Menschliche Überreste können bestattet werden

Geschrieben von am 7. Juli 2009 15:13

„Der Kopf bleibt hier“, so titelte FAZ.NET 2007 einen kurzen Artikel über die mumifizierten Köpfe der Maori, die sich in französischen Museen befinden. Das Musée du quai Branly stellt die Schädel auf eine Ebene mit ägyptischen Mumien – so sei es nach Ansicht des Museums legitim, die menschlichen Überreste, die v.a. im 19. Jahrhundert nach Frankreich kamen, zu behalten. Freilich werden die Köpfe in keinem französischem Museum mehr ausgestellt; eine Diskussion wurde 2007 entfacht, als ein Museum in Rouen einen Kopf zurückgeben wollte, die damalige Kulturministerin das aber verhinderte.

Nun sollten sich das MqB und andere Museen darauf einstellen, dass die Köpfe nicht mehr lange in den Depots sind: Ende Juni hat französische Nationalversammlung einstimmig einen Gesetzentwurf verabschiedet, in dem beschlossen wird, die Köpfe aus allen französischen Sammlungen zurückzugeben, um sie in Neuseeland zu bestatten. Auf diese Weise kommt der französische Staat langjährigen Rückgabeforderungen der Maori endlich nach.

Die öffentliche Sitzung bot auch Gelegenheit für den Kulturminister Mitterand, ein Statement abzugeben: „Man baut Kultur nicht auf Handel oder Verbrechen auf. Man schafft Kultur durch Respekt und Austausch.“
Nachlesen kann man das alles in Le Monde. Hier kann man auch lesen, dass im Gesetzentwurf eine bereits bestehende Kommission wiederbelebt werden soll, die den Bestand der musealen Sammlungen genauestens überprüft. Museumskustoden und Wissenschaftlerinnen befürchten, dass damit Tür und Tor für Begehrlichkeiten geöffnet werden und die Unantastbarkeit der Sammlung bedroht ist.
Die Rückgabe von menschlichen Überresten war auch Gegenstand einer Tagung in Paris im Februar 2008 – mehr darüber hier im Museumsblog.

Jüdische Sportlerinnen in der NS-Zeit

Geschrieben von am 6. Juli 2009 12:54

In Berlin finden demnächst die Leichtathletik-Weltmeisterschaften statt. Wie es mittlerweile zu sportlichen Großereignissen gehört, sind darüber hinaus zahlreiche (kulturelle) Events geplant. Dafür stehen 2 Millionen Euro bereit – selbstverständlich können damit nicht alle Projekte unterstützt werden. Auch das Ausstellungsprojekt über jüdische Sportlerinnen, das im Arbeitsbereich Zeitgeschichte des Sports an der Universität Potsdam entstand, erhielt anscheinend keine finanzielle Unterstützung – vielleicht weil es nur zu deutlich macht, dass es den unpolitischen Sport nicht gibt?

Finanziert hat schließlich die Ausstellung die Alfried Krupp von Bohlen Halbach-Stiftung. Nun ist Vergessene Rekorde. Jüdische Leichtathletinnen vor und nach 1933, im Centrum Judaicum in Berlin zu sehen und auch im offiziellen Kulturprogramm der WM aufgenommen.

Anhand der Biographie dreier jüdischer Sportlerinnen – Gretel Bergmann, Lilli Henoch, Martha Jacob -, die in den 1930er Jahren sehr erfolgreich waren, wird gezeigt, wie die Ausgrenzung jüdischer Athleten in den Sport-Vereinen auf allen Ebenen durchgesetzt wurde. So wurde für die Olympiade 1936 in Berlin die Hochspringerin Gretel Bergmann aus dem Exil zurückbeordert, für Olympia nominiert, dann wieder ausgeladen – aufgrund ungenügender Leistungen, wie es hieß – dabei war sie die deutsche Rekordhalterin gewesen! Lili Henoch überlebt das Nazi-Regime nicht – sie wird in einem Lager ermordet.

