Man spricht Deutsch

Geschrieben von am 14. September 2009 17:45

Während der kommende dgv-Kongress („Mobilitäten“, 27.-30.9.2009 in Freiburg im Breisgau) unter anderem von den zögerlichen Versuchen volkskundlicher (im weiten Sinne) Museen, moderne Migration darzustellen berichten wird, hat das Österreichische Museum für Volkskunde ein originelles und intelligentes Projekt entwickelt.

Migranten sind dabei nicht das Objekt einer Ausstellung oder passives Publikum sondern aktive Teilnehmer. Nicht über sie sondern mit ihnen wird gearbeitet, das Museum wird für sie zum Erlebnisraum, zum Tor in eine – eventuelle – neue Heimat.
Neue, immer striktere, Einwanderungsbestimmungen verlangen heutzutage in den meisten Ländern Europas dass Kandidaten für Aufenthaltsgenehmigungen Kenntnisse über das Aufnahmeland und dessen Sprache nachweisen müssen. Und wo kann das besser geschehen als im Museum, fragte sich Katharina Richter-Kovarik, Kulturvermittlerin am ÖMV und Sprachtrainerin. Sie entwickelte in der Folge spezielle Rundgänge sowie Begleitmaterial das zusätzliche Informationen und ein Glossar bietet.
Die Teilnehmer müssen beispielsweise verschiedene Objekte in der Schausammlung finden, Fragen dazu beantworten und sie dann den anderen Gruppenmitgliedern vorstellen. „Es ist uns wichtig, alle vier sprachlichen Fähigkeiten, nämlich Sprechen, Schreiben, Lesen und Hören zu schulen“, betont Katharina Richter-Kovarik.
Senioren, eine andere Zielgruppe aktiver Museumsintegrierung, nehmen ebenfalls an den Kursen teil, um diverse Objekte des täglichen Lebens aus eigener Erfahrung zu erklären. Land und Leute, Geschichte und Sprache, Eigenes und Fremdes, all dies fliesst ein und ermöglicht ein besseres gegenseitiges Verständnis.
Das Programm wurde 2008 für den Österreichischen Staatspreis für Erwchsenenbildung im Rahmen des „Interkulturellen Jahres“ nominiert und es wäre zu hoffen, dass es in Zukunft auch von anderen Museen aufgenommen wird.
Mehr dazu in der Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde LXIII/112, 2009, p.98-102 und auf der website des ÖMV

Kommt hier zusammen, was zusammengehört?

Geschrieben von am 10. Juni 2009 11:39

In Wien gibt es Neues zu vermelden: das Museum für Völkerkunde und das Museum für Volkskunde fusionieren. Laut Wiener Standard vom 6. Mai wird „die Zusammenlegung der beiden Museen“ immer wahrscheinlicher. Geredet wurde ja schon lange darüber und hinter den Kulissen agierten die Beteiligten. Nun soll eine Museumsreform Klarheit bringen.

Zum Vorschlag der Zusammenlegung der beiden Museen war es u.a. gekommen, als sich abzeichnete, dass das Museum für Volkskunde die Sanierung für den wunderbaren Schönbornpalast in der Laudongasse alleine nicht leisten kann und die Stadt dafür nicht aufkommen möchte…
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Figurinen im Museum X

Geschrieben von am 3. Juni 2009 11:53

Fast meint man, sie stehen von ganz alleine, die vielen Harnische im Wien Museum, dem historischen und stadtgeschichtlichen Museum von Wien. Die Rüstungen stammen aus dem Bürgerlichen Zeughaus von Wien, dessen Bestand einst den Grundstock des Wien Museums bildete.

Alles wuchert

Geschrieben von am 27. April 2009 14:32

Die Natur breitet sich wieder aus, das Grünzeug wuchert und die Insekten schwärmen aus – so etwas kann einem auch im Museum passieren – im Naturhistorischen Museum in Wien etwa: hier wachsen Pflanzen aus Vitrinen, übergroße Käfer und Raupen erobern den Saal. Bei diesen Verfremdungseffekten macht es gleich mehr Spaß, genauer hinzuschauen.

