Mitmachen oder partizipieren?

Geschrieben von am 20. Juli 2010 09:15

Vor über drei Jahren hatte das Ecomusée Ungersheim im Elsass gewaltige Probleme (hier im Blog.)

Damals wurde über die Schließung des (selbstfinanzierten) Museums diskutiert, da die Region keine Subventionen leisten, sondern das Geld lieber in den neuen Freizeitpark Bioscope stecken wollte. Damals war die Zukunft des Museums alles andere als klar – Zeit, mal wieder nachzuschauen, was eigentlich daraus geworden ist. Bislang allerdings nur aus der Ferne.

Das Museum gibt es noch und ist erfolgreicher denn je, wenn man die Besucherzahlen betrachtet: 2009 hat es 163.000 Besucherinnen empfangen.

Nachlesen konnte ich Details über den Auftakt der Saison 2010. Mit der
Compagnie des Alpes, die das Museum und den Freizeitpark Bioscope über 3 Jahre gemeinsam betrieb, verbindet das Museum so gut wie nichts mehr; die Gesellschaft betreibt über eine Tochtergesellschaft nur noch Boutique, Hotel und Restaurant im Museum.

Ein neuer Direktor, Pascal Schmitt, leitet nun die Geschicke des Museums. Sein Rezept, das so erfolgreich ist, setzt auf ganzheitliches Erleben.
Das Motto des Museums heisst: “Tant d’histoires à raconter”. Der Slogan wurde auch für die deutschen und schweizerischen BesucherInnen eingedeutscht: “So viel zu erleben”.

“Im Écomusée d’Alsace sind Sie mehr als
nur ein Zuschauer! Kinder und Erwachsene
nehmen sich die Freiheit und
erkunden Dorf und Landschaft auf
eigenen Wegen. Entdecken Sie Geschichte
und Geschichten, vielleicht sogar
auch ein Teil Ihrer eigenen Geschichte…”

Konsultiert man die Presse-Broschüre, die man sich auf der Seite des Museums herunterladen kann, so boomt der Nostalgie-Freizeitpark à l’alsacien: im typisch elsässichen Dorf, das das Frelichtmuseum nachbilden soll, gibt es allerlei Aktivitäten, die insbesondere Jahreszeiten und Festtage berücksichtigt. Im Juli können Kinder und Jugendliche das ländliche Leben gar selbst ausprobieren, und nach dem Wecken durch den Hahn den Tag mit landwirtschaftlichen Tätigkeiten erleben. Im Blog des Museums sieht man dann auch Mädchen, die in Tracht Hasen füttern.

“Bewohnerinnen” gibt es anscheinend sowieso: die Besucherbetreuung in Form von verkleideten Schaustellern, die den Töpfer oder den Schmied mimen. Hinzukommen, glaubt man den oben erwähnten Artikel, gleich zwei Familien, die im Sommer am Sonntag zwei Häuser bespielen, was natürlich sehr an die Anfänge des Freilichtmuseums Skansen erinnert.

Freuen können wir uns jetzt auch schon auf Weihnachten:
“So richtig authentisch und schön wird Weihnachten erst im Écomusée d’Alsace” heisst es in der Gebrauchsanweisung im Internet. Hier würde mich natürlich interessieren, wie authentisch definiert wird!

Auch die gerade laufende Wechselausstellung mit dem Titel “Stoffe und Leute”, deren Inhalt ich in einem PDF nachvollziehen kann, vermittelt nicht den Eindruck einer sozialgeschichtlichen, analytischen Betrachtungsweise.

“Die ganze Kommune bildet ein lebendiges Museum, dessen Publikum sich im Innern befindet. Ein Ecomusée hat keine Besucher, sondern Bewohner”, so hatte 1972 Hugues de Varine, der Erfinder der Bezeichnung Écomusee, das Vorhaben für das Ecomusée le Creusot umschrieben.

Was in Ungersheim umgesetzt wird, hat aber meines Erachtens nichts damit zu tun, d.h. mit der Vorstellung von Partizipation der Bevölkerung an der Entstehung eines Museums (ein Gedanke, der gerade wieder Konjunktur hat), wenig zu tun. Oder täusche ich mich da?

