Geschrieben von Nina Gorgus am 16. Juli 2008 12:54

Museumswärter zu sein, ist anstrengend. Das weiss auch der Vater des Protagonisten von „Mein Herz so weiss“ von Javier Marias, Ranz, der im Prado arbeitet. Ranz hatte beobachtet, dass man die Aufpasser „fantastisch bezahlen und bei bester Laune halten müsse, denn von ihnen hänge nicht nur die Sicherheit und Bewachung, sondern schlicht die Existenz der Gemälde ab.“ Ranz hatte erkannt, dass ein Museumswärter, der zu lange Zeit mit dem selben Gemälde verbringt, Hassgefühle entwickeln kann. Deswegen veranlasste er, dass im Prado jeden Monat die Aufsicht den Standort wechselte. Ranz erzählte weiter, wie er eines Abends vor einem Gemälde von Rembrandt den Wärter Mateu antraf, der schon seit 25 Jahren auf die Bilder des Prado aufpasste. Nun stand dieser mit dem Feuerzeug in der Hand vor dem Gemälde und kokelte den Rahmen an – es handelte sich um das oben abgebildete Gemälde Artemisia – weil er die „dicke Kuh satt“ hatte und gerne einmal die Dienerin sehen wollte, die den Kelch reichte.
„Das ist ja das Schlimme“, sagte er, „dass es für immer so gemalt ist und wir nie wissen werden, was los ist, sehen Sie, Herr Ranz, es ist unmöglich, das Gesicht des Mädchen zu sehen oder zu wissen, was die Alte im Hintergrund soll, das einzige, was man sieht, ist die Dicke mit ihren verdammten Ketten, die nie den Kelch nimmt. Sie soll ihn verdammt noch mal austrinken, damit ich das Mädchen sehen kann, wenn es sich umdreht.“
Ja, und wie geht es weiter? Fackelt der Wärter das Bild noch ab oder nicht? Oder kann ihn Ranz daran hindern, ohne die Gefühle des Wärters zu verletzen? Und kann Mateu weiterhin Museumswärter im Prado sein?
Einfach selbst nachlesen in Javier Marias: Mein Herz so weiss. Ich habe die Ausgabe vom Heyne-Verlag in München von 1992 benutzt; die Begebenheit ist ab S. 133 zu lesen.
Geschrieben von Nina Gorgus am 20. Juni 2008 12:16
Köng Lustik, so wurde der jüngste Bruder von Napoleon genannt, und zwar laut Wikipedia deswegen, da er nicht viel deutsch konnte außer „Morgen wieder lustig!“. Jerôme Bonaparte regierte von Kassel aus zwischen 1807 und 1813 das Königreich Westphalen. Er liebte die Selbstdarstellung, war ein Lebemann und Schürzenjäger, führte aber zugleich wichtige Reformen ein. So gilt er auch als einer der Wegbereiter der Demokratie. Die gleichnamige Landessausstellung im Fridericianum in Kassel würdigt nicht nur diese Aspekte. Die Ausstellung ist auch deswegen so interessant, weil sie ein Lehrstück über Kunstraub ist. Napoleon hatte alle größeren Sammlungen der Länder geplündert, die er bei seinen Feldzügen streifte. Die Bilder wurden erstmals im Louvre ausgestellt, dann an andere Museen weitergegeben und verkauft. In der Ausstellung werden die geklauten Bilder erstmals wieder in Kassel gezeigt – ergänzt von denjenigen, die als Ersatz in Auftrag gegeben worden waren. Die Ausstellung ist ein gute Gelegenheit, Kassel einmal außerhalb einer Documenta zu erleben…
Hr-online berichtet hier ausführlich darüber.
Geschrieben von Nina Gorgus am 13. Juni 2008 12:56
Wenige spielen Fußball, (fast) alle schauen zu: ein echter Tip ist es, dann ins Museum zu gehen. In den meisten Städten haben Museen ja auch mittlerweile mindestens einmal in der Woche abends geöffnet. Mittwoch abend herrschte im Frankfurter Städel Museum eine gähnende Leere: In der Stillleben-Ausstellung (ja, 3l hintereinander) Magie der Dinge schaute sich sogar die Aufsicht die Bilder genauer an. Wer allerdings eine Lilien-Allergie hat, sei hier schon mal vorgewarnt: im Foyer zur Ausstellung steht ein gigantischer Blumenstrauß mit nicht so lieblich duftenden Lilien. Dafür ist er schön anzusehen.
