Absolut lesenswert

Geschrieben von am 22. August 2008 14:02

Das ethnographische Museum in Neuchâtel ist seit langem für seine provokanten und insolenten Ausstellungen bekannt – um nicht zu sagen, berühmt und berüchtigt. Anlässlich des 100 Jahre Jubiläums 2004 kam im darauffolgende Jahr ein über 600 Seiten starker, reich illustrierter Band heraus, der „Cent ans d’ethnographie sur la colline de Saint-Nicolas, 1904-2004“ nachzeichnet. 

Der erste Teil widmet sich der Geschichte des Museums, von seinen Anfängen als Kuriositätenkabinett über die kolonialen Sammlungsexpeditionen, die universitäre Einbindung und die Rolle Van Genneps bis hin zu neun Ansätzen für eine Anthropologie/Ethnologie des 21. Jahrhunderts. Ein weiterer Teil lässt Mitarbeiter zu Worte kommen, die ihr Lieblingsobjekt vorstellen. Kollegen aus dem In- und Ausland sind eingeladen, ihre Sicht auf das MEN darzulegen und der Sclussteil berichtet über das Jubiläumsjahr, seine Festlichkeiten und Events.

Was aber das Buch so ausserordentlich lesenswert, ja unentbehrlich für alle im Ausstellunsgbetrieb Tätigen macht, ist jener Teil in dem die Ausstellungsarbeit des MEN im Mittelpunkt steht und hier ganz besonders die Zeit zwischen 1981 und 2004 die von einer immer weiterreichenden Suche nach neuen Inhalten und szenogafischen Inszenierungen unter der Direktion des charismatischen Jacques Hainard Zeugnis ablegt. Alle Ausstellungen finden sich hier einem Schema folgend versammelt: ein emblematisches Foto, das Plakat, Fotos die die grossen Ausstellungslinien widergeben, Pläne und Details zur Konzeption und zur Szenographie, Fotos mit Ausstellungsdetails, eine Analyse, Pressereaktionen und ein Verzeichnis von Publikationen zur Ausstellung runden jedes einzelne Kapitel ab.
Die ca. 90 Euros die der Band kostet können kaum besser angelegt werden!
Gonseth, Marc-Olivier, Jacques Hainard, Roland Kaehr (dir.), 2005, Cents ans d’ethnographie sur la colline de Saint-Nicolas, 1904-2004. Neuchâtel, MEN (ISBN 2-88078-029-2)

Mal wieder über Dinge lesen.

Geschrieben von am 14. August 2008 08:55

Es geht hier um Dinge, im Museum, aber auch im Alltag und um die vielfältigen Beziehungen zu den Dingen aus historischer, ethnographischer, soziologischer oder museologischer Perspektive. Darüber wurde einmal anläßlich der „Ersten kulturwissenschaftlichen Gespräche“ 2002 im Ludwig-Uhland-Institut in Tübingen zu Ehren von Gottfried Korff diskutiert. Gudrun M. König hatte 2005 die Gespräche als Buch herausgegeben, doch das ist leider vergriffen. Man braucht sich darüber aber nicht zu grämen oder schlechtgelaunt in eine überfüllte Bibliothek gehen – denn man kann es sich hier als pdf herunterladen. Sehr schön.

Gudrun M. König (Hg.):
Alltagsdinge : Erkundungen der materiellen Kultur. (Studien und Materialien des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen ; 27. Tübingen 2005

Eine Trouvaille mitten in Paris

Geschrieben von am 11. August 2008 16:20

Ein unscheinbares messingfarbenes Schild im Pariser Stadtviertel Marais verweist auf das um die Ecke liegende Museum, das Musée de la chasse et de la nature. Um so spannender ist aber der Besuch des Museums selbst. Was man hier alles zu sehen bekommt und wie, ist einfach grandios: es war einer der kurzweiligsten Museumsbesuche überhaupt. Auf kühne und elegante Weise wird hier ein nicht unumstrittenes Thema, nämlich die Jagd, mit (zeitgenössischer) Kunst und klassischen musealen Inszenierungen präsentiert, die perfekt in das historische Gebäude eingebunden sind. All das geschieht mit einem leichten Augenzwinkern.