Die Badische Zeitung berichtete im März 2010 über einen Besuch im ecomusée. Die Zeitung DNA Region berichtete auch über den Saisonstart.

Ob der Ziegenbock in Ungersheim noch zugange ist, ist eher ungewiss: er wurde bereits Mitte der 1990er Jahre von U. Hägele fotografiert.

Die Macht des Rund – Große Landesausstellung zum Fußball in Stuttgart

Geschrieben von am 23. April 2010 00:49

Gefühle, wo man schwer beschreiben kann“ – mit diesem Un-Satz betitelte das renommierte Haus der Geschichte Baden-Württemberg ihre aktuelle Ausstellung in Stuttgart, die begleitend zur Fußball-WM dem Mythos „Fußball im Südwesten“ ein Denkmal setzen könnte. Denn frei nach dem bekannten Slogan „Wir können alles – außer Hochdeutsch“ geht man offensiv mit dem Zitat – so protokolliert nach dem Sieg der EM 1996 – des Ausnahmestürmers und späteren Bundestrainers Jürgen Klinsmann um und versammelt zahlreiche Objekte, Namen und Geschichten um das runde Leder in einer großen Landesausstellung bis zum 11. Juli im Kunstgebäude am Stuttgarter Schlossplatz.

Ich hatte das Glück, an den Eröffnungstagen Ende März noch einen eher beschaulichen Zuschauerstrom mitzuerleben, aber beeindruckend war schon da, welche Gefühle und Geschichten die Ausstellung bei den Besuchern freizusetzen scheint. Tatsächlich handelt es sich hier um eine dramaturgisch durchdachte Schau, der es gelingt, sowohl das Thema passend zu inszenieren, verschiedenste Besuchergruppen zu involvieren und gleichzeitig ein spannendes und reflektiertes Begleitprogramm anzubieten.

Schon gleich im Entree („Der Auftakt“) wird der Besucher durch eine große Videoprojektion in das Thema katapultiert: überbordende Gefühle im Stadion, temporeiches Spiel und männliche Aggressivität schieben uns in den nächsten, ruhigeren Raum, den Kuppelsaal. Dort wird nur ein einziges Exponat gezeigt, inszeniert wie eine königliche Krone oder ein heiliger Fetisch: der goldene FIFA-Pokal (der einzige von zehn in Privatbesitz). Der rote Teppich und die Fotocollagen an den Wänden (Szenen mit baden-württembergischen Fußball-Helden) verwandeln den Raum in eine „Kathedrale des Fußballs“ und offenbaren ihn als moderne Ersatz-Religion, die den einzelnen in ritualisierte Handlungen und emotionale Gemeinschaftserlebnisse einbindet.

Im anschließenden „Vereinsheim“ wird´s gemütlicher, hier kann man sich mit kleinen Speisen und Getränken stärken, genüsslich beisammen sitzen und die zahlreichen Vereins-Wimpel und -Fotografien “aus’m Ländle“ studieren. Hier erhält der Volkssport seine populäre und historische Verankerung, während man sich im nächsten Raum, dem grün unterlegten Aktionsbereich selbst spielerisch betätigen kann: entweder „in echt“ im „Soccer-Court“ (Außenbereich), am Tisch (Tischkicker oder Tipp-Kick) oder am Monitor zur Sportreportage. Dabei zeigt sich schnell, dass hier – beim Bemalen der Tipp-Kick-Figuren oder bei der Suche nach einem Kick-Partner – das Sozialverhalten geschlechts-, generations- und länderübergreifend am besten funktioniert.

Manch einer schafft es dann vor lauter Schwelgen in nostalgischen Erinnerungen gar nicht mehr bis in den größten Ausstellungsraum, in dem mittels einer riesigen Rundvitrine und zahlreichen Einzelvitrinen viele Objekte, Filme und O-Töne die Geschichte des Fußballs im Südwesten erzählen. Hier lebt der Mythos auf, hier wird die von Klinsmann 1997 getretene Werbetonne zur Ikone – oder bleibt eine Werbetonne mit Loch, je nach Standpunkt. Schlussendlich hängt es vom „Glauben“ des Besuchers ab, ob er mit Aahs oder Oohs durch die Ausstellung schlendert oder ob er sich nüchtern-distanziert betrachtet, wie durch diesen Sport regionale Identität, politische Geschichte oder einfach nur eine Menge Geld geschaffen wird.