Geschrieben von Nina Gorgus am 30. Mai 2008 09:32
Gestern kam auf Arte zu später Stunde der Dokumentarfilm „Museumsbusiness“.
Es ging um die Expansion der großen Museen und Stiftungen wie Guggenheim und Louvre, also um Bilbao, Atlanta und Abu Dhabi. Laut Programminfo sollte gefragt werden:
„Handelt es sich hierbei um gefährliche Kommerzialisierung oder Vermarktung der Kultur? Oder ist das Herausbilden eines gewissen Kulturbusiness eher positiv, um die Sammlungen zur Geltung zu bringen, neues Publikum zu gewinnen und kulturelle Einzugsgebiete zu erweitern? Bietet es den Institutionen nicht auch die Möglichkeit, ihre Mittel aufzustocken?“
Dazu wurden Thomas Krens, Direktor der Guggenheim-Stiftung, Henri Loyrette, Präsident des Louvre, der damalige zuständige baskische Kulturminister in Bilbao, Mitarbeiter von France-Muséums, der Agentur, die mit der Abwicklung des Louvre Abu Dhabi betraut ist, der Scheich in Abu Dhabi und noch einige mehr befragt. Interessant war der Fall von Bilbao, weil klar wurde, dass es sich um eine baskische Initiative handelte, die sich auch durchzusetzen wußte und allein die Aufwertung der Region im Visier hatte.
Eigentlich, und das betrifft vor allem den Louvre und seinen Expansionsbestrebungen, kamen im Film nur die Personen zu Wort, die wortreich begründeten, dass es sich natürlich um keinen Ausverkauf der Kunst handle, sondern nur um eine bessere Positionierung der Museen. Den positiven Stimmen stand ganz alleine der Kunsthistoriker und Kritiker an den Expansionsplänen des Louvre, Didier Rykner (zugleich Betreiber von la tribune de l’art) gegenüber. Obwohl die beiden französichen Autoren Sylvain Bergère und Stéphane Osmont anfangs die Petition gegen die Expansionspläne des Louvre erwähnten. Wieso kamen hiervon nicht mehr Kritiker zu Wort? Etwa die Kunsthistoriker Jean Clair, Françoise Cachin oder Philippe de Montebello, (noch) Direktor des Metropolitain Museum in New York, der sich dezidiert gegen die Politik der Depandancen ausgesprochen hat? Wollten die nicht oder durften die nicht? Schade, das hätte den Film ausgewogener gemacht. So war mir der Film, mit Verlaub gesagt, zu tendenziös. Und irgendwie auch selbst entlarvend. Wenn wir es nicht tun, so sagte der Leiter der Agentur France-Muséums, dann machen es die anderen. (Heißt das nicht auch übersetzt: die anderen können es nicht so gut wie wir?) Und die Sprecherin des Films sagte: Wenn Frankreich im internationalen Wettbewerb einen Vorsprung hat, sollte es ihn auch nutzen. Um was geht es hier eigentlich? Etwa noch um Kunst?
Den Film kann man sich bei arte hier noch 7 Tage lang anschauen.
Geschrieben von Nina Gorgus am 29. Mai 2008 11:11
So, nun hat Deutschland auch sein Abu Dhabi und seinen Wüsten-Louvre!
