner Begriff) und um eine Sammlung von Gartengeräten, die sich verblüffenderweise durch die Jahrhunderte kaum verändert hat. Der Garten, den man sich mit einem für die Jahreszeit zusammengestellten Ordner erschließen kann, lädt zu einer Pause regelrecht ein. Das Café, das offensichtlich auch von Personen aus der Umgebung eifrig genutzt wird und in dem wir zu sehr vernünftigen Preisen leckeres „organic food“ bekamen. Der Museumsshop bietet eine breite Auswahl. Sympathisch ist zudem, dass sich das Museum über die Gartenthematik hinaus auch als Ort der Lokalgeschichte sieht und sich ein kleiner Bereich mit Vergangenheit und Gegenwart des Stadtviertels auseinandersetzt.
Hingehen, wer das etwas Schrullige liebt, wer auf Gärten steht oder wer einfach eine Oase in der Hektik von London sucht, der wird auf seine Kosten kommen.

Das Museum of Garden History liegt gegenüber des Parlaments in der Lambeth Palace Road, London, SE 17LB, Underground: Lambeth North oder Westminster

In jeder Vitrine ein Gewehr

Geschrieben von am 26. April 2007 15:05


Die Briten sind offensichtlich stolz auf das, was sie im militärischen Bereich erreicht haben und gehen damit, so scheint es, ganz umbefangen damit um: im Imperial War Museum in London trifft man nicht nur technikbegeisterte Männer oder ehemalige Angehörige der Royal Armee, sondern auch Familien mit kleineren Kindern, die sich nach dem Ausstellungsbesuch im Shop begeistert mit Panzern und Kriegsschiffen eindecken. Das Imperial War Museum hat alles, was ein Museum in unserer Zeit bieten sollte: es ist an vielen Stellen interaktiv, spricht alle Sinne an und macht augenscheinlich jeder Altersgruppe Lust, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Die Dauerausstellungen zum Ersten und Zweiten Weltkrieg oder die Abteilung zum „Secret War“ weisen eine solide Museographie auf. Die Zeit nach 2001 allerdings erscheint etwas ausgespart: während „Secret War“ sich auch mit Terrorismus, insbesondere mit der IRA beschäftigt, enden die „Militärischen Konflikte nach 1945“ mit dem ersten Golfkrieg 1990/91, wobei viele der Protagonisten von heute zumindest auf Fotos dabei sind.
Vor dem Eingang zum „Blitz Experience“ ist eine lange Schlange; es sind solche Inszenierungen, die das Museum für viele so attraktiv macht: wo kann man denn sonst einen Bombenflug auf London miterleben, riechen, spüren? Dass das Ganze eher den Charakter einer gut gemachten Geisterbahn hat, stört keinen.
In einem interessanten Artikel in der ZEIT über die Kriegsmuseen in England von 2003 lese ich: „Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es nur ein einziges Jahr, in dem kein britischer Soldat getötet wurde.“ Das Museum hilft, die Trauer darüber und das Entsetzen über Krieg – auch britische Soldaten sind u.a. im Irak im Einsatz – abzumildern und eine gesellschaftliche Akkzeptanz dafür zu schaffen.

Das älteste Museum Großbritanniens

Geschrieben von am 23. April 2007 11:45



Nun habe ich auch das älteste Museum Großbritanniens besucht: Das Ashmolean Museum befindet sich in Oxford und geht auf die Sammlung zurück, die Vater und Sohn gleichen Namens, John Tradescant, zu Beginn des 17. Jahrhundert in Lambeth bei London angelegt hatten. Beide waren sie Botaniker und Gärtner. Wissbegieriges Publikum konnten in ihrem Haus (das passenderweise „The Ark“ hieß) schon ab 1638 gegen Eintrittsgeld die Wunderkammer der Tradescants anschauen; 1656 wurde ein Katalog der Sammlung angefertigt. Die Sammlung ging dann an Elias Ashmole über, der sie der Universität Oxford schenkte, die 1683 ein Museum eröffnete. Die Sammlung befand sich in bester Gesellschaft mit Unterrichtsräumen der Universität und einem chemischen Labor. Im 19. Jahrhundert setzten die Kuaratoren den Schwerpunkt auf Naturalien und hielten interessanterweise die von Menschen angefertigten Werke für zweitrangig. Mitte des 19. Jahrhundert wurde dem Museum der naturwissenschaftliche Zweig allerdings genommen, als sich die Universität entschied, dafür ein Museum zu gründen. Die gesamte Naturalien-Sammlung wurde in das neue Oxford University Museum for Natural History transferiert. Das Ashmolean konzentrierte sich nun mehr auf Kunst und Archäologie, konnte einige andere Sammlungen übernehmen und zog noch im 19. Jahrhundert in ein neues Gebäude. Auch wenn das Museum gerade gründlich saniert und erweitert wird, sind doch einige erstaunliche Dinge zu sehen. So zeigt das Museum während des Umbaus seine Schätze, zu dem u.a. das erste von John Tradecant gesammelte Stück gehört: Der Umhang von Powhatans aus Virginia, Nordamerika. Am besten gefallen hat mir die Abteilung für holländische und flämische Stillleben. Ich bin gespannt, ob das Museum auch noch nach dem Umbau den anrührenden, verstaubten Charme ausstrahlt, den es auf mich hatte.