In Deutschlandradio Kultur erzählen Hans Joachim Treichler und Jutta Braun von der Genese der Ausstellung und auch darüber, wie wenig die Vereine ihre eigene Vergangenheit reflektieren. Die ZEIT von der letzten Woche widmet sich dem Leben von Gretel Bergmann.
Die Taz berichtete im Vorfeld über die Ausstellung, hier der taz-artikel als Pdf.

Die Publikation zur Ausstellung: Bahro, Berno, Jutta Braun, Hans Joachim Teichler (Hg.): Vergessene Rekorde – jüdische Athletinnen vor und nach 1933, Berlin 2009. (16,90€)
Die Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert.

Poker um die nationale Geschichte

Geschrieben von am 3. Juli 2009 16:46

Frankreich bekommt ein Geschichtsmuseum – diesen Plan hat Staatspräsident Sarkozy ja schon im Januar angekündigt (hier im Museumsblog). Jean Pierre Rioux war dann beauftragt worden, Standorte vorzuschlagen. Es soll etwas Prestigeträchtiges sein, denn es geht nicht nur um ein Museum für die französische Geschichte, sondern es soll ja auch das Museum von Herrn Sarkozy werden.

Der Bericht des Herrn Rioux wurde nie publiziert. Le Monde macht dennoch einiges öffentlich: Fünf Standorte werden hier favorisiert: Das Hôtel des Invalides, der Grand Palais, der Palais de Chaillot, das Schloss von Fontainebleau und das Schloss von Vincennes. Freilich, nicht alle diese Gebäude haben Platz: In Invalides teilt sich das Armeemuseum mit verschiedenen anderen Institutionen den engen Raum; im Palais de Chaillot befinden sich u.a. das Musée de l’Homme und das Marine-Museum.

Versailles ist anscheinend ganz aus dem Rennen – hier hatte sich der umtriebige Direktor Jean-Jacques Aillagon um ein nationales Geschichtsmuseum bemüht. Ebenso ist nichts mehr vom Musée de l’Histoire de France im Nationalarchiv in Paris zu hören.

Vor allem drei Orte stehen wohl in der engeren Auswahl: Invalides, Vincennes und Fontainebleau. Die beiden ersten Orte haben den Nachteil, dass hier das Verteidigungsministerium der Hausherr ist; das neue Museum wird aber in den Zuständigkeitsbereich des Kulturministeriums fallen – man befürchtet Konflikte. Fontainebleau hat den Vorteil, bereits zum Kulturministerium zu gehören; allerdings ist das Schloss etwa 60 km von Paris entfernt. Der neue Kulturminister Mitterrand bevorzugt anscheinend diesen Standort.

Was er oder andere wollen, ist aber in diesem Falle nicht so wichtig: der eigentliche Hausherr, der sich hiermit ein Denkmal setzen möchte, wird entscheiden. Irgendwann demnächst. Wie das alles geht, hat ja sein Vorgänger (und andere) vorgemacht – Geld von anderen kulturellen Projekten abziehen, möglichst viele Personen anheuern, sich Objekte aus anderen Sammlungen beschaffen… Und wird Jean Nouvel wieder den Neubau bauen dürfen?

Arbeit im Museum

Geschrieben von am 1. Juli 2009 20:42

Seit letzter Woche ist im Deutschen Hygiene Museum Dresden die vielversprechend klingende Ausstellung Arbeit. Sinn und Sorge zu sehen. Kuratiert wurde die Ausstellung von der Praxis für Ausstellung und Theorie in Berlin, die Szenographie ist von chezweitz & roseapple.
Wer so wie ich noch keine Zeit hatte, die Ausstellung anzuschauen, kann sich ja schon einmal mit der Internetseite der Ausstellung vergnügen – etwa die Timeline der Ausstellungsentwicklung ansehen oder mit anderen über Fragen wie „Was ist Arbeit? Was ist Freizeit?“ diskutieren.