Alles neu

Geschrieben von am 13. November 2009 16:02

Das Ashmolean Museum in Oxford hat mir beim Besuch so gefallen, weil es so anrührend verstaubt wirkte.

Inzwischen wurde das Museum umgebaut und ist seit dem 7. November wieder neu eröffnet, ergänzt um ein neues Gebäude von Architekt Rick Mather. Alles wurde komplett umstrukturiert, die Ausstellungsfläche um 100% vergrößert, wie es auf der Internetseite heisst: 39 Galerien in 5 Abteilungen, das klingt nach einem längeren Museumsbesuch. Auch wird die Sammlung nicht mehr klasssisch nach Sparten gezeigt, sondern nach dem Prinzip Crossing Cultures Crossing Time. Wir zitieren von der Internetseite:

“Crossing Cultures Crossing Time (CCCT) is an approach based on the idea that civilisations that have shaped our modern societies developed as part of an interrelated world culture, rather than in isolation. It assumes, too, that every object has a story to tell, but these stories can best be uncovered by making appropriate comparisons and connections, tracing the journey of ideas and influences through the centuries and across continents.”

Alles ist um die wichtige Frage zentriert:
“What, in short, should a modern museum be like?”

Da kann man also gespannt sein, wie Zeiten und Kulturen miteinander verknüpft werden, wie Objekte neu zu Geltung kommen – vor allem auch vor dem Hintergrund, dass das Ashmoelan als eines der ältesten Museen der Welt immer auch einen Vorbildcharakter hatte.
Vorbildlich finde ich schon einmal, dass auf der Internetseite auch offengelegt wird, was das alles gekostet hat: 61 Millionen Pfund, getragen vom Heritage Lottery Fund.
Ich frage mich natürlich auch ganz persönlich, ob das schöne Sitzmöbel vom letzten Besuch noch zu finden ist.

Die Sammlung in Szene setzen

Geschrieben von am 5. November 2009 09:47

Besucht man das Musée d’Ethnographie in Neuchâtel, dann weiss man, dass man sozusagen eine sichere Bank betritt (als diese noch sicher waren): Gute Ausstellungen sind hier garantiert.
Das betrifft nicht nur die hier schon vorgestellte Ausstellung Helvetia-Park, sondern auch die Präsentation der ständigen Sammlungen. Retour d’Angola, die seit Dezember 2007 laufende Ausstellung, ist allein deswegen sehenswert, da sie sich mit einer zentralen Frage in ethnographischen Museen auseinandersetzt: wie gehen wir mit unserer Sammlung um?

Die Ausstellung würdigt Théodore Delachaux (1879-1949), Schweizer Künstler und Sammler, zwischen 1921 und 1945 Konservator und Forscher am MEN. Delachaux organisierte und begleitete zwischen 1932 und 1933 die Forschungsreise nach Angola, um Objekte für das Museum zu sammeln.
Die Ausstellung möchte aber noch mehr: sie nimmt die ethnographischen Methoden der Zeit unter die Lupe, das Forschen, das Sammeln, verfolgt den Weg, wie Gegenstände zu Museumsobjekte werden und was mit Objekten im Museum passiert – in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Die Ausstellung thematisiert das in vier Stationen: Vorbedingungen, Aufbruch, das Terrain und das Zurückkommen und der Umgang mit den Objekten.