In zwei Rundgängen – die hier ganz gut nachvollzogen werden können – läuft die Besucherin durchs Haus. „Das Bild des Tieres“ widmet sich verschiedenen Tieren wie Wolf und Hase; ein Wildschwein begrüßt mich als erstes. Künstlerische Darstellungen aus Vergangenheit und Gegenwart werden naturwissenschaftliche Erkenntnisse entgegengesetzt und ermöglichen gewissermaßen, mit den Augen des Jägers zu sehen. Dazu dienen etwa eine Art Schränke, bei denen man viele Schubladen aufziehen kann.

Imposante zeitgenössische Kunstinstallationen laden ganz direkt, aber auch versteckt ein, über das eigene Verhältnis zu Tieren nachzudenken. Der zweite Rundgang, „Jagd und Kunst“, thematisiert das Sammeln selbst. Die Atmosphäre eines Sammler-Hauses soll vermittelt werden, genauer die des Sammlerpaars, François und Jacqueline Sommer, die in den 1960er Jahren die Sammlung anlegten.

Das geschieht nie ungebrochen und wird dann im 2. Stock konsequent bis in die Gegenwart fortgesetzt. Der amerikanische Künstler Mark Dion hat hier mit der Installation der Sommerschen Jagdhütte den Museumsgründern ein unprätentiöses Denkmal gesetzt.

Sehenswert sind auch die beiden Stadtpalais, in denen das Museum untergebracht ist: das Hôtel de Guénégaud, um 1655 erbaut von François Mansart, ist das einzige Hôtel im Marais, das noch vollständig erhalten ist.
Beim nächsten Paris-Besuch auf GAR KEINEN Fall versäumen!

Das Intro der Website laut anhören.
Musée de la Chasse et de la Nature

62, rue des Archives
750003 Paris , Metro Rambuteau
Di-So 11-18 Uhr, mo und feiertags geschlossen

Wenn die Dinge tanzen

Geschrieben von am 31. Juli 2008 15:11

Mit bunt arrangierten Dingen, die sich (nicht maßstabsgetreu) auf dem Umschlag tummeln, lockt das Buch schon von außen, es doch so schnell wie möglich aufzuschlagen. Innen geht es vielversprechend weiter. Das einfallsreiche Layout bewirkt, dass man gerne blättert und sich dann festliest.
Der Titel „Kampf der Dinge“ bezieht sich auf die gleichnamige neue Präsentation der Dauerausstellung, die letztes Jahr im Museum der Dinge in Berlin eröffnet wurde. In dem Begleitheft thematisiert sich das Museum bzw. das Werkbundarchiv in kürzeren Beiträgen sich selbst, seine Sammlungen, seine von ihm geprägten Begriffe und reflektiert historische wie aktuelle Einflüsse. Gleichzeitig sollen Fragen formuliert werden, mit denen Museum sich künftig beschöftigen möchte. Manufactum, Ikea oder der Kunsthistoriker Gustav E. Pazaurek sind gleichberechtigte Themen.

Werkbundarchiv – Museum der Dinge: Kampf der Dinge. Der Deutsche Werkbund zwischen Anspruch und Alltag. Leipzig 2008. Das Buch ist im Koehler & Amelang Verlag erschienen und kostet 16,90.