Neuer Kulturminister in Frankreich

Geschrieben von am 24. Juni 2009 09:02

Nun ist es offiziell: es gibt (wieder einmal) einen neuen Kulturminister in Frankreich. Den Namen kann man sich dieses Mal gut merken – es ist Frédéric Mitterrand, der Neffe des ehemaligen Staatspräsidenten François Mitterrand. Der neuen Kulturminister ist Autor, war schon Schauspieler, Kino-Besitzer und vor allem hat er beim Fernsehen als Programmdirektor und Moderator gearbeitet. Zuletzt hat er die die französische Akademie in der Villa Médicis in Rom geleitet. Kino ist wohl seine Leidenschaft – ob es die Museen auch werden können?

Hier steht etwas über den neuen Kulturminister in der Libération und hier in der Süddeutschen Zeitung.

Kunst in der Toskana

Geschrieben von am 18. Juni 2009 12:35

Man muss sich schon Zeit nehmen, möchte man alle Installationen sehen, die auf dem Gelände von 16 Hektar ausgestellt sind: Il Giardino di Daniel Spoerri beherbergt seit 1997 Skulpturen und Installationen von über 40 KünstlerInnen; darunter viele Arbeiten von Hausherr Daniel Spoerri selbst.

Wir besuchten den Park an einem heißen Sommertag. Als Besucherin wird man mit einem Plan ausgestattet, der einen Rundgang empfiehlt. Am spannendsten ist es aber, sich einfach überraschen zu lassen. Da biegt man zum Beispiel um’s Eck und sieht im Gebüsch das Pariser Hotelzimmer, das Spoerri in den 1960er Jahren bewohnte – nun für ewig in Bronze gegossen.

Manche Skulpturen passen sich der hügeligen Landschaft und den Farben an; andere machen einen schon von weitem neugierig – wie die überdimensionierte Gänseherde von Olivier Estoppey.
So verbringt man einen Tag voller Überraschungen und ungewöhnlichen Kunsterlebnissen – ein Ausflug, der sich auf alle Fälle lohnt.

Wer nicht so weit fahren möchte, kann Spoerri auch in Österreich erleben: In Hadersorf in Niederösterreich eröffnet Spoerri morgen in einem ehemaligen Kloster ein Ausstellungshaus und ein Esslokal – kein Museum, wie Spoerri betont.

Die Frankfurter Rundschau sprach mit Spoerri in einem Interview über sein Vorhaben. Auch das ORF berichtete vorab sowie der Tagesspiegel.

Kommt hier zusammen, was zusammengehört?

Geschrieben von am 10. Juni 2009 11:39

In Wien gibt es Neues zu vermelden: das Museum für Völkerkunde und das Museum für Volkskunde fusionieren. Laut Wiener Standard vom 6. Mai wird „die Zusammenlegung der beiden Museen“ immer wahrscheinlicher. Geredet wurde ja schon lange darüber und hinter den Kulissen agierten die Beteiligten. Nun soll eine Museumsreform Klarheit bringen.

Zum Vorschlag der Zusammenlegung der beiden Museen war es u.a. gekommen, als sich abzeichnete, dass das Museum für Volkskunde die Sanierung für den wunderbaren Schönbornpalast in der Laudongasse alleine nicht leisten kann und die Stadt dafür nicht aufkommen möchte…
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Zu Besuch beim Fabrikanten

Geschrieben von am 9. Juni 2009 09:25

Im schwäbischen Städtchen Murrhardt, verbrachte der Fabrikant Robert Franck die Sommermonate. Dafür ließ er nicht ein bescheidenes Ferienhaus errichten, sondern ein repräsentatives Anwesen mit einer imposanten Jugendstilvilla, in die man schon mal seine Angestellten des weltweit verzweigten Imperiums oder Geschäftspartner einladen konnte. Heute erstrahlt die Villa Franck fast wieder im alten Glanz. Das geht auf die Initiative der neuen Besitzer zurück, die seit 2001 zum Teil mit Hilfe der Denkmalstiftung Villa und Anwesen restaurieren.