Stopfpilz und Joghurtbecher im Museum

Geschrieben von am 30. März 2007 12:10

Im Deutschen Historischen Museum in Berlin ist eine neue Ausstellung aus der Reihe „Aus den Sammlungen des DHM“ zu sehen: In „Parteidiktatur und Alltag in der DDR“ geht es um den Einfluss der SED auf das tägliche Leben der DDR-Bürger und darum, wie die Partei dieses Leben dominierte bzw. wie sich die Bürger der SED entziehen konnten und wie die SED letztendlich scheiterte.
Viele Exponate stammen aus der Zeit, als 1990 das DHM die DDR-Bevölkerung aufrief, Dinge des Alltags ins Museum zu bringen. Viel kann das nicht gewesen sein, laut der Kritik in Deutschlandradio Kultur:

„Privates wird festgemacht an Fleischbrühpaste, einem Fernseher vom VEB Rafena, einem DDR-Stopfpilz, worin da das Typische besteht – unklar. Auch gehören Bestecke, Vitaminpräparate, Joghurtbecher und eine Schrankwand zu den Alltagsauslagen.“

Insgesamt, so das Fazit von Deutschlandradio Kultur, bleibt „das Deutsche Historische Museum leider mit dieser neuen Sonderausstellung hinter eigenen vorangegangenen Ausstellungen zurück.“ Das Begleitprogramm klinge dafür vielversprechend.
Ich rätsele immer noch über das Wort „Gedenkobjekt“, mit dem die Kuratorin Carola Jüllig im Interview die Skulptur einer Fischwerkerin und die Jacke einer politischen Aktivistin bezeichnet.

Die Dresdner, die Brücke, das Weltkulturerbe und das Oberverwaltungsgericht

Geschrieben von am 14. März 2007 10:17

Die Bürger wollten die Brücke über die Elbe, nun bekommen sie sie: das Sächsische Oberverwaltungsgericht hat jetzt entschieden, dass der Bürgerentscheid umgesetzt werden muss. Die Bürger hatten sich 2005 für die Brücke in den Elbauen entschieden. Damit verliert Dresden höchstwahrscheinlich den Weltkulturerbe-Status, den die Stadt für das Ensemble von Landschaft und Architektur erhalten haben. Das ist halt Demokratie!
Über die Waldschlösschenbrücke schreibt der Spiegel, die Frankfurter Rundschau und die FAZ.NET und hier gibt es einen Rückblick im Museumsblog.

Der Wüstenlouvre bringt eine Milliarde

Geschrieben von am 7. März 2007 10:20

Le Monde berichtet, dass am 6. März der Vertrag zwischen Frankreich und den Vereinigten Emiraten unterzeichnet wurde: 2012 soll das Universalmuseum „Louvre Abou Dhabi“ errichtet werden. Dafür erhält Frankreich, nicht wie Le Monde zuvor ausgerechnet hatte, 700 Millionen Euro, sondern sogar eine Milliarde. Bei diesem Preis, so stellt Liberation süffisant fest, hat man die Themen, die problematisch werden können, tunlichst vermieden (etwa ob nackte Frauen auf den ausgeliehenen Bildern zu sehen sein werden).
Frankreich leiht im Gegenzug, wie bereits hier, hier und hier im Museumsblog ausgeführt, Bilder, stellt Experten und Ausstellungen. Mit dem von Jean Nouvel konzipierten Bau soll noch in diesem Jahr begonnen werden.

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