„Kultur-Generäle im Wüsten-Einsatz“, so titelte Eckhard Fuhr in der Welt seinen Beitrag über die Reise der drei Direktoren Baumstark, Roth und Schuster, die jeweils die Zusammenschlüsse der Museen in München, Dresden und Berlin leiten. In Dubai soll mit deutscher Hilfe ein Universalmuseum eingerichtet werden, das sich mit den „Grundzügen des Weltwissen“ beschäftigt. Anfang Mai wurde dort ein Vertrag unterzeichnet, in dem festgehalten wird, was die deutschen Museen alles leisten. Dazu Fuhr:
„Die vereinbarte Zusammenarbeit bedeutet weder, dass Dubai mit Petro-Dollars – das Ölgeschäft spielt heute eine nur noch untergeordnete Rolle – deutsche Kunst ins Land holt, noch dass die deutschen Museen bloße Dependancen in der Wüste errichten. Sie umfasst die architektonische, technische und logistische Planung, die Ausbildung von Museumspersonal und den Aufbau von einschlägigen Studiengängen. Schließlich soll in Dubai auch eine eigene Sammlung aufgebaut werden.“
Nun sitzt man an der Ausarbeitung des Konzepts, denn Ende nächsten Jahres (!) soll schon die erste Ausstellung in einem provisorischen Gebäude gezeigt werden. Rem Koolhaas soll es bauen. Das geht ganz schön fix in der Wüste – hier muss man sich wohl auch nicht mit Formalitäten, die eine Demokratie so mit sich bringt, auseinandersetzen, da in Dubai ein Scheich regiert. Über Geld bzw. wieviel wohin fließt, wurde anscheinend nicht gesprochen; voraussichtlich wird das neue Universalmuseum einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Solch eine Summe kommt in Dubai wahrscheinlich aus der Portokasse.
Geschrieben von Nina Gorgus am 28. Mai 2008 14:43
Neulich wurde hier im Museumsblog über eine geplante Ausstellung in Verona berichtet, in der Werke aus dem Louvre zu sehen sein sollten, die zuvor noch nie das Gebäude verlassen hatten und bei der es um viel Geld geht. Nun berichtet der französischsprachige Blog la tribune de l’art (der freundlicherweise gleich die englische Übersetzung mitliefert), dass diese Ausstellung abgesagt wurde; offiziell heißt es dazu:
“Given its present status, there is not enough time to organize this important exhibition, if one takes into account the works required as well as all of the technical, administrative and legal conditions needed to guarantee the arrival, safety and conservation of the masterpieces.”
La tribune de l’art hat vom zuständigen Kurator des Louvre erfahren, dass die Werke aufgrund von fehlenden Sicherheitsvorrichtungen in Verona vom Louvre zurückgezogen worden seien, und die Ausstellung nicht nur aufgeschoben sei.
Die Ausstellung findet also definitiv nicht statt. Sollte die Kritik, wie sie tribune de l’art hier formulierte, etwa angekommen sein?
Geschrieben von Nina Gorgus am 23. Mai 2008 14:34
Ein nun schon seit einigen Jahren fester Bestandteil der Kunstszene Frankfurt am Main ist das AtelierFrankfurt. Im ehemaligen Polizeipräsidium, einem Gebäude in der Nähe des Hauptbahnhofes, das 1914 erbaut wurde, möchte AtelierFrankfurt ein Zentrum für „zeitgemäße künstlerische Prozesse“ sein und „Produktion, Präsentation und Austausch verschiedener Disziplinen“ vereinen. In dem weitläufigen Gebäude haben KünstlerInnen ihre Ateliers und stellen regelmäßig im Projektraum ihre Werke aus. Weitere Ausstellungen finden in der Galerie im Erdgeschoß statt. Zur Zeit ist hier die Fotoausstellung
„(dis)simile – Fotografien aus Europa“ zu sehen. Hier wird in faz.net die Ausstellung, die im Rahmen der Kulturtage der EZB stattfindet, besprochen.
Im Projektraum stellt Sandip Shah seine schönen Bilder mit dem Titel „Izmir Frankfurt“ aus. Beide Ausstellungen sind bis zum 7. Juni zu sehen
ATELIERFRANKFURT, Hohenstaufenstraße 13-25, 60327 Frankfurt am Main
Donnerstag, Freitag, 17.00-20.00 Uhr und Samstag 15.00-18.00 Uhr
Alle Ausstellungen in Frankfurt am Main auf einem Blick gibt es hier.