Im ersten Raum “Das Entstehen des Blickes”, von dem auch das Bild (vom MEN) stammt, geht es um Delachaux und seine vielfältigen Talente als Maler und Zeichner – etwa von Plankton schon – mit 10 Jahren schon publizierte Delachaux ein erstes Buch mit seinen naturwissenschaftlichen Zeichnungen. Die Karriere als Maler und Kunstlehrer, gleichzeitig als Konservator am Museum wird thematisiert. Fast in Gänze gezeigt wird seine Spielzeug-Sammlung, die er schon als Kind anlegte. Die Präsentation ist sehr interessant: auf den ersten Blick wirkt der Raum wie eine anheimelnde Wunderkammer, eine Gelehrten-Stube. Doch die Vitrineninstallation hat so gar nichts Anheimelndes, sondern etwas Seziererisches und verweist auch schon auf die Perspektive des Forschers. Delachaux hatte auch klare museologisch Vorstellungen: zwei Vitrinen wurden nach seinen Vorgaben rekonstruiert.
Im Raum “Im Abschiedsfieber” wird mächtig inszeniert: Listen von Delachaux mit Gegenständen, die mitgenommen werden müssen, Briefwechsel und Notizen sind übergroß auf Fahnen appliziert. Damit soll das Programm der Expedition nach Angola nachvollzogen werden. Im Mittelpunkt stand hier vor allem: Lücken füllen.
Im nächsten Raum ist man schon vor Ort – Im Terrain. Das Terrain wird vor allem mit Fotografien inszeniert. Delachaux setzte schon sehr früh auf die Fotografie. In Angola fertigte er und sein Kollegen Thiébaud über 2500 Fotos an, die nun auf zwei Ebenen gezeigt werden – auf einer eher künstlerischen und auf der dokumentarischen.
Im letzten Raum “Das große Auspacken” sind wir wieder zurück im Museum und schauen uns sozusagen an, was wir alles mitgebracht haben. Das beginnt mit dem Schock: wie und wo bringt man überhaupt die über 3500 gesammelten Objekte unter? Vor allem geht es darum, wie die mitgebrachten Objekte eingeordnet, beschrieben, restauriert und klassifiziert werden – damals wie heute. Eine Installation im Raum widmet sich den Meisterwerken – denen, die bereits vom Kunstmarkt akkzeptiert sind und hohe Preise erzielen (könnten) und denen, die möglicherweise noch Wertsteigerungen erfahren werden.

Die Ausstellung endet mit Fragen – die symptomatisch für viele Sammlungen stehen können – wie: Sind jetzt die Lücken im Museum wirklich gefüllt? Haben die Objekten noch eine Verbindung zu den Ursprungs-Populationen? Sollen wir sie wieder zurückgeben? Wie wird sich der Marktwert entwickeln und was hat das mit dem Museum zu tun?
Im Zentrum steht eine Antwort, die Delachaux häufig in Angola hörte: Das kann ich nicht verkaufen, das gehört mir nicht – quasi die Quintessenz für museale Sammlungen. Die letzte Frage lautet deshalb konsequenterweise: Rückkehr nach Angola?

Es ist eine sehr sympathische Ausstellung, weil sie sich ganz unaufgeregt mit zentralen Fragen im Museum beschäftigt und zugleich sehr beispielhaft argumentiert. Die Ausstellung ist abwechslungsreich inszeniert, ohne überinszeniert zu wirken.

Die Ausstellung begleitet eine Broschüre der Reihe Texpo, ein Begleitbuch wird demnächst erscheinen.

Kluger Spass im Museum

Geschrieben von am 29. Oktober 2009 17:34

Helvetia Park heisst die Ausstellung, die zur Zeit im Musée d’Ethnographie in Neuchâtel zu sehen ist. Zu sehen ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, denn die Ausstellung ist im schönsten Sinne des Wortes interaktiv. Bei der Kasse erhält die Besucherin einen kleinen Stapel Münzen, die sinnigerweise Heidi heissen. Mit den Heidis ausgerüstet, begibt man sich in die Museumsräume und sieht sich als erstes einer Schießbude, einem Karussell und einem Autoscooter (ich kenne das unter dem Namen Boxauto) gegenüber. Helvetia Park ist eigentlich ein Jahrmarkt, mit Karussel, Geisterbahn und Wahrsagerin – aber um sich alles genau ansehen zu können, muss man Geld investieren – schon einmal eine erste Erkenntnis.