Das Museum am südwestlichsten Zipfel Europas

Geschrieben von am 30. Juli 2008 17:01

Was macht man mit einem verlassenen Dorf? Natürlich ein Museum. So geschehen in Guinea, das auf der kleinsten Kanareninsel El Hierro liegt. Das Ecomuseo Guinea möchte Architektur und Wohnformen vermitteln. Die Siedlung geht auf die Zeit der ersten europäischen Eroberer zurück, die ab dem 15. Jahrhundert auf der Insel kamen. An dem Ort hatten bereits die Ureinwohner gesiedelt, die wohl die langen Lavastollen für sich und ihre Tiere nutzten. Über sie weiß man nur wenig; die Thematik der Eroberung scheint heute kein Thema mehr zu sein. Während der Führung – nur so kann man Guinea besichtigen – sind vier Häuser von innen zu sehen; sie sollen den Alltag des 17. bis 20. Jahrhunderts illustrieren. Arbeitsgeräte, einfaches Essgeschirr und Betten mit Strohmatratzen füllen die kleinen Räume aus.Die Führerin bemüht sich, etwas vom alltäglichen Leben zu erzählen; die Überlieferung wird aber nicht offengelegt. Die Einrichtungen der Häuser ähneln sich, Zeit und Raum verschwimmen, die Gegenstände erscheinen freilich, je näher wir an die Gegenwart rücken, etwas moderner. Während im letzten Haus etwa Porzellangeschirr zu sehen ist, finden sich in den anderen Schüsseln aus Holz. Kurios ist die gewebte Tragevorrichtung für Frauen mit einem Durchschlupf für den Kopf. Die Einrichtungsgegenstände hinterlassen einen schwammigen Eindruck; die chronologische Einteilung lässt sich nicht überprüfen, noch lassen sich soziale oder ökologische Kriterien nachvollziehen. Hier erinnert das Ecomuseo an auch bei uns gängige Praktiken in deutschen Freilichtmuseen, die „gute alte Zeit“ zu beschwören. Diese pittoreske Tendenz wird noch mit dekorativ auf den Mauern liegenden Kürbissen, Blumentöpfen und (leeren) Vogelkäfigen verstärkt.

Die Besucherin nimmt dennoch wahr, dass das Leben hier zu keiner Zeit leicht gewesen sein konnte. Durch die Zeit hinweg wurde sehr einfach und beengt gelebt; die Häuser aus Lavasteinen haben nur einen Raum, kleine Fenster- und Türöffnungen und ein aus Roggenstroh gedecktes Giebeldach. Mauern aus Lavasteinen markierten die Hausgrenzen, dienten aber auch dazu, Wind geschützt Gemüse anbauen zu können sowie die eigenen Tiere einzusperren. Genügend Wasser zu haben, war das größte Problem: wie das dritte Foto zeigt, konstruierte man große, weißgekalkte Flächen, um möglichst viel Regenwasser aufsammeln zu können. Da die Nahrung knapp war, wurde geteilt: nicht mit den Nachbarn, sondern mit den Tieren. Besondere Aufmerksamkeit erzielte die Führerin mit dem Hinweis auf die kleine Stall-Toilette – mit dieser baulichen Konstruktion wurde das Schwein gefüttert.

Ich hätte mir fundiertere Informationen und mehr Geschichte gewünscht, sei es zu den ersten Besiedlern und zur spanischen Eroberung, zum Klima, zu den Abholzungen der Wälder, zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, zum Geschlechterverhältnis und zu Kultur, eben etwas, was den Grundgedanken des Ecomusée charakterisiert.

Doch die meisten BesucherInnen kommen aber nicht wegen der Häuser, sondern wegen der Rieseneidechse, die es einmal auf EL Hierro gab und deren Unterart hier nachgezüchtet wird, um sie wieder auszusiedeln. So findet der erste Teil der Führung in der Zuchtsation der Eidechsen statt. Sowieso ist es relativ sicher, dass jede InselbesucherIn auch das Museum bzw. die Zuchtstation besucht – es ist, neben dem ethnographischem Zentrum, das einzige auf der Insel. Und es ist das südwestlichste Museum Europas, kurz vor dem Ende der Welt – denn hier verlief einmal der Nullmeridian. Insofern hat es sich natürlich voll gelohnt.

Ecomuseo de Guinea, Carretera Gral. de Las Puntas s/n Frontera, El Hierro (Spanien)

Geld für den Menschen

Geschrieben von am 23. Juli 2008 15:48

Im Musée de l’Homme in Paris freut man sich dieser Tage bestimmt ganz ordentlich, denn die französische Regierung hat 50 Millionen Euro für die Renovierung des Museums bereitgestellt. Damit soll, wie es in Le Monde heisst, das Gebäude saniert und die Dauer- und Wechselausstellungsräume von rund 3500 qm eine neue Inhalte und eine neue Museographie erhalten. Das war, nachdem große Teile der Sammlung in das Musée du quai Branly überführt worden waren, so eigentlich gar nicht zu erwarten gewesen.
Der Leiter des Projektes, Jean-Pierre Mohen, erzählte der Zeitung auch, was genau geplant ist:

„Das Ziel ist es, der Öffentlichkeit die große Saga des Menschen seit ihren Ursprüngen bis in unsere Zeit zu präsentieren, indem alle Aspekte behandelt werden, die dem Menschen eigen sind: seine Evolution, seine Biologie, seine verschiedenen Gesellschaftsformen, seine Eingriffe in die Umwelt und seine aktuelle Situation.“

Damit würde das Museum einen völlig neuen Akzent setzen. 2012 soll alles komplett fertig sein.
Der erste Teil der Saga ist ja bereits im Museum zu sehen.
Der Museumsblog hat hier und hier bereits darüber berichtet.
Im Musée de l’Homme ist übrigens gerade eine Ausstellung über die Ethnologin, Widerstandskämpferin und KZ-Überlebende Germaine Tillion zu sehen, die im April dieses Jahres verstarb und die lange Jahre für das Musée de l’Homme gearbeitet hat.

Sitzmöbel VII

Geschrieben von am 22. Juli 2008 09:29

Hier lässt es sich in der Cité national de l’histoire de l’immigration in Paris angenehm sitzen: Im ehemaligen Rezeptionssaal während der Kolonialausstellung 1931 und dem heutigen Forum.

Sitzen im Museum VI

Geschrieben von am 22. Juli 2008 09:23


So unprätentiös kann man in der Cité nationale de l’histoire de l’immigration in Paris sitzen.
In der Realität sieht man die Bank allerdings doch etwas besser als die Kamera.

Zum Aha- und Wiedererkennungseffekt

Geschrieben von am 21. Juli 2008 09:19

Dass die Kunsthistorikerin Sabine Haag Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums Wien* wird, hat der Museumsblog bereits begrüßt. Und hier ist ein Interview mit Frau Haag in der Frankfurter Rundschau. Haag hat vor, vor allem der „Qualität und Substanz der Sammlungen des Kunsthistorischen Museums“ zu vertrauen und nicht so sehr auf Blockbuster-Ausstellungen von außen zu setzen. Sie möchte die wissenschaftliche Qualität fördern und jüngere KuratorInnen zum Zuge kommen lassen. Ihr Rezept für eine erfolgreiche Ausstellung:

„Für einen erfolgreichen Museumsbesuch braucht es von allem ein bisschen: den Aha-Effekt und den Wiedererkennungswert, der Sicherheit gibt. Wenn es gelingt, diese Mischung zu generieren, dann hat man eine fantastische Ausstellung.“

Aufschlussreich war neben den inhaltlichen Vorstellungen auch die Antwort auf folgende Frage der FR:

„Zu Ihrer Bestellung hat die Hälfte der befragten Museumsdirektoren gesagt: „Tut mir leid, ich kann dazu nichts sagen. Ich kenne Sabine Haag nicht.“

Frau Haag meinte dazu:

„Ich nehme das zur Kenntnis. Da geht es offensichtlich um Hierarchien. Viele der Museumsdirektoren, die sagen, sie kennen mich nicht, waren sehr wohl bei meinen Ausstellungseröffnungen. Es zeigt mir einfach, in welchen Bahnen da gedacht wird.“

*Das KHM Wien umfasst u.a. die Gemäldegalerie, die Antikensammlung, die Wagenburg und das Monturdepot, das Museum für Völkerkunde, das Münzkabinett und die Kunstkammer.

Natur und Kultur verbinden

Geschrieben von am 19. Juli 2008 13:36

In der Standortdebatte für das Musem der Weltkulturen in Frankfurt steht eine weitere Alternative zur Diskussion: der Campus Bockenheim. Da die Universität in absehbarer Zeit in das Campus Westend zieht, werden Gelände frei. So auch eines direkt neben dem Senckenberg-Museum. Sehr gut können sich das der Universitätspräsident Steinberg, der den Vorschlag vorbrachte und der Stadtplaner Jourdan, der die Verknüpfung von Natur und Kultur letztes Jahr anregte, vorstellen. Der Frankfurter Magistrat als politischer Entscheidungsträger ist freilich schon im Sommerurlaub.
Hier steht etwas dazu in Faz-net.

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