Fotografie braucht Text

Geschrieben von am 10. März 2009 13:03

„Nicht der Schrift-, sondern der Photographie-unkundige wird, so hat man gesagt, der Analphabet der Zukunft sein.“ – so Walter Benjamin. Es heisst aber in der „Kleinen Geschichte der Photographie“ weiter: „Aber muss nicht weniger als ein Analphabet der Photograph gelten, der seine eigenen Bilder nicht lesen kann? Wird die Beschriftung nicht zum wesentlichsten Bestandteil der Aufnahme werden?“

Dass die Bildunterschrift eng mit der Fotografie gekoppelt ist, da sich ein Bild nicht immer von selbst erklärt, darauf verweisen gleich zwei Fotografie-Ausstellungen – allerdings aus zwei ganz verschiedenen Richtungen.

In Paris zeigt die Ausstellung Controverses in der Nationalbibliothek, die aus dem Musée d’Elysée in Lausanne kommt, mehr oder weniger eindeutige Bilder. Kontroversen erzählt die Skandale, die mit den Fotografien vermittelt wurden, – also Fotografien, die angeeckt haben, die verboten wurden und über die man sprach. Dies wird von den Anfängen der Fotografien bis in die Gegenwart abgehandelt. Es sind viele bekannte Fotografien dabei – wie der Kuss am Hotel de Ville von R. Doisneau, der Soldat von Capa oder die küssende Nonne vom Werbefotografen Toscani. Während beim letzten Foto der Konflikt offensichtlich ist, braucht man bei den anderen Informationen – und Bildtexte bekommt man wohl zu Genüge.
In Paris kamen noch weitere Fotografien hinzu: etwa ein Propaganda-Foto aus der Zeit der Besatzung von André Zucca (der Museumsblog berichtete hier darüber), oder ein Foto-Porträt von Sartre, aus dem man die Zigarette wegretuschiert hatte. Das stammte im übrigen aus einer eigenen Ausstellung der Nationalbibliothek…
Dem Rezensenten in Le Monde hat es auf alle Fälle gut gefallen. Hier kann man sich einige der Fotos anschauen.

Die andere Ausstellung wird gerade in Wien, in der Albertina gezeigt. Die Fotografie und das Unsichtbare, eine Ausstellung, die vom San Francisco Museum of Modern Art stammt, geht auch bis in die Anfänge der Fotografie zurück und zeigt das, was das menschliche Auge sonst nicht sehen kann. Zum Beispiel eine männliche Krätzmilbe, die Auguste-Adolphe Bertsch in den 185oer Jahren aufgenommen hat, Pflanzenquerschnitte oder Mikrodaguerreotypien von W. H. Fox Talbot. In der Bildergalerie kann man sich einige der Fotografien anschauen, auf Ö1 Inforadio kann man ein Interview mit der Kuratorin Monika Faber anhören.

In beiden Ausstellungen bleibt letztendlich die Frage offen, ob man seinen Augen trauen kann. Es wäre bestimmt interessant, die beiden Ausstellungen gleich hintereinander anzusehen. Zwischendurch könnte man im jeweiligen Katalog blättern….

Controverses, Bibliothèque nationale de France
58, rue de Richelieu, 75o02 Paris
Di- Sa 10-19, So 12-19 Uhr
bis zum 24. Mai

Die Fotografie und das Unsichtbare
Albertinaplatz 1, 1010 Wien
täglich 10- 18 Uhr, Mi 10 – 21 Uhr
ebenfalls bis zum 24. Mai

Manchmal sollte man lieber zu Hause bleiben

Geschrieben von am 1. Februar 2009 11:41

Manche Museumsbesuche stehen unter keinem guten Stern – so wie diese Woche im Jüdischen Museum im Palais Eskeles in Wien. So würde das Kurzprotokoll zu diesem Besuch lauten:

– Schon im Atrium eine Schulklasse im Nacken, als ich mir die raumfüllende Vitrine anschaute. Geahnt, dass es zu einem Interessenskonflikt kommen könnte. Schnell zur Installation der Hologramme gegangen. Leider nicht weit gekommen, da sich die Schulklasse nun inklusive Führung in der Mitte der Installation auf Hockern niederließ; und nur von hier aus kann man sich die Hologramme, prominenter Teil der Schausammlung, ansehen.
– Ins Schaudepot gewechselt. Idee und Umsetzung wieder für gut befunden. Nehme das Angebot wahr, merke mir Inventarnummern und schlage diese im Inventarbuch nach. Die Nummern alle nicht gefunden. Der sonst hervorragende Audioguide sagt nichts dazu. Eine freundliche Aufsicht hilft weiter, weiss aber auch nicht alles.
– Nochmals zu den Hologrammen: immer noch besetzt. Die Friedrich Torberg-Ausstellung angeschaut. Im ersten Raum: Texttafeln auf Oberschenkelhöhe; hätte fast die Ausstellung verlassen. Zum Glück ist es in den anderen Räumen besser. Irgendwann mag ich aber nicht mehr lesen.
– Dritter Versuch, die Hologramme anzuschauen. Die Schulklasse ist immer noch da; nun werden die Hologramme selbst erklärt. Mich gefragt, um was es in der (gefühlten) Stunde zuvor ging. Mich sehr gewundert, warum die Führung nicht auf der freien Fläche neben den Hologrammen begonnen hat. Mißgelaunt wieder gegangen, ohne die Hologramme richtig anschauen zu können; deswegen war ich gekommen.
Das war kein guter Tag für einen Museumsbesuch (und das ist kein Plädoyer gegen Schulklassen im Museum, sondern dafür, individuelle BesucherInnen und Gruppen besser unter einen Hut zu bringen).

Sitzen im Museum XII

Geschrieben von am 25. Januar 2009 16:47


Hier ließe es sich hinlümmeln, lang ausstrecken, sogar ein Schläfchen machen – aber die Sitzbänke im Naturhistorischen Museum in Wien sind verwaist. Nicht deshalb, weil in diesem Museum an einem Sonntagmorgen keine BesucherInnen da wären. Sondern darum, weil das Museum so aufregend und packend ist, es so viel zu sehen und zu bestaunen gibt, dass die BesucherInnen gar keine Zeit haben, überhaupt einmal ans Sitzen zu denken.

Warum man sich diese Ausstellung anschauen sollte

Geschrieben von am 9. Januar 2009 12:12

RECOLLECTING. Raub und Restitution – so heißt die Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst MAK in Wien, die man sich unbedingt anschauen sollte. Der Titel macht es schon deutlich: es geht um das Hab und Gut, das jüdischen BürgerInnen in Österreich zur Zeit des Nationalsozialismus auf unterschiedliche Art und Weise geraubt wurde und welches ihnen oder ihren ErbInnen auch noch lange Zeit nach 1945 vorenthalten wurde. In der Ausstellung sind nicht nur hochkarätige Kunstobjekte zu sehen, sondern auch Gegenstände des Alltags, etwa ein Auto, Bücher oder Möbelstücke. Die Geschichte jedes der rund 100 Exponate wird sorgsam beleuchtet; offizielle Briefe oder Listen offenbaren, wie die Enteignung durchgesetzt wurde, wie die BesitzerInnen darauf reagierten und was mit den Gegenständen geschah – und welches Schicksal die BesitzerInnen erfahren mussten. Wertvolle Provenienzforschung wird hier transparent gemacht und zeigt aber zugleich auf, wie viele Lücken noch vorhanden sind. Nicht für alle Objekte konnten Erben ausgemacht werden. Erschreckend ist auch zu sehen, wie die Bürokratie nach 1945 nahezu reibungslos weiter funktionierte und die Ansprüche der rechtmäßigen BesitzerInnen einfach abgeschmettert wurden.
Ergänzt werden die Geschichten der Gegenstände und ihrer BesitzerInnen durch zeitgenössische künstlerische Positionen, die nochmals einen völlig anderen Blick erlauben.
Eine höchst aufwühlende, notwendige und auch sehr gut gemachte Ausstellung. Bis zum 15.02.2009ist sie noch in der MAK-Ausstellungshalle zu sehen.

Eine Ausstellung mit demselben Titel, Raub und Restitution, läuft gerade im Jüdischen Museum in Berlin.