Es wäre aber nicht das Musée d’Ethnographie, das uns schon so lange und immer wieder mit außergwöhnlich innovativen Ausstellungen beglückt, sich mit einer massgetreuen Umsetzung eines Jahrmarktes im Museum zufrieden geben würde. Nein, die 11 Stände oder Module dienen natürlich als Metaphern und das bekommt man schnell mit.
Es geht in der Ausstellung um das Verständnis von Kultur in der Schweiz in den unterschiedlichsten Zusammenhängen, darum, wie Kultur funktioniert bzw. nicht funktioniert, um die Verflechtungen von Geld und Kultur, um Verständnis und um Mißverständnisse, um die Beziehung zwischen der sogenannten low und high culture.

Die Stände funktionieren nur auf den ersten Blick ähnlich wie auf dem Jahrmarkt – im Prinzip. Zum Beispiel der Autoscooter: dort möchte man natürlich sofort anfangen, die so hübsch gestylten Autos zu steuern – die kleinen Autos bewegen sich aber nicht so, wie man möchte, auch wenn man am Rand noch so sehr am Rad dreht. Sie drehen sich statt dessen nur autistisch um sich selbst oder in eine bestimmte Richtung. Culture Crash heisst hier das Schlagwort. Dazu möchte ich aus der Presseerklärung des Museums zitieren:

“Als Metapher der ganzen Ausstellung, die für eine dynamische und ständig neu entwickelte Konzeption der verschiedenen interagierenden Felder plädiert, spielt dieser Sektor mit einem Schema des Anthropologen James Clifford, das ganz bestimmte «Auffahrkollisionen», insbesondere zwischen den Welten der Kunst, der Folklore und der Ethnographie, bezeichnet. Aufgrund seines Designs und seiner Fahrweise verkörpert jedes Fahrzeug eine Facette dieses in ständiger Bewegung befindlichen Universums: das Modell «Folklore» ist langsam und schwerfällig, lässt sich aber nicht so leicht von seinem Kurs abbringen, das Modell «Gegenwartskunst» reagiert auf eine Vierteldrehung, ist aber stossempfindlicher, und das Modell «Ethno» bewegt sich ausschliesslich am Pistenrand.”

Nach diesem Prinzip sind die anderen Stände aufgebaut: der Ballwurfstand wird zum Battleground; mit Bällen kann man auf Sündenböcke zielen. Im Karussel fährt man eine Eternal Tour – und begegnet den mehr oder weniger traditionellen Festen in der Schweiz bzw. den Invention of Traditions.

Der Schießstand heisst hier Telldorado – es geht um die feinen Unterschiede und um Geschmack, herunter dekliniert anhand von den immer gleichen Gegenständen, die aber, genauer hingeschaut, doch sehr große Unterschiede aufweisen.

Im Abnormitätenkabinett trifft man in erster Linie auf merkwürdige Museumsobjekte; der Bogen spannt sich von einem Fetisch aus der Elfenbeinküste bis hin zum Hundespielzeug aus der Schweiz.
Wenn man schließlich noch bei der Wahrsagerin vorbeigeschaut hat, bei Madame Helvetia, die einen mit dem sogenannten Expertenwissen aller Couleur überhäuft, möchte man am liebsten nochmals eine Runde drehen – wenn das Heidi money nicht schon alle wäre.

Eine kluge Ausstellung, die aber nicht moralisch wird, sondern immer mit einem Augenzwinkern agiert. Eine Ausstellung, die wirklich Spaß macht, die einen teilweise Überwindung kostet – die Geisterbahn mochte ich noch nie, und auch diese hier hat es in sich. Eine Ausstellung, die mit der Entdeckerfreude der Besucherin spielt und die Erwartungen einfach hinterläuft – die aber immer etwas mit auf den Weg gibt. Eine Ausstellung, die man sich auf gar keinen Fall entgehen lassen sollte!

An Gelegenheiten wird es nicht mangeln: Helevtia-Park ist als dreisprachige Wanderausstellung konzipiert: Bis Mitte Mai ist sie in Neuchâtel zu sehen, danach geht die Ausstellung in der Schweiz auf die Tour. Nächster Ausstellungsort ist dann ab 18. Juni 2010 das Völkerkundemuseum in St. Gallen.

