Geschrieben von Nina Gorgus am 18. Oktober 2007 10:47

Auf den ersten Blick kommt die Dauerausstellung „Repères“ in der Cité nationale de l’histoire de l’immigration leicht und locker daher: die Szenographie wirkt beschwingt, da sich die Gestaltungselemente abwechseln: bunte Vitrinen, Einbauten aus Pappe und Holz, große Leinwände, Monitore, beleuchtete Tische, all das trägt dazu bei, dass man neugierig auf das doch eigentlich schwerfällige Thema Immigration wird. Nach dem Prolog – hier erfährt man auf großen Karten allgemein etwas über die weltweiten Migrantenströme durch die Jahrhunderte, begibt man sich einige Stufen hinunter in den großen, luftigen Ausstellungsraum. Die Geschichte der Immigration in Frankreich wird ab Beginn des 19. Jahrhundert erzählt. Die drei großen Blöcke – Emigrieren, in Frankreich leben und Vielfältigkeiten (also welche Kulturen werden mitgebracht) – werden auf verschiedene Weise erzählt: Zum ersten durch die ganz persönlichen Geschichten einzelner Personen, repräsentiert mit persönlichen Stücken und Interviews, die man sich auf Monitoren anschauen kann. So geht es etwa um die Lebensgeschichte eines Radiomoderatoren aus dem Kongo und seinen Weg nach Paris. Zum zweiten mit einem Blick auf die Geschichte: die beleuchteten Tische thematisieren das große Ganze mit Texten und vielen Fotos. Beispielsweise ist ein Tisch der Herausbildung von Stereotypen des Fremden gewidmet. Zum dritten interpretieren Künstler ihre Sicht auf das Weggehen, Ankommen und Bleiben. So hat zum Beispiel ein Fotograf einen afrikanischen Immigranten auf seiner Irrfahrt durch Afrika bis nach Europa begleitet, ein anderer Künstler machte eine Installation aus Stockbetten und den typischen karierten Plastiktaschen. Diese Kombination von Objekten, Dokumentation und Kunst macht die Stärke der Ausstellung aus, und liefert Anhaltspunkte – so die ungefähre Übersetzung des Ausstellungstitels. Was auch gut gefällt, dass die Ausstellung Stellung bezieht und nicht in einem Bemühen der political correctness versandet.
Ein kleines B-moll (wie man es in Frankreich sagen würde) die Texte sind nur auf französisch.
Über die Cité hier, hier und hier im Museumsblog.
Geschrieben von Nina Gorgus am 16. Oktober 2007 11:55
Es ist ja nicht so, dass es das Musée de l’Homme im Palais de Chaillot in Paris nicht mehr gibt. Doch seit fast die gesamte Sammlung (einschließlich der Bibliothek) ins Musée du Quai Branly gebracht wurde und dort laut wikipedia nur zu einem verschwindenden Bruchteil ausgestellt ist, galt es, sich neu zu orientieren. Darüber hat der Museumsblog schon einmal berichtet.
Nun habe ich die Ausstellung L’Homme exposé besucht. Die Idee, in der Ausstellung die Saga des Menschen und die „Wiedererfindung“ des Museums zugleich zu thematisieren, spiegelt sich auf der museographischen Ebene wider: der Besucher bewegt sich zwischen großen Transportkisten. Sie sind zum Teil geöffnet und geben Blicke auf die Museumsschätze frei, eine andere Inszenierungsform sind große Regale, wie man sie in Depots findet. Der narrative Faden der Ausstellung ist interessant: es geht über die unterschiedlichen Blicke auf den Menschen und darum, wie der Mensch zu unterschiedlichen Zeiten repräsentiert wurde, welche Vorstellungen er sich von dem anderen machte. Es sind sehr interessante Objekte zu sehen – von Schädeln über Gipsabdrücke zu Mumien. Leider ist die Beleuchtung katastrophal, die Texte viel zu lang und die Schrift zu klein. Und irgendwie machte das Museum auch nicht den Eindruck einer Baustelle auf mich. Es wirkte eher verlassen. Vielleicht bringt die neue Ausstellung Femmes du Monde mehr Leben ins Museum.