Geschrieben von Nina Gorgus am 24. April 2008 10:08
Der Louvre steht mal wieder in der Kritik. Dieses Mal geht es um 130 Leihgaben für eine Ausstellung in Verona. Dazu der Kunsthistoriker Didier Rykner in seinem Blog la tribune de l’art:
„The Louvre is still offering great deals. If you are a millionaire and would like to organize an exhibition, this is definitely the place to come: ask for a couple of masterpieces and it will see you get them on condition you pay the right price. It seems that only the Mona Lisa is not for rent. At least officially. But you can have any other Leonardo you want.“
Der Hintergrund: die Leihgaben gehen nicht an ein Museum, sondern werden für vier Millionen Euro einer privaten Gesellschaft überlassen, die die Ausstellung mit Bildern von Goya, Botticelli, Véronèse, Rembrandt, Rubens, Van Dyck, Vélasquez, Greco, Raphaël… ausrichtet. Wohlgemerkt handelt es sich dabei um Bilder, die in den Ausstellungssälen hängen und die das Museum so gut wie nie verlassen haben, darunter auch das „Porträt einer jungen Dame“ (La belle Ferronière) von Leonardo da Vinci. Auf die Frage, warum nun plötzlich Werke ausgeliehen werden, die sonst nie das Gebäude verlassen, sagte ein Sprecher des Louvre der Zeitung Le Monde: „Niemand hatte sie bisher angefragt“, und verweist auf den wissenschaftlichen Charakter der Ausstellung. Andere halten diese Zusammenstellung für einen Vorwand. Mit dem Geld möchte der Louvre Werke restaurieren und weitere Kataloge editieren. Ein Teil des Geldes soll für Abu Dhabi auch schon eingegangen sein. Gleich mal nachschauen, ob die Eintrittspreise im Louvre niedriger geworden sind!
Geschrieben von Eva C.-K am 7. März 2008 19:25
… Leonardo da Vinci. The Art Newspaper veröffentlicht in seiner Märznummer seine jährliche Hitparade der bestbesuchten Ausstellungen und Museen. Spitzenreiter des Besucheransturms war dabei „The Mind of Leonardo“ im okyo National Museum mit 10.071 Besuchern pro Tag. Neben den täglichen Besucherzahlen, werden auch die Gesamtzahlen aufgelistet sowie ein Ranking in verschiedenen Untergruppen: beispielsweise die Top Ten der Kunst des 19. Jahrhunderts („Americans in Paris“ im New Yorker Metropolitan Museum, 3.788/Tag – „Caspar David Friedrich“ in der Hamburger Kunsthalle, 325.000 Gesamt) , der angewandten Kunst („Poiret, King of Fashion“ ebenfalls im Metropolitan, 3.393/Tag – „One of a Kind: the Studio Kraft Movement“, Met, 423.684 Gesamt), der Gegenwartskunst („Richard Serra Sculpture: 40 Years“ im Museum of Modern Art in New York, 8.585/Tag – „Die Guggenheim Sammlung“ in der Bonner Kunsthalle, 811.500 Gesamt)) oder im Bereich Architektur und Design („Kisho Kurokawa“ im National Art Center, Tokyo, 3.280/Tag – „California College of the Arts at 100“, SFOMA, San Francisco, 319.886 Gesamt).
Unumstrittener Spitzenreiter bei den Museen ist der Louvre (8,300.000 Besucher), gefolgt vom Centre Pompidou (5,509.425) und der Tate Modern (5,191.840). Das Wiener Kunsthistorische Museum und das Pergamonmuseum in Berlin finden sich mit respektiv 1,289.572 und 1,134.567 Besuchern im Mittelfeld. Allgemein lässt sich feststellen, dass im Ausstellungsbereich die amerikanischen und asiatischen Museen (Tokyo) die Nase vorne haben, und dass es die „klassischen“ Kunstausstellungen sind die das Publikum magnetisch anziehen.
Geschrieben von Nina Gorgus am 22. Februar 2008 17:28
Erstaunlicherweise sind sich alle einig: der preisgekrönte Entwurf von Schneider + Schumacher für den Erweiterungsbau des Städel Museum in Frankfurt am Main macht den Museumsdirektor, die Sponsoren, die Stadt und sogar die Architekturkritiker glücklich.
Ganz untypisch für Frankfurt spielt sich alles unter der Erde ab. Der Garten vor dem Altbau aus dem 19. Jahrhundert erhält einen sanften Hügel mit Bullaugen, das Bauensemble bleibt nahezu unangetatst. Das ist auch untypisch für die mehr oder weniger spektakulären Museumsbauten, die sich ja in den letzten Jahrzehnt quasi losgelöst vom Inhalt durchzusetzen schienen. Vielleicht wird damit eine neue Phase der Museumsarchitektur eingeleitet.
Dieter Bartezko dazu in FAZ.net.
Christian Thomas in der Frankfurter Rundschau.