Die Ausstellung entstand im Rahmen des Programms Ménage – culture et politique à table” der Schweizer Stiftung Pro Helvetia – auch diese Seite lohnt sich anzuschauen – einfach sehr gut und unterhaltsam gemacht. Hier kann man sich auch Presseunterlagen zur Ausstellung herunterladen.

Die schönen Fotos in diesem Beitrag stammen vom Museum.
Einen Ausstellungskatalog gibt es noch nicht, dafür das Heft aus der Reihe Texpo, das einen mit schönen Texten und Bildern auch noch zu Hause erfreut.

Menschliche Überreste können bestattet werden

Geschrieben von am 7. Juli 2009 15:13

“Der Kopf bleibt hier”, so titelte FAZ.NET 2007 einen kurzen Artikel über die mumifizierten Köpfe der Maori, die sich in französischen Museen befinden. Das Musée du quai Branly stellt die Schädel auf eine Ebene mit ägyptischen Mumien – so sei es nach Ansicht des Museums legitim, die menschlichen Überreste, die v.a. im 19. Jahrhundert nach Frankreich kamen, zu behalten. Freilich werden die Köpfe in keinem französischem Museum mehr ausgestellt; eine Diskussion wurde 2007 entfacht, als ein Museum in Rouen einen Kopf zurückgeben wollte, die damalige Kulturministerin das aber verhinderte.

Nun sollten sich das MqB und andere Museen darauf einstellen, dass die Köpfe nicht mehr lange in den Depots sind: Ende Juni hat französische Nationalversammlung einstimmig einen Gesetzentwurf verabschiedet, in dem beschlossen wird, die Köpfe aus allen französischen Sammlungen zurückzugeben, um sie in Neuseeland zu bestatten. Auf diese Weise kommt der französische Staat langjährigen Rückgabeforderungen der Maori endlich nach.

Die öffentliche Sitzung bot auch Gelegenheit für den Kulturminister Mitterand, ein Statement abzugeben: “Man baut Kultur nicht auf Handel oder Verbrechen auf. Man schafft Kultur durch Respekt und Austausch.”
Nachlesen kann man das alles in Le Monde. Hier kann man auch lesen, dass im Gesetzentwurf eine bereits bestehende Kommission wiederbelebt werden soll, die den Bestand der musealen Sammlungen genauestens überprüft. Museumskustoden und Wissenschaftlerinnen befürchten, dass damit Tür und Tor für Begehrlichkeiten geöffnet werden und die Unantastbarkeit der Sammlung bedroht ist.
Die Rückgabe von menschlichen Überresten war auch Gegenstand einer Tagung in Paris im Februar 2008 – mehr darüber hier im Museumsblog.

"Ich fände eine Zusammenführung herabsetzend"

Geschrieben von am 12. Juni 2009 15:00

so meinte laut dem untenstehenden Beitrag ein Kollege…

Gegenbeispiel (eines unter vielen man denke nur an Neuchâtel!) die Ausstellung “Rot” die letztes Jahr in Basel zu sehen war.
Hier ein paar Bildbeispiele:

Kommt hier zusammen, was zusammengehört?

Geschrieben von am 10. Juni 2009 11:39

In Wien gibt es Neues zu vermelden: das Museum für Völkerkunde und das Museum für Volkskunde fusionieren. Laut Wiener Standard vom 6. Mai wird “die Zusammenlegung der beiden Museen” immer wahrscheinlicher. Geredet wurde ja schon lange darüber und hinter den Kulissen agierten die Beteiligten. Nun soll eine Museumsreform Klarheit bringen.

Zum Vorschlag der Zusammenlegung der beiden Museen war es u.a. gekommen, als sich abzeichnete, dass das Museum für Volkskunde die Sanierung für den wunderbaren Schönbornpalast in der Laudongasse alleine nicht leisten kann und die Stadt dafür nicht aufkommen möchte…
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Who Needs a Museum of World Cultures When There Is Cable-TV?

Geschrieben von am 5. Juni 2009 10:27

Provokante Frage im gut gemachten Prospekt des Weltkulturmuseums (Väldskultur museet) in Göteborg. Das Museum ist Teil eines nationalen Netzwerkes von vier schwedischen Institutionen: dem Etnografska Museet, dem Ostasiatiska Museet und dem Medelhays Museet, alle in Stockholm.