Geschrieben von Nina Gorgus am 12. Oktober 2007 10:08
Skandal um die Cité nationale de l’Histoire de l’Immigration – zur Eröffnung am 10. Oktober fand kein offizieller Festakt statt. Staatspräsident Sarkozy hatte keine Zeit, ebensowenig der Minister für „Immigration und nationale Identität“; die Kulturministerin schaute abends mal kurz vorbei, so war in Le Monde nachzulesen. Einst ein Projekt der Linken, hat das Projekt eines Immigrationsmuseum nun nach knapp 30 Jahren einen Ort gefunden; Chirac – er hätte wohl gerne eingeweiht – spielte dabei eine entscheidende Rolle. Aber die Wellen schlagen gerade hoch, was Immigration in Frankreich betrifft, da ein neues, restriktives Einwanderungsgesetz durchgepeitscht werden soll. Schom im Juni gab es einen Eklat, als acht HistorikerInnen aus dem wissenschaftlichen Beirat der Cité zurücktraten. Nicht, weil sie das Museumsprojekt nicht weiter unterstützen wollten, sondern weil sie gegen das Sarkozy eingerichteten Ministerium für „Immigration und nationale Identität“ protestieren wollten.
Aber wir können hingehen: Bis zum Sonntag ist der Eintritt frei und es viele Aktionen sind geplant. Zu sehen gibt es neben dem Gebäude die Ausstellung „Repères„. Am Samstag verlagert Radio France das Studio in die Cité.
Die FAZ berichtet in der Printausgabe heute ausführlich darüber.
Cité nationale de l’histoire de l’immigration
293, avenue Daumesnil, 75012 Paris (Métro Porte Dorée)
Dienstag- Freitag von 10-17.30 Uhr geöffnet, Sa und So 10-19 Uhr.
Geschrieben von Nina Gorgus am 3. Oktober 2007 16:18

Gesehen im Mémorial in Caen.
Geschrieben von Nina Gorgus am 28. September 2007 15:36

Ich gebe zu, dass ich schon gerne einmal, wenn auch nur symbolisch, vor ihm gestanden hätte. Nur um zu erfahren, wie groß er eigentlich war. Nun ist leider wieder nichts daraus geworden. Zwar hat das Pariser Armeemuseum im Hôtel des Invalides, wo auch seine sterblichen Überreste liegen, seit letztem Jahr einige Kleinode von Napoelon I. im Dom neu in Szene gesetzt. Darunter ist eben auch der berühmte Umhang und der noch berühmtere Zweispitz. Napoleon I. auf Augenhöhe mit den BesucherInnen? Das ginge dann doch zu weit.
Geschrieben von Nina Gorgus am 28. September 2007 15:24
Die Tagung war schon einmal für Mai angekündigt, wurde dann vertagt und findet nun wirklich zwischen dem 14. und 16. Oktober statt:
Wissenschaftsmuseen im deutsch-französischen Dialog
Dritte Tagung von Expertinnen und Experten der Wissenschaftsmuseen
Berlin, 14.-16. Oktober 2007
Tagungsort ist das Deutsche Technikmuseum in Berlin und man kann sich noch bis zum 30. September anmelden.