Die Villa ließ der Fabrikant zwischen 1904-1907 vom Stuttgarter Architektenbüro Paul Schmohl & Georg Staehelin errichten. 1939 wurde das Anwesen verkauft. Die nachfolgenden Nutzer veränderten nur minimal die Innenausstattung, so dass das Jugendstilambiente nahezu komplett erhalten blieb.

Das Produkt, womit der Reichtum der Familie verdient wurde, kennen wir alle und wenn nicht, könnte man nach einer intensiven Betrachtung der verschiedenen dekorativen Elemente im Park oder der Innenausstattung darauf kommen: Der Name Franck steht für den so genannten Mocca faux, dem Muckefuck, eine Mischung aus Zicchorien, Roggen und Gerste. Einer der Markennamen war das Karo, das als Verzierung überall wieder auftaucht. So kann man im Esszimmer der Villa sich so richtig vorstellen, was der Auftraggeber seinen Architekten mit auf den Weg gab: die Innenausstattung soll schon modisch sein – also im Jugendstil – aber das Karo und der Kaffee sollen auch vorkommen. So ziert die Decke im Esszimmer viele Karos; kleine Kaffeebohnen sind in Intarsien eingelassen.

Auf diese Feinheiten weist einen der Hausherr Patrick Siben selbst hin, denn die Villa ist in Privatbesitz und nur für Konzerte und Themenveranstaltungen geöffnet. Führungen in der Villa können vereinbart werden oder man kommt einfach, am ersten Samstag im Monat zu einer kostenlosen öffentlichen Führung, die der Hausherr selbst macht. Selten habe ich so eine informative, kluge und zugleich lustige, aber nie launig gehalte Führung erlebt, bei der man viele Einblicke in die Baugeschichte und Nutzung des Gebäudes und des Gartens bekam.

Auf der Internetseite der Villa Franck erhält man viele Hinweise, wie man das Jugenstilensemble noch erleben kann – etwa im Rahmen von musikalischen Abenden oder privaten Feiern.

Mehr über die Landkaffee Manufaktur Franck erfährt man auf der Seite von Kaffeetradition e.V. Das Archiv des Franck’schen Firmenimperiums liegt im Staatsarchiv in Ludwigsburg.

Die Bilder stammen alle von der Internetseite der Villa Franck.

Figurinen im Museum X

Geschrieben von am 3. Juni 2009 11:53

Fast meint man, sie stehen von ganz alleine, die vielen Harnische im Wien Museum, dem historischen und stadtgeschichtlichen Museum von Wien. Die Rüstungen stammen aus dem Bürgerlichen Zeughaus von Wien, dessen Bestand einst den Grundstock des Wien Museums bildete.

Ein neuer Direktor

Geschrieben von am 29. Mai 2009 10:39

Schon seit Anfang Februar 2009 hat das Musée d’Ethnographie Genf einen neuen Direktor: Boris Wastiau. Wastiau ist ein Ethnologe aus Belgien, der in Belgien und England studiert hat. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Museen, u.a. Konservator am ethnolgischen Museum in Tervuren. Seit 2007 ist er im MEG für die Abteilung Afrika und Amerika zuständig. Seine Hauptaufgabe wird nun sein, den Umbau des Museums und die Neukonzeption voranzutreiben. Ob uns nun auch so ein innovatives Konzept erwartet, wie es bei Jacques Hainard, dem vorigen Dirketor zu erwarten gewesen wäre, werden wir natürlich weiterverfolgen. Wastiau spricht im Statement des Direktors von einer Metamorphose, die dem Museum bevorsteht. Hainard taucht im putzigen Personenkarussel auf der Internesteite übrigens als Berater auf.

Hier auf dieser Seite kann man einen Vortrag von Boris Wastiau über die Himmelheber-Sammlung im Genfer Museum auf englisch anhören.
Hier noch ein lesenswertes Interview mit Hainard in swissinfo.ch von 2007.

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