Das Museum der Weltkulturen basiert auf der Vereinigung mehrere alter Sammlungsbestände und sieht sich als Ort der Integration, der Information – aber auch der Provokation. Im Zentrum des vom englischen Architektenteam Cécile Brisac und Edgar Gonzalez 2004 entworfenen und mit einem Preis bedachten Bauwerkes, ist eine monumentale Stiege die auch als Sitzgelegenheit für im Atrium stattfindende Eriegnisse dienen kann. Beton und Glas sollen Transparenz und Offenheit aber auch Solidität versinnbildlichen. All dies klingt gut und so waren unsere Erwartungen gross.
Leider war aber die Realität eher enttäuschend…  Die mächtige Eingangshalle ist menschenleer, die Gerüche der offenen Cafeteria/Self Service sind dagegen voll präsent. Eine kleine Fotoausstellung, halb versteckt, im Erdgeschoss zeigt junge Inderinnen die sich durch den Boxsport ihrer Kondition entziehen wollen.
Eine Ausstellung im ersten Stock ist dem Phänomen “Bollywood” gewidmet. Das ist farbig, amüsant und recht interessant. Man sieht Filmausschnitte und Plakate, erfährt einiges über die ökonomische Bedeutung der Filmwirtschaft, über die Geschichte des indischen Films, den Starkult, die Darstellung der Minderheiten oder den Einfluss auf das Schönheitsideal. Der Besucher wird eingeladen, im Karaokestil mitzusingen und -zutanzen oder mit Hilfe einiger Accessoires seinen eigenen kleinen Bollywoodfilm zu drehen und ihn via Inetrnet direkt an eine email Adresse zu verschicken – leider funktionierten diese elektronischen Gadgets aber – wie so oft – nicht!
Eine weitere Ausstellung widmet sich der “Beutekunst”. Sie zeigt peruanische Textilien die als Leichentücher verwendet wurden und die durch Raubgrabungen und Schmuggel ins Museum – und in andere private sowie öffentliche Sammlungen – gelangt sind. Ein interessanter, selbstkritischer Ansatz aber leider haben auch hier die Bildschirme nicht funktioniert… Warum auch die ihrer Empfindlihkeit wegen in einem abgedunkelten Raum ausgestellten – wunderschön farbenprächtigen – Textilien dann aber auch zum Teil in kniehohen Vitrinen liegen ist eher unverständlich.
2 1/2 Ausstellungen in dem weitläufigen Gebäude – das ist ein bisschen ärmlich vor allem in Hinblick auf die Ambitionen die das Museum auf seiner website und in der Broschüre publiziert.
Laut der sympathischen Direktorin sind wir allerdings zu einem schlechten Augenblick gekommen und normalerweise sprühe das Haus vor Leben… 200.000 Besucher pro Jahr lassen dies allerdings ein bisschen bezweifeln.

Ein neuer Direktor

Geschrieben von am 29. Mai 2009 10:39

Schon seit Anfang Februar 2009 hat das Musée d’Ethnographie Genf einen neuen Direktor: Boris Wastiau. Wastiau ist ein Ethnologe aus Belgien, der in Belgien und England studiert hat. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Museen, u.a. Konservator am ethnolgischen Museum in Tervuren. Seit 2007 ist er im MEG für die Abteilung Afrika und Amerika zuständig. Seine Hauptaufgabe wird nun sein, den Umbau des Museums und die Neukonzeption voranzutreiben. Ob uns nun auch so ein innovatives Konzept erwartet, wie es bei Jacques Hainard, dem vorigen Dirketor zu erwarten gewesen wäre, werden wir natürlich weiterverfolgen. Wastiau spricht im Statement des Direktors von einer Metamorphose, die dem Museum bevorsteht. Hainard taucht im putzigen Personenkarussel auf der Internesteite übrigens als Berater auf.

Hier auf dieser Seite kann man einen Vortrag von Boris Wastiau über die Himmelheber-Sammlung im Genfer Museum auf englisch anhören.
Hier noch ein lesenswertes Interview mit Hainard in swissinfo.ch von 2007.

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