Geschrieben von Nina Gorgus am 19. September 2007 18:57




Es ist schon eigenartig: in der am Montag von Staatspräsident Sarkozy eröffneten Cité de l’Architecture et du Patrimoine in Paris sieht man zum größten Teil „nur“ Kopien – und ist doch gehörig beeindruckt. Auf den ersten Blick hat sich wenig geändert: das Musée des monuments français, das seit Ende des 18. Jahrhundert Gips-Moulagen französischer Baudenkmäler sammelt sowie Fresken nachbildet, führt die Besucherin auf einer Etage im großen Seitenflügel des Palais de Chaillot und verschachtelt auf mehreren Etagen die Kunst am Bau in Frankreich von der romanischen Epoche bis ins 18. Jahrhundert vor.Die Moulagen, also die Modelle von Kirchenportalen, Statuen, Säulen… scheinen ihren Platz, als ich das erste Mal vor über 20 Jahren (!) im Musée de monuments français war, nicht verlassen zu haben. Doch das täuscht: eine rigorose Auswahl und eine schöne Museographie, einmal im warmen Rot und zum anderen im kalten Grauweiss setzt die Stücke erst so richtig in Szene. Mit der Farbe zitiert man die Anfänge. Rot war der Ausstellungsraum im Palais du Trocadéro, den man anläßlich der Weltausstellung 1937 abriss bzw. umgebaute.Und Grauweiss war die Farbe nach dem Umbau. Beeindruckend sind die Ausstellungsräume, die sich den Fresken widmen, die räumlich erfahrbar gemacht werden – so tritt man etwa in Kirchenräume. Auch erhält man an einer Stelle Einblick hinter die Kulissen und blickt auf das Gerüst der mächtigen Kirchenkuppel von Cahors. Wer also einmal eine Zeitreise in die Bau- und Kunstgeschichte Frankreichs machen möchte, ist hier richtig am Platz.
Besonders beeindruckt war ich aber vom modernen Teil der Cité. Es wird nicht nur zurückgeblickt, sondern auch die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart thematisiert. Die zweite Etage des sogenannten Pariser Flügel im Palais de Chaillot ist der Architektur seit 1850 gewidmet, mit Modellen, Filmen, Plänen und Fotos. Hier ist die Anordnung nicht chronologisch, sondern thematisch, etwa nach Material, Funktion oder Aufgabensprektrum eines Architekten. Genial ist der Nachbau einer Wohneinheit der Cité radieuse in Marseille von Le Corbusier, den man betreten kann. Vielversprechend ist auch die Wechselausstellung zu neueren Projekten in Frankreich, die das Äußere eines Gebäudes nicht nur als Fassade, sondern als „Haut“ betrachten. Mein Fazit ist also sehr positiv: es war ein aufregender, kurzweiliger Besuch. Das Museums-Café mit (für diesen Ort) moderaten Preisen wird, das ist sicher, aufgrund der Aussicht auf den Eiffelturm sich großer Beliebtheit erfreuen. Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass alle Menschen in der Cité, ob an der Kasse, Garderobe oder im Café durchweg gutgelaunt waren, so dass der Besuch wirklich Freude machte. Deshalb: ein großes Lob! Anschauen.
Geschrieben von Nina Gorgus am 18. September 2007 15:12
Ein eigentümliches, regelrecht glücklich machendes Gefühl beschlich mich neulich, als ich mir die Ausstellung „Que dit le volatile“ im Pariser Musée d’Histoire de France des Nationalarchiv anschaute. In der kleinen, charmanten Ausstellung werden Karikaturen von Roland Moison, dem langjährigen Chef-Karikaturisten von „Le Canard Enchaîné“ mit Schätzen aus dem Nationalarchiv kombiniert. Moisan verquickte in seinen hier gezeigten Karikaturen die Präsidenten Frankreichs mit Motiven des traditionellen Bilderkanons; diese Themen bestimmten die Auswahl der präsentierten Dokumente und Exponate aus dem Nationalarchiv, wie etwa ein Vertrag aus dem 7. Jahrhundert aus Papyrus oder das originale Notenmanuskript der Marseillaise. Das Gefühl ausgelöst haben die Schlüssel der Bastille. Der Sturm auf die Bastille übte im Geschichtsunterricht eine ungeheure Faszination auf mich aus und die Französische Revolution hat sich mir deshalb gut eingeprägt. Und nun lagen die Schlüssel (es waren vier) einfach vor mir, allein durch schlichtes Glas getrennt. Ich konnte nur noch staunen. Museumsgefühl eben. Wegen dieser Glückmomente gehe ich gerne ins Museum.