Die andere Art, außereuropäische Kulturen auszustellen

Geschrieben von am 9. Dezember 2008 10:58


Die Kisten im Völkerkundemuseum in Wien sind ausgepackt – seit 19. November bietet das Haus Einblicke, wie ein Völkerkundemuseum in der Gegenwart ausstellen kann. Einblicke in die Sammlung vermittelt der neue Teil der Schausammlung. In 21 Vitrinen wird religiöse Kunst aus Süd-, Südostasien und Himalayaländer gezeigt; jede Vitrine steht für sich und bindet neben den Objekten, Texte, Fotografien oder andere Medien mit ein. Ganz deutlich beziehen die Kuratoren damit gegen das ästethisierende Prinzip Musée du quai Branly Stellung:
So heißt es auf der Internetseite zur Ausstellung:

„Obwohl die gezeigten Objekte dem Bereich „religiöse außereuropäische Kunst“ zugeordnet werden können, steht in ihrer Darstellung im Museum für Völkerkunde nicht die Ästhetisierung fremdkultureller Objekte und deren Verwandlung in Werke „nicht- europäischer Kunst“ im Vordergrund, sondern ein Verständnis der durch sie repräsentierten Inhalte und kulturellen Zusammenhänge.“

Ich habe selten bei einer Ausstellunsgeröffnung so viele interessierte BesucherInnen gesehen. Warum es mehrfach lohnt, sich diese neue Präsentation der Schausammlung anzusehen, sind die anderen Ausstellungen, die noch weitere Einblicke in die außereuropäischen Kulturen in Vergangenheit und Gegenwart bieten: Das ist die Ausstellung „Zeitreise Tibet“ mit Fotografien von Barbara Krobath; die Ausstellung „Kunstvoller Widerstand“ mit zeitgenössischer Kunst aus Sri Lanka und die monographische Ausstellung sowie die objekt-monographische Ausstellung Straps & Bands – die Privatsammlung eines Arztes, die nun zum Museum gehört.

Das Museum in der Presse:
Im Kurier, im Orf-Magazin und bei APA Zukunftswissen

Junggeblieben

Geschrieben von am 10. November 2008 17:59

Nicht nur ideenreich, sondern auch junggeblieben: Themen und Museographie sind zeitgebunden; diese Erfahrung kann man immer wieder machen, wenn man Museen nach längerer Zeit wieder aufsucht. Doch manches Museum altert erstaunlicherweise nicht: das Österreichische Museum für Volkskunde gehört für mich dazu. Die Dauerausstellung ist nun um die 15 Jahre alt – jung kann man sagen.
Denn sie ist überhaupt nicht gealtert, weder was der Zugang noch die Inszenierung betrifft. Denn wie kann man die Objekte des „Volkes“ präsentieren, ohne zugleich den Blick von den anderen, von ForscherInnen, von Museen, von der Stadtbevölkerung zu erwähnen? Es geht hier auch um Klischees und Stereotypen, um Vorstellungen des anderen, um Kulturgeschichte und um eine geschickte Verflechtung mit der Museumssamlung. Die Ausstellungsarchitektur ist schlicht und zurückhaltend, und bringt manches auf den Punkt – zum Beispiel mit auf Podesten präsentierten Möbeln. Und von den klugen, pointierten Texten könnten manch andere Museen lernen.

Der Besuch lohnt sich, denn zur Zeit sind gleich noch zwei herausragende Fotoausstellungen zu sehen: Die Ausstellung „Places of Worship. Interreligiöse Gebetsräume auf Flughäfen“ mit den schönen Fotografien von Andreas Duscha beschäftigt sich mit einem klassischen volkskundlichen Thema – in der Gegenwart (nur noch bis zum 16.11.).
Die zweite Fotoausstellung, Prag 1968 – Fotografien von Heinz Hosch widmet sich einem Pressefotografen, der das Ende des Prager Frühlings 1968 fotografisch festgehalten hat. Schön deutlich wird hier die Verschränkung von weltpolitischem Ereignis und individuellen (Berufs-)Alltag. Kommentiert wird das Fotoarchiv von einer szenischen Installation mit Tönen aus dem aktuellen Prag von Paul Divjak. Unbedingt hingehen!

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