Geschrieben von Nina Gorgus am 17. September 2007 10:06

Am 10. Oktober wird offiziell eröffnet, doch anläßlich der Journées du Patrimoine konnte das Publikum die zukünftige Cité national de l’Histoire de l’Immigration im Pariser Osten schon einmal besichtigen. Viel zu sehen gab es nicht – an der Dauerausstellung wird wohl noch gearbeitet und am Gebäude selbst, das unter Denkmalschutz steht, kann nicht viel verändert werden. „Baustelle“ war dann auch das Thema des Rundganges, den man mit einem Audioguide machen konnte. Der Hörparcours wurde aus einer Radioreportage zusammengestellt, die eine Journalistin über die Arbeiter der Cité gemacht hat und die man hier anhören kann. Männer aus allen möglichen Ländern der Welt erzählen über ihre Arbeit und ihr Verhältnis zu Frankreich. In Verbindung mit dem Gang durch das Gebäude war das sehr eindrucksvoll. Das Gebäude ist Ausstellungsgegenstand genug: 1931 zur Kolonialausstellung gebaut, muten heute die Fresken, die einen eurozentrischen Blick auf die damaligen Kolonien zeigen, schon etwas merkwürdig an. Hinzu kommt eine kleine Foto-Ausstellung, die den Umbau thematisiert. Höhepunkt für viele (kleine) BesucherInnen bleibt weiterhin das Aquarium, das nun mit neuen Tafeln und Farben etwas frischer wirkt.
Der Herr in Schwarz auf dem unteren Foto ist übrigens Loïc Julienne, einer der beiden Architekten, die das Gebäude umgebaut haben.
Der Museumsblog hat hier schon einmal über die Cité berichtet.


Geschrieben von Nina Gorgus am 2. August 2007 10:30
Der lang angekündigte Neuanfang des nationalen Pariser Volkskundemuseums in Marseille, das als Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée (Mucem) an den Start gehen soll, scheint wieder einmal mehr auf der Kippe zu stehen. Grund dafür ist eine Äußerung der neuen Kulturministerin Christine Albanel in Le Monde vom 9. Juli. Auf ihre geplante Kulturpolitik angesprochen, kündigt die Ministerin an, das bislang vorherrschende Gießkannen-Prinzip beenden zu wollen: „Man muss eine Wahl treffen und die Projekte aufgrund ihres kulturellen Nutzens und ihrer Kosten bewerten, ohne den künftigen Betrieb aus den Augen zu verlieren. Ich werde deshalb jedes aufwändige Projekt prüfen, wie das Auditorium in Paris oder das Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée in Marseille, bei dem möglicherweise das wissenschaftliche Konzept weiter entwickelt werden muss.“
Das werden die Verantwortlichen, Museumsleiter Michel Colardelle und Denis Chevallier, der das Team in Marseille leitet, nicht gerne gelesen haben. Denn schon seit 1999, als der Umzug der Pariser Institution offiziell beschlossen wurde, muss das Mucem ständig Steine aus dem Weg räumen: so zog das Musée du quai Branly in Paris die staatlichen Gelder ab; Marseille setzte sein Geld lieber im neuen Stadtquartier Euroméditerranée ein und hätte dem Museum am alten Hafen den America’s Cup vorgezogen, der dann aber in Valencia stattfand. Eine Kulturministerin, die alles wieder in Frage stellt, hat noch auf der Liste der zu bewältigenden Hindernisse gefehlt.
Dazu auch: Joseph Hanimann in der F.A.Z. vom 22.6.2007: Der Bananenrock von Josephine Baker ist schon da (nicht online)